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Die Vorwürfe der Heimkinder reichen von sexuellem Missbrauch durch Erzieherinnen und Nonnen bis hin zur Zuhälterei. Sie sollen Geistlichen und Externen gegen Geld überlassen worden sein. Betroffene aus zwei oberbayerischen Heimen äußern sich.

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Missbrauch und Prostitution: Frühere Heimkinder klagen an

Heimkinder aus zwei früheren oberbayerischen Heimen klagen gegenüber dem BR über sexuellen Missbrauch durch Erzieher und Nonnen. Sogar von Zuhälterei ist die Rede. Die Kinder sollen Geistlichen und Externen gegen Geld überlassen worden sein.

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Von
  • Gabriele Knetsch

Losgetreten hatte den Skandal der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann, der im Dezember in einem Interview einen Namen genannt hat: Der frühere Generalvikar Rudolf Motzenbäcker habe sich des sexuellen Missbrauchs an einem ehemaligen Heimkind aus Speyer schuldig gemacht. Jetzt zieht der Missbrauchsskandal weitere Kreise. Im Rahmen von Interviews mit dem Bayerischen Rundfunk melden sich auch Opfer aus Oberbayern zu Wort.

Vorwürfe gegen ehemalige Heime in Oberbayern

Im Fokus der Vorwürfe stehen zwei frühere Kinderheime: das Hänsel-und-Gretel-Heim in Oberammergau - das Personal stellte damals der Orden der Niederbronner Schwestern - und die "Villa Maffei" in Feldafing in Trägerschaft des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Beide Heime unterstanden damals der Kontrolle des Münchner Stadtjugendamtes. Im Raum steht der Verdacht eines pädophilen Täternetzwerkes. Die Staatsanwaltschaft München II hat Vorermittlungen eingeleitet.

Sexuelle Übergriffe im Hänsel-und-Gretel-Heim durch Geistliche

Kurt Reimers lebt heute in Asien, weit weg von allem, was früher passiert ist. Sein Name ist zu seinem Schutz anonymisiert. Im malerischen Haus der "Gruppe Immerfroh" im Hänsel-und-Gretel-Heim hat Reimers zwischen 1962 und 1975 in Oberammergau Dinge erlebt, die man sich kaum vorstellen kann. Im Zentrum seiner Vorwürfe steht die damalige Gruppenleiterin Schwester M.:

"Sie hat mich ja einerseits verprügelt und andererseits hat sie mich nachts ins Bett reingeholt und dann habe ich sie sexuell befriedigen müssen." Kurt Reimers, ehemaliges Heimkind aus dem Hänsel-und-Gretel-Heim in Oberammergau

Schwester M. gehörte dem Orden der Niederbronner Schwestern an, der das Personal stellte. Die Trägerschaft des Heims oblag aber der Stadt München, die das Heim auch kontrollieren hätte müssen. Reimers erhebt weitere schwere Vorwürfe. Er sei im Heim verschiedenen Männern zugeführt worden. Darunter dem Kölner Maristenpater Herrmann S., der die Sommerferien nach Aussage seines Ordens öfters in Oberammergau verbrachte. Pater S. wohnte im Gästehaus des Kinderheims. Dort sei Kurt Reimers durch den Geistlichen brutal vergewaltigt worden. Pater S. verstarb 1999, seine Vergehen wurden vom Erzbistum Köln anerkannt.

Floss Geld an das Heimpersonal?

Aber auch Externen sei Kurt Reimers als Kind zu sexuellen Diensten überlassen worden, darunter einem Pater aus dem Kloster Ettal, der im Heim seelsorgerisch tätig war. Ein Vertreter der Stadt München, der das Heim eigentlich kontrollieren sollte, habe mit ihm "Hoppe-Hoppe-Reiter-Spiele" gemacht. Reimers nennt aber auch Übergriffe durch einzelne Oberammergauer Bürger. Im Rahmen der Sonntags-Messe seien von diesen Oberammergauern Spendengelder an die Schwestern gezahlt worden.

Schwester M. habe die Interessenten dann nachts in ein Gästezimmer gelassen: "Es ist so gelaufen, dass Schwester M. mich nachts aus dem Bett rausgeholt hat: 'Sei so gut, warte da drinnen!'", erzählt Kurt Reimers. "Dann ist der Mann reingekommen, und es ist zum Missbrauch gekommen."

Missbrauchs- und Prostitutionsvorwürfe eines weiteren Betroffenen

Ein weiterer Betroffener, Günther Rix (Anm. d. Redaktion: Name geändert), lebte zeitgleich im Hänsel-und-Gretel-Heim in Oberammergau, allerdings in einer anderen Gruppe, im "Rotkäppchen-Haus". Kontakt hatten er und Kurt Reimers damals nicht, da die Gruppen streng isoliert gehalten wurden. Auch Rix erhebt schwere Vorwürfe gegen mehrere Personen: Die Leiterin seiner Gruppe, Schwester R. habe er oral befriedigen müssen. Sie sei aber nicht nur Täterin, sondern auch Mitwisserin gewesen. Günther Rix bezichtigt wie Reimers den Maristenpater Herrmann S. des schweren sexuellen Missbrauchs.

Außerdem nennt Rix einen weiteren Sommergast, einen namentlich nicht bekannten chilenischen Priester, der im Gästehaus des Heims seinen Urlaub verbracht habe: "Wenn er mich missbraucht hat, sind wir danach noch gegenüber in die Eisdiele Rialto gegangen, da bekam ich eine Eiskugel von ihm spendiert", erzählt Günther Rix. "Das war dann mein Stricherlohn, das war ganz klar mit Wissen der Nonnen, ganz klar."

Günther Rix hat vor dem Landessozialgericht Essen in zweiter Instanz für die Anerkennung einer Opferrente geklagt. Mitte April hat ihm das Gericht nach sieben Jahren Rechtsstreit Recht gegeben. Es billigte ihm eine Opferrente von 283 Euro im Monat zu – "lächerlich wenig", kommentiert Rix.

Stadt München und Orden distanzieren sich von Prostitutionsvorwürfen

Weder der Orden der Niederbronner Schwestern noch die Stadt München bestätigen die Vorwürfe der Kinderprostitution. Nach Aussage der Stadt haben zwar mehrere ehemalige Heimkinder aus Oberammergau Vorwürfe gegen Pater S. und einen weiteren Priester erhoben, aber über Geldzahlungen für sexuelle Dienste der Heimkinder lägen keine Erkenntnisse vor: "Hierzu gibt es außer der schriftlichen Darstellung von Herrn Reimers keine Erkenntnisse oder Berichte von anderen Ehemaligen", heißt es von der Pressestelle des Sozialreferats der Stadt München.

Die beiden beschuldigten Schwestern M. und R. sind inzwischen verstorben. Nach Aussage der Niederbronner Schwestern wurden beide 2014 im Rahmen von staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen befragt. "Schwester M. hat sich im Rahmen einer Befragung im Jahr 2014 von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs oder Schlägen auf das nackte Gesäß distanziert", sagt Schwester Barbara Geißinger, Provinzoberin des Ordens der Niederbronner Schwestern. "Zur vermeintlichen Annahme von Spenden für die Eröffnung von Zugang zu Heimkindern im Hänsel-und-Gretel-Heim gibt es bis auf die von Ihnen zitierte Aussage bislang keine weiteren Hinweise."

Vorwürfe ehemaliger Heimkinder aus der "Villa Maffei" in Feldafing

Robert Waldheim (Anm. d. Redaktion: Name geändert) lebte von 1959 bis 1966 in der "Villa Maffei", einem Heim für Kinder mit Lernbehinderung in Feldafing, das damals dem Paritätischen Wohlfahrtsverband unterstand. Das Personal war weltlich. Dennoch gab es nach Aussage von Waldheim und weiteren Betroffenen Querverbindungen zu Institutionen und Einzeltätern mit katholischem Hintergrund. Waldheims Leidensgeschichte ist von unfassbarem Ausmaß. Er wurde vielfach sexuell missbraucht von zahlreichen Täterinnen und Tätern, an unterschiedlichen Orten. Er sei Opfer demütigender sexueller Rituale geworden.

Waldheim schildert, wie er immer wieder in den Keller des Heims gesperrt wurde und dort mehrmals in der Woche von Erzieherinnen oder Erziehern, sowie vom Pfarrer Otto Ö. von der Kirche Heilig Kreuz sexuell missbraucht wurde. "Die längste Zeit, die ich im Keller des Feldafinger Heims eingesperrt war, war ein Monat", erzählt Robert Waldheim. Manchmal sei jemand vorbeigekommen, habe durch die Klappe geschaut oder ihn mitgenommen. "Entweder kam der Pfarrer. Oder eine Erzieherin. Irgendeiner benützt dich immer da unten. Deswegen haben wir uns immer als 'Verteiler' gesehen. 'Verteiler' heißt, wir wurden manchmal an Leute verteilt."

Die für die Pfarrei zuständige Diözese Augsburg hat Waldheim in Anerkennung des Leids 20.000 Euro bezahlt. Weitere Opfer haben nach Aussage der Diözese sexuelle Übergriffe durch Pfarrer Ö. gemeldet. Waldheim, so schildert er es heute, sei aber auch an andere Täter weitergereicht worden. An verschiedene Pfarrer aus der Umgebung. "Es gab einige Dörfer, wo wir zu Pfarrern hinmussten zu Weihnachten", sagt Robert Waldheim. "Es war kalt draußen, Schnee. Und du hast nur den Keller gekriegt zum Schlafen. Dann musstest du in die warme Bude rauf zu dem Pfarrer. Manchmal eine Woche, manchmal zwei Tage. Und wieder mit Kuvert zurück."

In dem Kuvert sei Geld gewesen, vermuten Waldheim und ein Leidensgenosse aus dem Heim, dessen Aussagen dem Bayerischen Rundfunk ebenfalls vorliegen. In den Sommerferien, so schildern es Waldheim und dieser Betroffene, seien sie mehrmals ins Kloster Ettal gebracht worden – "mindestens viermal", sagt Waldheim heute. Dort seien sie über mehrere Wochen von verschiedenen Personen, darunter Nonnen und Geistlichen, in Kellerräumen missbraucht worden.

Auf Nachfrage des Bayerischen Rundfunks betont Abt Barnabas Bögle vom Kloster Ettal, dass er nichts über den sexuellen Missbrauch wisse und fügt an: "Wir haben keine Hinweise dazu gefunden, dass Heimkinder in den Sommerferien in unserem Kloster waren. Die Ettaler Internatskinder waren in diesem Zeitraum bei ihren Eltern." Es hätten sich keine ehemaligen Heimkinder bei ihnen gemeldet.

Vorwürfe eines organisierten Täternetzwerks

Zwei Privatforscher, Vladimir Kadavy und Jörg Jägers, haben mit Waldheim und zwei weiteren Ehemaligen gesprochen. Sie gehen von einem organisierten Täternetzwerk aus. Die Transporte der Heimkinder nach Ettal mussten organisiert werden, lautet ihr Argument. Auffällig sei zudem, dass Feldafinger Kinder in verschiedenen Institutionen Missbrauch erlitten hätten.

Neben Ettal führen Betroffene ein weiteres Heim für ältere Kinder an, in dem geistliches Heimpersonal übergriffig geworden sei: das Salesianum in München. Der Salesianer-Orden bestätigt in seiner Antwort an den BR, dass sich Betroffene mit dem Vorwurf sexuellen Missbrauchs durch Salesianer-Patres an den Orden gewendet hätten. Aber: "Die Vermutung, dass das Salesianum Bestandteil eines solchen Netzwerks gewesen wäre, kann von uns nicht bestätigt werden."

Ende letzten Jahres wandten sich die Rechercheure Kadavy und Jägers an den Paritätischen Wohlfahrtsverband Bayern. Dieser will die Vorwürfe jetzt aufarbeiten. "Wir hoffen sehr, dass sich im Zuge der Aufarbeitung weitere Betroffene melden werden" sagt Margit Berndl, Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverband Bayern. "Es ist uns wichtig, dass wir das Leid der Betroffenen anerkennen können und natürlich hoffen wir, mehr Informationen zu bekommen, um aufklären zu können."

Ein erster, vorläufiger Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands soll im Sommer vorliegen. Auch die Niederbronner Schwestern und die Stadt München haben inzwischen Aufarbeitungskommissionen angekündigt.

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