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Missbrauch bei Domspatzen: Chor-Erfolg stand über allem | BR24

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Bis in die 90er Jahre hinein hat es bei den Regensburger Domspatzen Gewalt und sexuellen Missbrauch gegeben.

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Missbrauch bei Domspatzen: Chor-Erfolg stand über allem

Warum mussten die Regensburger Domspatzen jahrzehntelang körperliche und sexuelle Gewalt erdulden? Weil dem Erfolg des Knabenchors alles untergeordnet wurde, auch das Wohl der Kinder. Das ist das Fazit zweier Studien zu den Vorfällen.

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Die komplette Fokussierung auf den Chor hat laut einer Studie der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden die jahrzehntelangen Gewalt- und Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen begünstigt. Dem Chor sei alles untergeordnet worden, auch das Wohl der Kinder.

Nur die Stimmen waren wichtig

Die Schulen und Internate seien für die Domkapellmeister nur unter dem Aspekt interessant gewesen, wie viele gute Stimmen sie bekommen, etwa aus der Vorschule in Etterzhausen. Die pädagogische Qualität des Personals in den betreffenden Jahrzehnten sei schlecht gewesen und habe auch nicht interessiert. Zudem sei systematisch Angst erzeugt worden, etwa durch Gewaltsanktionen im Beisein anderer.

Abgeschottetes System begünstigte Missbrauch

Eine weitere, historische Studie des Lehrstuhls für Bayerische Landesgeschichte an der Universität Regensburg sieht auch das komplexe Organisationsgeflecht der Domspatzen als begünstigenden Faktor. Die Verfasser werfen diversen Behörden und Instanzen, aber auch der damaligen Elternschaft zudem mangelnde Kontrolle und mitunter Desinteresse vor.

Was wusste Chorleiter Georg Ratzinger?

Die Studie geht auch auf die Rolle des früheren Domkapellmeisters Georg Ratzinger ein. Von einem sadistischen System könne man bei ihm im Gegensatz zum damaligen Internatsleiter der Grundschule, Johann Meier, nicht sprechen. Zwar habe Ratzinger bei Chorproben zu Jähzorn und überzogener Strenge geneigt, einschließlich harter Körperstrafen und psychischer Demütigungen. Seine Gewaltausbrüche seien allerdings viel eruptiver und reaktiver gewesen. Außerhalb der Chorproben hätten ihn Schüler als persönlich wohlwollend erlebt.

"Es ist ausgeschlossen, dass Ratzinger nichts vom Prügelregime Meiers gewusst hat. Wirkungsvoll eingegriffen hat er nicht." Professor Bernhard Löffler, Verfasser der Studie

Unter Johann Meier waren im Grundschulinternat Demütigungen, Schläge und Übergriffe aller Art Alltag für die Jungen.

Schuldzuweisung an 68er-Bewegung nicht haltbar

Die Macher der Studie wiesen Äußerungen des emeritierten Papsts Benedikt XVI. zurück, der den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche mit der 68er-Bewegung erklärt hatte. Die Gewalt bei den Domspatzen sei "deutlich überwiegend" mit Ausnahme eines Einzelfalls nicht Folge der 68er-Pädagogik, sagte Bernhard Löffler.

Die bei dem weltberühmten Chor verbreitete Gewalt sei viel mehr als Teil eines Erziehungsalltags zu erklären, der weit vor den 68er-Reformen etabliert gewesen sei. Der emeritierte deutsche Papst hatte im Frühjahr in einem Aufsatz die 68er-Bewegung angegriffen und ihr etwa zugeschrieben, Pädophilie erlaubt zu haben. Der Aufsatz sorgte in Deutschland für große Empörung.

Die neuen Studien haben die Missbrauchsfälle wissenschaftlich aufgearbeitet, die in den Einrichtungen der Domspatzen zwischen 1945 und 1995 geschehen sind. Eine 2017 veröffentlichte umfassende Studie hatte gezeigt, dass mindestens 547 der Chorknaben in der Nachkriegszeit Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt geworden waren. Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer bekräftigte eine frühere Entschuldigung bei den Opfern der Übergriffe.

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Der Regensburger Dom

Ehemaliger Domspatz spricht von "Todesängsten"

Peter Schmitt ist ehemaliger Domspatz, heute 58 Jahre alt. Seine Vorschule in Etterzhausen bei Regensburg erlebte er "als Hölle". Man habe in Etterzhausen keinen Kontakt zur Außenwelt gehabt, sagt er.

"Es war klar, dass alles was dort passiert nur in diesem geschlossenen, autoritären System passiert. Was nach außen getragen wurde, wurde größtenteils nicht geglaubt oder es wurde gesagt ´Jetzt übertreib mal nicht so`." Peter Schmitt, ehemaliger Domspatz

Sich als Einzelner der Gewalt dort zu entziehen, wäre unmöglich gewesen. Viele Schüler haben versucht das Internat am Nachmittag zu verlassen. Sie sind dann vom Direktor zurückgebracht worden, wo sie massiven Strafen ausgesetzt waren, immer wieder, wie ein Ritual. Das bestätigt auch eine der Studien. Schmitt habe in der Vorschule der Domspatzen Todesängste gehabt. Das habe sich erst geändert, als er auf das Musikgymnasium nach Regensburg gewechselt sei.

"Etterzhausen und Regensburger Domspatzen in Regensburg war wie Himmel und Hölle. Etterzhausen war für mich die Hölle." Peter Schmitt, ehemaliger Domspatz

Mahnmal soll an Missbrauchsopfer erinnern

Bischof Voderholzer kündigte bei der Präsentation der Studien an, dass künftig ein Mahnmal an die Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen erinnern solle. Es soll Anfang kommenden Jahres aufgestellt werden, auf dem Gelände der Schule des weltberühmten Chors. Den Text auf dem Mahnmal sollen Schüler verfassen, er wird noch ausgewählt.

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BR-Reporter Wölfel