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75 Jahre Befreiung: Stilles Gedenken im ehemaligen KZ Dachau | BR24

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Am 29. April 1945 befreiten die Amerikaner die Häftlinge im KZ Dachau. Es war das erste Konzentrationslager und wurde schon kurz nach Hitlers Machtergreifung errichtet. Mindestens 200.000 Menschen waren dort inhaftiert, rund 41.500 Menschen starben.

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75 Jahre Befreiung: Stilles Gedenken im ehemaligen KZ Dachau

Am 29. April 1945 befreiten die Amerikaner die Häftlinge im KZ Dachau. Es war das erste Konzentrationslager und wurde schon kurz nach Hitlers Machtergreifung errichtet. Mindestens 200.000 Menschen waren dort inhaftiert, rund 41.500 Menschen starben.

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Von
  • Thomas Muggenthaler

Noch nie hatte die KZ-Gedenkstätte Dachau ein so umfangreiches Programm geplant wie für die Befreiungsfeier 2020, sagt Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann. Neben der großen Befreiungsfeier, die stets am Sonntag nach dem Befreiungstag, dem 29. April, stattfindet, war ein mehrtägiges Begegnungsprogramm vorgesehen. Es hatten sich über 70 Überlebende aus aller Welt und 19 amerikanische Befreier von Dachau oder einem seiner Außenlager angekündigt.

Überlebende wollten erstmals nach Deutschland kommen

Einige Überlebende waren seit 1945 nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Aber als sie erfahren haben, wie wichtig ihre Erlebnisse für die Aufarbeitung der Lagergeschichte hier angesehen werden, planten sie schließlich doch einen Besuch in Dachau. Umso größer ist bei vielen ehemaligen Häftlingen, aber auch bei der Gedenkstätte die Enttäuschung über die Absage, sagt Gabriele Hammermann. Aus dem Einladungs- wurde ein Ausladungsteam, aus der großen Befreiungsfeier ein stilles Gedenken, das heute um 11.00 Uhr im Beisein von Ministerpräsident Markus Söder unter Ausschluss der Öffentlichkeit begangen wird.

Amerikaner entdecken Leichen

Am späten Nachmittag des 29. April 1945 erreichte die US-Army das Konzentrationslager Dachau und befreite über 30.000 Häftlinge. Knapp 10.000 weitere Häftlinge hatte die SS auf Todesmärsche geschickt. Der größte Teil von ihnen wurde erst am 1. Mai bei Waakirchen in der Nähe von Bad Tölz befreit.

Bevor die US-Army das eigentliche KZ erreichte, stießen die amerikanischen GIs auf einen Zug, in dem Hunderte tote Häftlinge lagen.

Viele Häftlinge sterben noch nach Befreiung

Es war ein Todestransport aus dem KZ Buchenwald, den von 3.100 nur 800 Häftlinge überlebt hatten. Einer von ihnen war Ben Lesser, der heute in den USA lebt. "Wir waren drei Wochen ohne Wasser und Essen unterwegs, bis wir in Dachau ankamen", berichtet Ben Lesser. Viele Häftlinge waren so geschwächt, dass sie nach der Befreiung noch starben, darunter auch der Cousin von Ben Lesser.

"Ich erinnere mich daran, dass mein Cousin und ich auf dem Boden saßen und draußen riefen sie: 'Liberation! Befreiung, Befreiung! Amerikaner!' Wir gingen raus, um zu sehen, was geschah. Wir sahen Häftlinge auf ihren Händen und Knien krabbeln, um die Stiefel der GIs zu küssen. Wir gingen schließlich in die Mitte des Hofes. Ein amerikanischer GI kam zu uns und öffnete eine Dose gekochten Schinken. Er roch so gut, dass wir etwas davon aßen. Das war ein Fehler. Mein Cousin wurde sehr krank. In der Nacht nach der Befreiung starb er." Ben Lesser, Zeitzeuge

Amerikanische Soldaten waren über den Todestransport und die Zustände im Lager so empört, dass sie SS-Leute erschossen haben.

Fassungslosigkeit bei Augenzeugen

Am 1. Mai kommt Georg Stefan Troller als amerikanischer Soldat nach Dachau:

"Die Überlebenden waren schon weg, nur die Toten waren noch da." Georg Stefan Troller, ein später sehr bekannter Journalist

Troller war entsetzt und fotografierte, was er sah. Als er die Waggons dieses Zuges betrat, sah er nur von Haut und Knochen überzogene Skelette. Der gebürtige Wiener Jude glaubte zuerst, das seien "Wachspuppen, die ein verrückter Anatom hingelegt hatte, damit die amerikanische Wochenschau was zu drehen hat". Dann erst sah er, "dass das alles unsere Leute waren. Da hätte jeder von uns liegen können." Troller war gebürtiger Wiener und konnte vor der Shoah noch in die USA emigrieren.

Über 40.000 Menschen starben in Dachau

Das KZ Dachau wurde 1933 für deutsche Häftlinge gegründet. Nach dem Pogrom vom 9. November 1938 wurden viele jüdische Bürger nach Dachau verschleppt. Bei Kriegsende war die Lagergesellschaft längst international. Zudem unterhielt das KZ Dachau rund 110 Außenlager, die größten waren in Kaufering, Allach und Mühldorf am Inn. Im KZ Dachau und seinen Außenlagern starben über 40.000 Häftlinge. In Flossenbürg waren es 30.000, so dass in den Lagerkomplexen Dachau und Flossenbürg zusammen rund 70.000 Menschen ums Leben kamen.

Digitales Gedenken

Am Sonntag, den 3. Mai wird die KZ Gedenkstätte Botschaften von Überlebenden online stellen, die sie aus aller Welt eingeholt hat. Einer der Zeitzeugen ist David Lenga, der aus Polen stammt und in den USA lebt.

"Als ich von Auschwitz aus am 31. August 1944 in das KZ Dachau geworfen wurde, fand ich mich in einer Hölle auf Erden wieder. Dann wurde ich in das schreckliche Arbeitslager Kaufering verlegt. Diese Erinnerungen werden mich immer verfolgen." David Lenga, Zeitzeuge

Die KZ-Gedenkstätte Dachau hat über 30 solcher Statements eingeholt. Aus Russland hat Lidia Tschirkina geschrieben: "Kein Volk braucht den Krieg. Das Leben im Konzentrationslager war erfüllt von Angst und Tod! Es sollte nicht so sein! Menschen müssen Menschen bleiben."

Schwieriges Gedenkjahr

Die für den 27. April geplante Eröffnung der Ausstellung "Zeitspuren" über das Außenlager Allach, in dem bei Kriegsende rund 10.000 Häftlinge befreit worden sind, fiel ebenfalls aus. Die Ausstellung ist fast fertig und soll nun Mitte Mai online präsentiert werden.

Eine Lehre aus der Coronakrise sei, dass künftig digitale Angebote gleich stärker mitgeplant würden, aber ein Ersatz für den authentischen Ort als Ort der Begegnungen seien sie nicht, betont Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann.