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Missbrauch: Lücken bei Prävention sollen geschlossen werden | BR24

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In Bayern können sich Menschen mit pädophilen Neigungen an das Projekt "Kein Täter werden" wenden. Es gibt aber nur eine Anlaufstelle. Zu wenig, sagen Kritiker.

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Missbrauch: Lücken bei Prävention sollen geschlossen werden

In Bayern können sich Menschen mit pädophilen Neigungen an das Projekt "Kein Täter werden" wenden und sich vorsorglich therapieren lassen. Aktuell gibt es in Bayern aber nur noch eine Anlaufstelle. Zu wenig, sagen Kritiker.

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Der Bedarf ist groß. Mehr als 100 Erstgespräche mit möglichen Betroffenen haben Ralf Bergner-Köther und sein Team von "Kein Täter werden" in Bamberg in den letzten Jahren geführt. Ihre Einrichtung ist eine Anlaufstelle für Menschen mit pädophilen Neigungen, die sich vorsorglich behandeln lassen wollen. Das Therapieangebot soll sexuellen Missbrauch an Kindern verhindern, noch bevor es zu ersten Taten kommt.

"Wir haben hier bei uns einige Betroffene, die noch nie irgendwas gemacht haben. Die haben kein Kind angefasst, die haben im Internet keine Missbrauchsabbildungen konsumiert. Die kommen rein präventiv zu uns und sagen: Ich habe Angst, dass ich was machen könnte. Helft mir bitte!" Ralf Bergner-Köther, Leiter "Kein Täter werden" Bamberg

Therapien sind anonym

Studien legen nahe, dass ein Prozent aller Männer pädophile Neigungen haben könnten. In Bamberg bieten die Experten den Betroffenen Einzelgespräche und Gruppentherapien an. In Einzelfällen werden auch Medikamente eingesetzt. Vom Erstkontakt bis zur Therapie läuft alles anonym ab.

Aktuell werden 35 Männer in Bamberg behandelt. Das Ziel der Therapie ist es dabei aber nicht, ihre Pädophilie zu heilen. Eine solche Neigung könne nicht einfach überwunden werden, sagt Bergner-Köther. Betroffene hätten ein Leben lang damit zu tun.

"Das Ziel ist, einen Umgang damit zu erlernen. Also, dass die Person sagen kann: Ich kann für mich die Hand ins Feuer legen, ich werde nichts machen." Ralf Bergner-Köther, Leiter "Kein Täter werden" Bamberg

Bamberg einzige Ambulanz in Bayern

Das Projekt "Kein Täter werden" betreibt Anlaufstellen in ganz Deutschland. Die Ambulanz in Bamberg wird vom bayerischen Justizministerium und den gesetzlichen Krankenkassen finanziert. Für das Ministerium ein Erfolgsprojekt. Doch es gibt ein Problem: Bamberg ist derzeit die einzige Anlaufstelle für den ganzen Freistaat. Zu wenig, sagt auch Ralf Bergner-Köther: "Aus heutiger Sicht muss man ganz klar sagen, Bamberg allein kann nicht ganz Bayern abdecken. Das heißt gerade im südbayerischen Raum gibt es viele Betroffene, die den Weg nicht zu uns finden können. Und da versuchen wir gerade daran zu arbeiten."

Auch Dominik Spitzer, Gesundheitspolitischer Sprecher der FDP im bayerischen Landtag, kritisiert das geringe Angebot seit Langem. Möchte ein Betroffener eine Therapie machen, dürfe das nicht an der Entfernung scheitern. "Wenn Sie überlegen, wenn ich jetzt aus Kempten das Angebot in Bamberg annehmen möchte, dann bin ich 341 Kilometer unterwegs. Deshalb brauchen wir Angebote vor Ort, am besten in jedem Regierungsbezirk", sagt der Abgeordnete und Mediziner. Therapeuten vor Ort oder Hausärzte, wie er selbst, könnten diese Lücke nicht schließen. Dafür würden Experten gebraucht. "Man kann natürlich Fortbildungen besuchen und auf die Angebote verweisen. Aber selbst eine Behandlung durchzuführen, ist natürlich unmöglich", sagt Spitzer.

Regensburger Einrichtung musste schließen

Noch vor einem Jahr war das Angebot in Bayern deutlich besser. In Regensburg hatte sich über Jahre eine "Kein Täter werden"-Anlaufstelle etabliert. Doch weil der Leiter krankheitsbedingt in den Ruhestand gehen musste, schloss die Uni Regensburg den Standort im Sommer ersatzlos. Betroffene standen plötzlich ohne ihre gewohnte Einrichtung da. Viele kamen zwar in Bamberg unter, durch die Umstellung seien aber auch Patienten verloren gegangen, bestätigt Ralf Bergner-Köther.

Jetzt, nach einem Jahr Suche, gebe es aber einen neuen Anlauf am Standort Regensburg, teilt das Justizministerium mit. Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger sei schwierig gewesen, sagt Justizminister Georg Eisenreich.

"Voraussetzung ist ein Leiter mit Erfahrung und der entsprechenden Kompetenz, der das Projekt auch übernehmen möchte. Wir haben jetzt einen Professor am Uniklinikum in Regensburg gefunden. Insofern wird der Standort wieder betrieben werden können." Georg Eisenreich, Justizminister

Bis zum Ende des Jahres soll die Ambulanz ihren Betrieb wieder aufnehmen. Auch ein Teil der ehemaligen Mitarbeiter werde wieder übernommen, sagt Eisenreich. Zusätzlich plant das Ministerium eine weitere Einrichtung für den südbayerischen Raum. Diese soll in den kommenden Jahren wohl in München entstehen. Weitere Einrichtungen in den restlichen Regierungsbezirken sind derzeit nicht geplant.

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