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Ministerium relativiert: Bis Pfingsten doch noch Schulaufgaben

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Ministerium relativiert: Schulaufgaben bis Pfingsten möglich

Nein, ja, nein, jein: Das bayerische Kultusministerium sorgt mit Aussagen zu Schulaufgaben für viel Verwirrung bei Lehrern, Schülern und Eltern. Jetzt heißt es: Bis zu den Pfingstferien dürfen doch noch Tests geschrieben werden - mit Einschränkung.

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Von
  • Petr Jerabek
  • Christoph Dicke

Die Nachricht verbreitete sich am Montagnachmittag schnell in bayerischen Klassenchats: keine "großen Leistungsnachweise" mehr an vielen weiterführenden Schulen bis zu den Sommerferien. Bayern wolle "keinen übermäßigen Druck" auf die Schüler, sagte Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) zur Begründung. An Realschulen, Gymnasien und Wirtschaftsschulen sollen nur noch Stegreifaufgaben oder mündliche Abfragen möglich sein. Somit wären auch alle für diese und nächste Woche angesetzten Schulaufgaben vom Tisch gewesen.

Bei so manchem Lehrer stießen die Worte des Ministers auf Verwunderung. Denn im sogenannten Kultusministeriellen Schreiben, nach dem sich die Schulen richten müssen, war zu lesen, dass es erst nach den Pfingstferien keine großen Leistungsnachweise mehr geben dürfe. Der Aussage des Ministers stand also ein offizielles Dokument seines eigenen Hauses gegenüber - was davon stimmt?

Kehrtwende beim Ministerium

FDP-Bildungsexperte Matthias Fischbach zeigte sich entsetzt über das Wirrwarr: "Jetzt dürfen die Lehrer den Schülern erklären, dass sie doch morgen Schulaufgaben schreiben", twitterte der Landtagsabgeordnete am Montag. Schüler, Eltern und auch Lehrer verlangten derweil vom Ministerium Aufklärung. "Bitte um eine klare Aussage", twitterte die Mutter eines Schülers. "Werden Schulaufgaben bis Pfingsten geschrieben oder nicht?" Und der zweite Konrektor einer niederbayerischen Realschule kritisierte: "Vielen herzlichen Dank liebes Ministerium, dass wir als Schulleitung vor Ort von diesen einschneidenden Änderungen aus der Presse bzw. auf Twitter erfahren... Es gibt kein besseres Gefühl, wenn Eltern nachfragen und man offiziell von nichts weiß!"

Der Bayerische Rundfunk hakte beim Kultusministerium nach. Am Montagabend hieß es zunächst, Piazolos Aussage gelte. Also: ab sofort keine Schulaufgaben mehr. Am Dienstagmittag dann eine teilweise Kehrtwende: Bereits angesetzte große Leistungsnachweise dürften noch geschrieben werden, sagte ein Ministeriumssprecher. Allerdings mit einer Einschränkung: Die Note werde nur dann gewertet, wenn sie zur Verbesserung der bisherigen Gesamtnote im jeweiligen Schulfach beitrage. Kein Schüler könne sich also verschlechtern, betonte der Sprecher.

Piazolo: "Druck rausnehmen"

Für bereits angesetzte Schulaufgaben hätten die Kinder und Jugendlichen ohnehin schon gelernt - eine kurzfristige Absage sei daher nicht sinnvoll, argumentierte der Ministeriumssprecher. Der Haken: So mancher angekündigte Test wurde zwischenzeitlich wieder abgesagt - oder zu einem kleinen Leistungsnachweis umdeklariert, wie Schüler und Eltern dem BR schilderten. FDP-Politiker Fischbach kritisierte: "Den Schulen das Instrument der Schulaufgabe zu nehmen, sorgt für ungerechtere Benotungen - oder ein Ausweichen auf Kurzarbeiten und ähnliches."

Piazolo, der sich am Nachmittag schließlich noch einmal zu Wort meldete, warnte derweil davor, statt großer nun viele kleine Leistungsnachweise zu schreiben. "Das ist nicht im Sinne unserer Vorgaben, wo wir ganz bewusst sagen: Druck rausnehmen." Dieser Appell gelte ab sofort - für alle Schularten. Und die Botschaft sei "sehr wohl angekommen", betonte der Minister. Es gebe aber "relativ wenige Schulen", die vor Pfingsten bereits große Leistungsnachweise angesetzt hätten. Diese könnten noch, müssten aber nicht geschrieben werden - zur Noten-Verbesserung. Ziel für die nächsten Wochen sei, eine "Ankommensphase" zu haben und pädagogisch auf die Herausforderungen zu reagieren.

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Kultusminister Piazolo im BR-Gespräch

Bildungsgewerkschaft warnt vor "Scherbenhaufen"

Die Bildungsgewerkschaft GEW Bayern begrüßt diese Linie. "Es ist richtig, die Schulaufgaben abzusagen", sagte GEW-Landeschefin Martina Borgendale. Im Wechselunterricht kämen die meisten Schülerinnen und Schüler nach den Ferien maximal noch auf vier Wochen Schule. "Die letzten Monate waren eine große Belastung und es kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle Schülerinnen und Schüler den erarbeiteten Stoff auch beherrschen." GEW-Vizechef Florian Kohl zeichnet ein düsteres Bild: "Ich befürchte, dass der Scherbenhaufen enorm sein wird." An den Schulen müsse jetzt genau hingeschaut werden. "Die Kinder benötigen verständige Lehrkräfte, die mit ihnen die entstandenen Lücken aufdecken und bearbeiten. Noten- und Leistungsdruck braucht gerade niemand."

Auch der Bayerischer Lehrer-und Lehrerinnenverband (BLLV) begrüßte die Entscheidung des Kultusministers als "Schritt in die richtige Richtung". Für Lehrerinnen und Lehrer sei es sehr wichtig, "den Druck rauszunehmen und den Kindern und Jugendlichen das zu geben, was sie jetzt brauchen: Beziehung, Kontakt, Kommunikation und Zeit", betonte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. "Leistungs- und Notendruck schaden – immer schon und jetzt in Zeiten von Corona erst recht."

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Ministerium relativiert: Schulaufgaben bis Pfingsten möglich

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