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Milliardenschwerer Anlagebetrug bei bayerischen Denkmälern? | BR24

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Es ist womöglich einer der größten Anlegerskandale der vergangenen Jahre in Deutschland: Ein Immobilienunternehmen steht im Verdacht, ausländische Investoren um ihr Geld gebracht zu haben. Hätten deutsche Behörden das verhindern können?

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Milliardenschwerer Anlagebetrug bei bayerischen Denkmälern?

Es ist womöglich einer der größten Anlegerskandale der vergangenen Jahre in Deutschland: Ein Immobilienunternehmen steht im Verdacht, ausländische Investoren um ihr Geld gebracht zu haben. Hätten deutsche Behörden das verhindern können?

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Von
  • Anna Klühspies
  • Nils Naber
  • Stella Peters

"Ich habe es in 36 Jahren Strafverteidigererfahrung noch nie erlebt, dass eine Staatsanwaltschaft so lange wartet," sagt der Rechtsanwalt und FDP-Politiker Wolfgang Kubicki. Er vertritt englische Anleger und kritisiert das Verhalten der Staatsanwaltschaft Hannover im Fall der German Property Group. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen mutmaßlichem Anlagebetrug und Insolvenzverschleppung. Im Sommer 2020 hat die German Property Group Insolvenz angemeldet. Dieser Skandal betrifft aber nicht nur Anleger in der ganzen Welt, sondern auch Kommunen in Bayern.

Beispiel Bad Aibling: Hier wundert man sich schon lange über das Immobilienunternehmen German Property Group (GPG). Seit Jahren verfällt ein Teil der denkmalgeschützten alten Brauerei am Kellerberg: Dabei hatte die GPG, ehemals Dolphin Trust, eine Sanierung angekündigt. 2014 kaufte die Firma das Objekt, doch seitdem ist nichts passiert. Bürgermeister Stephan Schlier und die Gemeinde müssen dabei zusehen, wie das Gebäude immer weiter herunterkommt: "Man ist verärgert und gleichzeitig machtlos, uns sind die Hände gebunden."

Erst Anfang 2020 legt die GPG eine Machbarkeitsstudie vor, doch wenige Monate später reißt der Kontakt zum Eigentümer ab. Seitdem hat man in Bad Aibling nichts mehr von dieser Firma gehört.

Lukratives Geschäftsmodell

Seit fast zwei Jahren recherchiert der Bayerische Rundfunk gemeinsam mit Kollegen von HR, MDR, NDR, BBC und Süddeutscher Zeitung zu den Geschäften der German Property Group. Begonnen hat alles 2008 in Hannover Langenhagen. Der Geschäftsmann Charles Smethurst gründete damals die Firma Dolphin Capital, die zwischenzeitlich Dolphin Trust und seit 2019 German Property Group heißt. Die GPG gab sich weltweit als Spezialist für die Entwicklung von denkmalgeschützten Immobilien aus und sammelte für deren Kauf bei ausländischen Investoren Geld ein. GPG warb damit, die Gebäude zu sanieren und mit Gewinn weiterzuverkaufen. Die ausländischen Anleger sollten dann ihr Geld inklusive hoher Rendite von bis zu 15 Prozent zurückbekommen.

Doch bei vielen der denkmalgeschützten Gebäude hat nach unseren Recherchen auch Jahre nach dem Kauf keine sichtbare Sanierung stattgefunden. So warten zum Beispiel in Augsburg rund 50 Wohnungen seit Jahren auf ihre Fertigstellung. In Reichertshofen bei Ingolstadt verfällt seit Jahren die denkmalgeschützte Mühle, das Wahrzeichen des Ortes. Zwischen 60 und 100 Immobilien, so eine Schätzung, soll das Unternehmen in Deutschland besitzen.

Weltweit warten Anleger auf ihr Geld

Während in Deutschland augenscheinlich nicht saniert wird, warten Anleger weltweit auf die Rückzahlung ihrer Investments. So wie Mark Hambling. Der Brite hat der German Property Group viel Geld gegeben. Jetzt hat er Angst, es nie wieder zu sehen: "Ich fühlte mich absolut sicher. Deutschland hat den Ruf, dass hier eine sehr korrekte Buchhaltung betrieben wird. Was konnte da falsch laufen?" Insgesamt soll ungefähr eine Milliarde Euro an Anlagegeld eingeworben worden sein, der Verbleib von mehreren hundert Millionen Euro an Investorengeldern ist aktuell unklar.

Das Geld der Anleger floss in ein unübersichtliches Geflecht von Firmen, von denen es insgesamt mehr als 200 geben soll. Die Anlegergelder wurden zwischen diesen Firmen verschoben, die Geldflüsse sind völlig unübersichtlich. Der vorläufige Insolvenzverwalter Gerrit Hölzle erklärte, er habe eine "unsortierte, in vielen Fällen veraltete und lückenhafte Datenlage" vorgefunden. Wie die Mittel der Anleger eingesetzt wurden, ist deshalb schwierig nachzuvollziehen. Der aktuelle Insolvenzverwalter der GPG will sich derzeit nicht öffentlich zu dem Verfahren äußeren.

Was ist mit dem Geld der Anleger passiert?

Nach Recherchen von NDR, BR und SZ haben über Jahre viele Menschen in und um die German Property Group vom Geld der Anleger profitiert. Finanzvermittler sollen für ihre Dienste Provisionen in Höhe von bis zu 20 Prozent bekommen haben. Teilweise soll an die Vermittler sogar noch mehr Geld geflossen sein. Gründer Charles Smethurst hat sich selbst Privatdarlehen in Höhe von rund 3 Millionen Euro gewährt. Und: Er hat nach Recherchen offenbar über Jahre Geld in das Modegeschäft und den TV-Shoppingkanal seiner Frau Manou Lenz gepumpt. Dokumente legen nahe, in ihre Geschäfte sollen mindestens neun Millionen Euro, mutmaßlich Anlegergeld, geflossen sein. Belege, dass die Frau vom Geschäftsgebahren ihres Mannes wusste, liegen uns nicht vor. Fragen nach diesen Geldflüssen ließ das Ehepaar unbeantwortet.

Die Rolle der Aufsichtsbehörden

Die German Property Group war offenbar schon seit Jahren in einer finanziellen Schieflage. In uns vorliegenden Dokumenten vermutet ein Steuerberater Anfang 2019, "dass die Gesellschaft möglicherweise durchgängig seit 2015 bilanziell überschuldet ist und war." Allerdings ging das Geschäft noch über Jahre weiter.

Hätten deutsche Behörden die GPG stoppen können? Der Münchner Anwalt Peter Mattil vertritt Anleger und sagt, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz BaFin, hätte genauer hinsehen müssen. "Wenn jemand Bankgeschäfte macht, das heißt Darlehen annimmt und verspricht, sie zurückzuzahlen, dann ist das nach der Definition unserer Gesetze ein Bankgeschäft."

Wer keine Bankerlaubnis habe, so Mattil, betreibe ein verbotenes Bankgeschäft. Dieses hätte beendet werden müssen. Die BaFin äußert sich trotz mehrfacher Nachfrage zu den Bankgeschäften nicht. Es heißt, vier Anleihen seien überprüft worden. Unregelmäßigkeiten wurden nicht festgestellt.

Bemerkenswert ist, dass für die vergangenen Jahre offenbar mehr als 700 Jahresabschlüsse von GPG-Gesellschaften fehlen. Von Dolphin Trust liegt seit 2014 keine Bilanz mehr vor. Und das, obwohl Unternehmen gesetzlich verpflichtet sind, ihre Bilanzen jährlich zu veröffentlichen. Das zuständige Bundesamt für Justiz mahnte unseren Recherchen nach mehrfach eine Offenlegung an und verhängte Ordnungsgelder. Möglicherweise wurden diese Strafzahlungen von GPG-Gesellschaften vielfach entrichtet, ohne dass eine Bilanzveröffentlichung erfolgte. Solange die Strafen gezahlt werden hat das Bundesamt für Justiz keine weitere Handhabe, teilt es auf Nachfrage mit.

Ermittlungen eingeleitet

Bei der Staatsanwaltschaft Hannover gingen über die Jahre immer wieder sogenannte Geldwäscheverdachtsanzeigen von Banken gegen die German Property Group ein. Die Staatsanwaltschaft sah allerdings keinen Ermittlungsansatz. Seit Ende 2019 liegen nun auch Strafanzeigen vor. Die Staatsanwaltschaft ermittelt deshalb aktuell wegen des Verdachts auf Anlagebetrug und Insolvenzverschleppung. Doch was ist bisher konkret passiert? Eine Sicherung der Akten hat bis heute nicht stattgefunden. Die Staatsanwaltschaft wartet vielmehr seit Monaten auf eine vollständige Einlassung des ehemaligen Geschäftsführers der GPG.

In Bad Aibling hat man von den Ermittlungen in Hannover gehört. Dort hofft der Stadtbaumeister Andres Krämer nun nach Jahren des Stillstands endlich auf eine Zukunft für die alte Brauerei: "Wir hoffen, dass jetzt baldmöglichst die Versteigerung stattfindet und wir einen neuen Investor finden."

Wann diese kommt, ist unklar. Noch sind viele Fragen offen. Und der Verbleib hunderter Millionen Euro nicht geklärt. Was davon wieder auftaucht, hängt wohl auch davon ab, wie intensiv Ermittler und Insolvenzverwalter danach suchen werden.

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