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Missbrauch bei den Domspatzen: Der Kampf um die Aufarbeitung | BR24

© BR/Volker Schmidt

Die Regensburger Domspatzen im Dom in Regensburg.

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    Missbrauch bei den Domspatzen: Der Kampf um die Aufarbeitung

    Die Regensburger Domspatzen sind einer der ältesten und berühmtesten Knabenchöre der Welt. Gleichzeitig steht der Name wie kaum ein anderer für den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Eine Chronologie der Aufklärung und Aufarbeitung.

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    Januar 2010: Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden erste Verdachtsfälle bekannt. Darauf folgen weitere katholische Institutionen, wie etwa das Internat der Benediktiner in Ettal – der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche nimmt seinen Anfang.

    März 2010: Das Bistum Regensburg erklärt, dass es auch bei den Domspatzen zu Übergriffen kam. Später kündigt die Diözese an, Gerechtigkeit für die Opfer herstellen zu wollen. Außerdem soll es einen Verhaltenskodex für Kirchenmitarbeitende geben. Mehrere Betroffene der Domspatzen äußern sich in Interviews mit verschiedenen Medien.

    Der damalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller greift die Medien scharf an: "Solche, die um jeden Preis die katholische Kirche um ihren guten Ruf bringen wollen, haben sich die 'Regensburger Domspatzen' als Opfer ausgesucht. Ein Glanzstück des Bistums Regensburg soll in den Dreck gezogen werden."

    März 2011: Die damalige Missbrauchsbeauftragte des Bistums stellt ein Jahr nach Bekanntwerden einen ersten Zwischenbericht vor. Konkrete Zahlen zu Betroffenen nennt sie damals nicht. Mit Verweis auf frühere Gerichtsverfahren spricht sie von zehn Geistlichen, die seit 1945 Täter geworden seien.

    2012 bis 2015: Ehemalige Domspatzen kritisieren immer wieder, dass ihre Anträge auf finanzielle Anerkennungsleistung nicht anerkannt worden seien. Betroffene wie Udo Kaiser sagen, sie würden als Lügner und Nestbeschmutzer bezeichnet.

    Juli 2012: Bischof Gerhard Ludwig Müller verlässt das Bistum Regensburg und wird Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan.

    Januar 2013: Rudolf Voderholzer wird neuer Bischof von Regensburg.

    Mai 2014: Ehemalige Regensburger Domspatzen demonstrieren auf dem Regensburger Katholikentag.

    November 2014: Der Missbrauchsbeauftragte des Bistums legt einen Zwischenbericht vor. Demnach wurden in der gesamten Diözese 30 Opfern rund 158.000 Euro gezahlt.

    Januar 2015: Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer entschuldigt sich in seiner Predigt zu seinem Weihejubiläum bei den Opfern: "Zwei der damaligen Verantwortlichen in Etterzhausen und Pielenhofen (Vorschulen der Domspatzen, Anm. d. Redaktion) haben den Buben durch ihr Terrorsystem, dessen einzige pädagogische Maßnahme offenbar die körperliche Züchtigung war, die Hölle bereitet." Voderholzer trifft immer wieder Opfer zum Gespräch.

    Februar 2015: Das Bistum Regensburg kündigt an, 72 Opfern körperlicher Gewalt aus der früheren Vorschule des Internats der Regensburger Domspatzen in Etterzhausen und Pielenhofen jeweils 2.500 Euro zu zahlen.

    April 2015: Die Domspatzen und das Bistum Regensburg beauftragen Rechtsanwalt Ulrich Weber. Er soll Misshandlungen und sexuellen Missbrauch bei den Domspatzen aufklären.

    Januar 2016: Weber spricht in einer ersten Zwischenbilanz davon, dass mindestens 231 Kinder in den Einrichtungen der Domspatzen misshandelt oder sexuell missbraucht worden seien. Außerdem nimmt er eine hohe Dunkelziffer an. Der Anwalt rechnet daher mit bis zu 700 Opfern.

    Februar 2016: Ein Aufarbeitungsgremium mit Opfern, Vertretern des Bistums und der Domspatzen nimmt seine Arbeit auf. Sie diskutieren Konzepte, wie Betroffenen geholfen werden könne und wie finanzielle Leistungen aussehen sollen.

    Oktober 2016: Das Aufarbeitungskonzept wird vorgestellt: Opfer sollen zwischen 5.000 und 20.000 Euro bekommen, außerdem wird ihnen psychologische Hilfe angeboten. Forscher werden mit einer kriminologischen und einer historischen Studie beauftragt.

    Juli 2017: Sonderermittler Ulrich Weber legt seinen Abschlussbericht vor. Demnach haben 500 Domspatzen seit 1945 körperliche Gewalt erlitten, 67 sexuelle Gewalt. Betroffen sind laut Bericht alle Institutionen, also Schulen, Internate und die Musikerziehung. Von den als "hoch plausibel" ermittelten 49 Tätern seien neun sexuell übergriffig geworden. Unter den Tätern seien Internatsdirektoren, ein Vorschuldirektor, Präfekte und viele Angestellte vertreten. Weber sagte, einschließlich der Dunkelziffer könnte die Gesamtzahl der Opfer bei 700 liegen. Der rund 450 Seiten starke Bericht wird im Internet veröffentlicht. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, lobt die Aufarbeitung.

    September 2018: Das Bistum Regensburg erklärt, dass es an Opfer sexuellen Missbrauchs sowie körperlicher Gewalt seit dem Jahr 2010 rund 4,3 Millionen Euro gezahlt habe. Davon würden mehr als 3,2 Millionen Euro allein auf Betroffene der Regensburger Domspatzen entfallen. Ehemalige Mitglieder des Knabenchors stellten demnach 321 Anträge wegen körperlicher Gewalt, weitere 34 Personen wegen sexueller und teilweise auch körperlicher Gewalt.

    Juli 2019: Die kriminologische und historische Studie werden vorgestellt. Die Forscher beschreiben die Domspatzen als "totale Institution", die alle Lebensbereiche der Schüler steuerte. Hier seien "eigene moralische Maßstäbe" gesetzt und eine Atmosphäre der Angst erzeugt worden. Strafen seien zu allen Tages- und Nachtzeiten ausgeführt worden. Die Historiker sprechen davon, dass der chorische Erfolg über alles andere gestellt worden sei. Außerdem hätten frühere Verantwortliche nichts gegen die Taten unternommen. Beide Studien sind veröffentlicht worden.