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Die Evangelische Kirche in Deutschland setzt den Betroffenenbeirat zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals aus.

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    Missbrauch: Evangelische Kirche setzt Betroffenenbeirat aus

    Jetzt ist das Zerwürfnis offensichtlich: Die Evangelische Kirche in Deutschland stoppt ihren Betroffenenbeirat, der bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen helfen soll. Der Grund: Rücktritte und interner Streit. Betroffene sind empört.

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    Von
    • Barbara Schneider
    • Andrea Neumeier

    Erst im September 2020 hatte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) einen Betroffenenbeirat gegründet, der sie bei der Aufarbeitung des Missbrauchskandals begleiten soll. Jetzt setzt die EKD den Beirat vorläufig aus.

    Rücktritt mehrere Mitglieder und Antrag auf Auflösung

    Die EKD will nun die Beteiligung Betroffener an der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt neu ausrichten. Als Grund nennt die EKD interne Konflikte und Rücktritte aus dem zwölfköpfigen Gremium, so dass eine Weiterarbeit des Rates nicht möglich sei. "Nach den Rücktritten mehrerer Mitglieder aus dem vor einem knappen halben Jahr gegründeten Betroffenenbeirat und einem Antrag auf Auflösung aus dem Gremium heraus ist die bisherige Konzeption gescheitert", teilte die EKD am Montagabend in Hannover mit.

    Einen Skandal nennt Detlev V. Zander, Mitglied des Betroffenenbeirates, das Vorgehen der EKD. "Ohne Betroffenenbeteiligung kann die EKD die Gewalttaten, die in der Kirche geschehen sind, nicht aufklären. Die EKD hat immer noch die Deutungshoheit. Sie setzt die Leitplanken, aber ohne Betroffenenbeteiligung geht es nicht", so Detlev V. Zander im Gespräch mit dem BR.

    "Interne Konflikte" oder Instrumentalisierung von Betroffenen?

    Die EKD nennt in der Mitteilung vor allem interne Konflikten im Gremium als Grund. Kerstin Claus vom Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) kritisiert diese Darstellung: "Das was die Evangelische Kirche macht, in dem sie jetzt auf interne Streitigkeiten verweist, wird deutlich dementiert von einer großen Zahl der Betroffenen. Das heißt hier entsteht der Eindruck, dass Betroffene instrumentalisiert werden, vermeintliche Zwistigkeiten genutzt werden, um kritische Betroffene mundtot zu machen."

    Mangelnde fachliche Begleitung und fehlende Transparenz

    Kritiker werfen der EKD mangelnde fachliche Begleitung, fehlende Transparenz und einseitiges Agieren vor, um sich so der Kritik der Betroffenen an der unzureichenden Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt zu entziehen.

    "Die Mehrzahl der Betroffenen, also auch die, die in den vergangenen Monaten zurückgetreten sind, hat sich mittlerweile öffentlich geäußert und gesagt: Die Evangelische Kirche hat nie die notwendige Transparenz, die notwendigen Ressourcen, eine klare Arbeitsgrundlage und eine Zielbeschreibung, wofür sie die Beteiligung überhaupt haben möchte, vorgelegt", sagt Kerstin Claus im Gespräch mit dem BR.

    Bisher 785 Missbrauchsopfer von EKD ermittelt

    Bislang hat die EKD rund 785 Opfer von Missbrauch unter kirchlichen Dächern ermittelt. "Die Beteiligung von Betroffenen an der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt ist für die evangelische Kirche zentral und unverzichtbar. Daran halten wir fest", so der Sprecher des Beauftragtenrates, Landesbischof Christoph Meyns aus Braunschweig "In der aktuellen Situation ist jedoch deutlich geworden, dass die bisher gewählte Form der Beteiligung an Grenzen gestoßen ist. Das ist für alle Beteiligten äußerst schmerzlich."

    Laut Meyns gehe es nicht nur um die Betroffenen selber, sondern auch selbstkritisch um die EKD und die Frage, was die richtige Konzeption der Betroffenenbeteiligung sei. Die Fragen sei, ob der Auftrag, den die EKD gegeben habe, zu unklar gewesen sei oder vielleicht seien die Aufgaben nicht gut genug kommuniziert worden, räumt Meyns im Gespräch mit dem BR ein. "Wir sind auch im Moment ein bisschen ratlos und versuchen von der externen Evaluation wirklich Einsichten darüber und auch Perspektiven für die Zukunft zu bekommen."

    Landesbischof Meyns hofft weiter auf Beteiligung der Betroffenen

    Der Sprecher des Beauftragtenrates hofft, dass sich die Betroffenen weiter an der Ausarbeitung beteiligen und ihre Perspektiven, auf das was aus ihrer Sicht schief gegangen sei, mit einbringen. Vorher müsse aber die externe Evaluation abgewartet werden, zu der spätestens im Herbst Ergebnisse vorliegen sollen.

    Meyns glaubt, dass es "sehr unterschiedliche Erwartungen an die Rolle des Betroffenenbeirates" gab und keine klare Meinung, wie man sich positionieren wolle. Es habe durchaus konkrete Arbeitsvorgaben gegeben. Trotzdem sei es dann zu internen Konflikten gekommen, die zu einer Blockade geführt hätten. Die Schuld wolle er aber keinesfalls bei den Betroffenen suchen, so Meyns.

    Missbrauchsbeauftragter: "traurige Situation"

    Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hat die Vorgänge um die Aufarbeitung von Missbrauch in der evangelischen Kirche bedauert. In dieser Situation sollten sich alle Beteiligten "nochmal an einen Tisch setzen", sagte Rörig der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Dies solle möglichst unter der Beteiligung unabhängiger Dritter geschehen.

    Rörig sprach von einer "traurigen Situation", die er "sehr bedauere". Beide Seiten, EKD-Vertreter und Betroffene, hätten möglicherweise die Herausforderungen für eine solche Zusammenarbeit unterschätzt. Möglicherweise seien auch die Ziele und Grenzen einer Partizipation von Betroffenen unzureichend geklärt gewesen. Rörig hofft, dass dies durch die Erarbeitung einer gemeinsamen Geschäftsgrundlage noch nachgeholt werden könne.

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