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Bildrechte: pa/dpa/Daniel Karmann

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann hat heute vor dem Innenausschuss des Landtags den aktuellen Ermittungsstand der Messerangriffs von Würzburg dargelegt und bittet um Geduld.

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Messerattacke in Würzburg: Mehr Verletzte als bislang bekannt

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat im Bayerischen Landtag über die neuesten Erkenntnisse zur Gewalttat in Würzburg informiert. Offenbar verletzte der Täter mehr Menschen als bisher bekannt. Die Ermittler gehen derzeit 200 Spuren nach.

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Von
  • Jochen Eichner

Bei dem Messerangriff in der Würzburger Innenstadt sind mehr Menschen verletzt worden als bisher bekannt war. Insgesamt habe der mutmaßliche Täter drei Frauen getötet und sechs Menschen lebensgefährlich verletzt, sagte Innenminister Joachim Herrmann vor dem Innenausschuss des Landtags. Zudem seien bei dem Angriff drei Personen leicht verletzt worden. Die Polizei hatte bisher immer von einem Leichtverletzten gesprochen.

Unklar, ob der Täter gezielt Frauen attackierte

Herrmann sagte, der Täter habe am 25. Juni viele Opfer mit einem Küchenmesser angegriffen, dessen Klinge rund 33 Zentimeter lang ist. Vor allem habe der Somalier auf Kopf und Hals der Betroffenen eingestochen. Ob der 24-Jährige gezielt Frauen attackierte, sei noch unklar. In einem Kaufhaus tötete er drei Frauen im Alter von 24, 49 und 82 Jahren.

Sechs weitere Personen, vier Frauen im Alter von 26, 39, 52 und 73 Jahren verletzte er schwer, ebenso ein 11-jähriges Mädchen und einen 16-jährigen Buben. Neben einem 57-Jährigen wurden auch, wie heute bekannt wurde, zwei weitere Männer im Alter von 38 und 52 Jahren bei dem Angriff leicht verletzt.

Islamistisches Motiv steht weiter im Raum

Herrmann bekräftigte, dass ein islamistischer Hintergrund als Tatmotiv weiter im Raum stehe. Gleichwohl gebe es "gewichtige Anhaltspunkte für eine psychische Beeinträchtigung". Die Vorgeschichte des 24-Jährigen ist derzeit Teil der Ermittlungen. Auch der Verfassungsschutz ist an den Recherchen beteiligt, teilte der Innenminister mit.

Derzeit gingen die Ermittlungsbehörden 200 Spuren nach, erklärte der Innenminister vor dem Innenausschuss. Zur Zeit würden Gegenstände, die beim Verdächtigen und in dessen Wohnung entdeckt wurden, untersucht. Die beiden Mobiltelefone, die der mutmaßliche Täter besessen hat, werden nach den Worten Herrmanns ausgewertet, unter anderem auch von Islamwissenschaftlern.

Erkenntnisse über Vorleben des Täters noch diffus

Außerdem habe der bayerische Verfassungsschutz alle inländischen und ausländischen Nachrichtendienste informiert und um den Austausch von Informationen gebeten, die auf die Vorgeschichte von Abdirahman J. hindeuten könnten. Bislang habe es aber noch keine relevanten Erkenntnisse darüber gegeben, ob der mutmaßliche Täter zuvor an seinen anderen Wohnorten mit radikalen Äußerungen aufgefallen sei, so Herrmann.

Die Akte des 24-Jährigen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) werde ebenfalls ausgewertet, sagte Herrmann: "Es gibt Zeugenaussagen darüber, was er in Somalia gemacht haben könnte. Auch das wird überprüft, weil sich hier die Frage stellt, ob er Kontakt mit der islamischen Miliz al-Shabaab in Somalia gehabt hat." Hier sei die Erkenntnislage aber noch sehr diffus, so der Innenminister: "Stand er der somalischen Regierung feindlich gegenüber, war er der al-Shabaab nahe oder umgekehrt, das ist alles noch nicht so ganz nachvollziehbar."

Täter war Flüchtling mit anerkanntem Schutzstatus

Herrmann betonte, dass der mutmaßliche Täter ein anerkannter Flüchtling mit einem sogenannten subsidiärem Schutzstatus. Dieser greift dann, wenn der Asylantrag nicht gewährt wird, dem Antragsteller aber in seiner Heimat "ernsthafter Schaden" droht, wie es beim BAMF heißt.

Mit diesem Schutzstatus habe der 24-Jährige, der 2015 nach Deutschland eingereist war, unter anderem das Recht gehabt, seinen Wohnort selbst auszuwählen. Er sei nicht verpflichtet gewesen, in einer Flüchtlingsunterkunft zu wohnen, so Herrmann. Allerdings hätten ihm somit auch nicht die medizinischen und psychologischen Angebote zur Verfügung gestanden, die den Bewohnern von bayerischen Flüchtlingsunterkünften angeboten werden, erklärte der Innenminister: "Dann kommt es darauf an, dass jemand aufmerksam wird, dass es ein psychisches Problem gibt", so Herrmann im Innenausschuss.

Herrmann weist AfD-Vorwürfe zurück

Gleichzeitig wies Herrmann Vorwürfe des AfD-Innenexperten Richard Graupner zurück. Dieser hatte moniert, es könne nicht sein, dass eine illegale Einreise zu einem legalen Aufenthalt führe. Auch die Streichung des subsidiären Schutzes dürfe kein Tabu sein, so der AfD-Politiker. Herrmann nannte diese Frage "absurd". Wörtlich sagte er: "Sie können die Entscheidung des BaMF für falsch halten, aber Sie können nicht fragen: 'Wieso hat den noch keiner abgeschoben'?“

Der 24-Jährige mutmaßliche Täter wurde 2015 in Deutschland erstmals registriert. Seither war er mehrmals wegen psychischer Probleme aufgefallen. Bisher hätten die Behörden aber keine Hinweise darauf gehabt, dass der Mann andere Menschen gefährden könnte. Die Voraussetzung für eine dauerhafte Unterbringung in einer Psychiatrie lag den Ermittlern zufolge nicht vor.

Couragiertes Eingreifen von Bürgerinnen und Bürgern

Herrmann dankte den Einsatzkräften und den Helfern, die den Täter so lange in Schach gehalten hatten, bis die Polizei den 24-Jährigen mit einem Schuss in den Oberschenkel stoppte. Die sehr rasche Präsenz der Polizei und das couragierte Eingreifen der Bürgerinnen und Bürger hätten klar dazu geführt, dass der Täter nicht noch weitere Personen töten oder schwer verletzen konnte, so Herrmann.

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Nach der Messerattacke von Würzburg wird weiter ermittelt, ob ein islamistisches Motiv oder eine psychische Störung zu der Tat geführt haben. Der Grünen-Abgeordnete Becher erklärte, er habe Verständnis dafür, dass dies noch nicht geklärt ist.

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