Polizisten sperren nach einer Messerattacke am Freitag, 25.6. den Tatort ab.
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Messerangriff in Würzburg – Was wir bisher wissen

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    Messerangriff im Juni 2021 in Würzburg – Was wir bisher wissen

    Messerangriff im Juni 2021 in Würzburg – Was wir bisher wissen

    Nach dem tödlichen Messerangriff am 25. Juni 2021 in der Würzburger Innenstadt sind noch viele Fragen offen. Ende April 2022 soll der Prozess zur Tat beginnen. Wir dokumentieren in diesem Artikel, was über den aktuellen Ermittlungsstand bekannt ist.

    Schreckliche Szenen am 25. Juni in der Würzburger Innenstadt. Ein Mann greift mit einem Messer offensichtlich unvermittelt Passanten an. Drei Menschen sterben und wenige Wochen später wurde bekannt, dass es mehr Verletzte gab als zuvor bekannt. Das Bayerische Landeskriminalamt (LKA), das die Ermittlungen leitet, geht derzeit von insgesamt elf Opfern aus: Neben den drei Toten wurden fünf Menschen schwer und drei leicht verletzt. Innenminister Joachim Herrmann (CSU), Polizei und Staatsanwaltschaft informieren fortlaufend über den aktuellen Stand der Ermittlungen.

    Tatverdächtiger laut Gutachten schuldunfähig

    Etwa vier Monate nach dem Angriff lagen dann zwei psychiatrische Gutachten vor: Demnach war der tatverdächtige Somalier zum Zeitpunkt des Angriffs schuldunfähig. Der Mann leide laut Gutachtern unter einer paranoiden Schizophrenie. Zum Ergebnis der Schuldunfähigkeit kamen die beiden Gutachter unabhängig voneinander, heißt es von LKA und Staatsanwaltschaft. Die Einschätzung der Gutachter bedeute aber nicht, dass seitens der ermittelnden Stellen Zweifel an der Täterschaft des Beschuldigten bestehe.

    Die Generalstaatsanwaltschaft München hat mittlerweile eine dauerhafte Unterbringung des Beschuldigten in einer geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses beantragt. Dieser Antrag wurde auch zugelassen. Schon im Juli 2021 wurde der Somalier in eine Psychiatrie verlegt.

    Prozess beginnt am 22. April

    Mittlerweile sind auch Details zum Prozess rund um den tödlichen Messerangriff bekannt: Auftakttermin ist laut Landgericht Würzburg am 22. April 2022. Verhandelt wird wegen des großen öffentlichen Interesses allerdings nicht in den Räumlichkeiten des Landgerichts. Stattdessen wird der Prozess in die Mainfrankensäle in Veitshöchheim, in die Weiße Mühle in Estenfeld und ins Vogel Convention Center in Würzburg ausgelagert. Aktuell sind 27 Verhandlungstermine angesetzt.

    Laut dem Pressesprecher des Würzburger Landgerichts handelt es sich um ein Sicherungsverfahren, nicht um ein Strafverfahren. Das bedeutet, dass in dem Prozess keine Freiheitsstrafe für den Beschuldigten zu erwarten ist. Das hängt mit dem psychischen Zustand des Somaliers und seiner Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie zusammen.

    September 2021: Somalier äußerte sich erstmals zum Messerangriff

    Ende September 2021 hat sich der Tatverdächtige erstmals zum Messerangriff geäußert. Laut seinem Anwalt gab es eine Videovernehmung mit Dolmetscher. Sein Mandant habe sich bei der Vernehmung bemüht gezeigt, um an der Sachaufklärung mitzuwirken. Der 32-jährige Somalier habe sich sehr dezidiert zu der Tat geäußert und auch Verantwortung übernommen. Außerdem habe er sein Bedauern zum Ausdruck gebracht.

    Keine Hinweise auf islamistischen Hintergrund

    Laut LKA hat die Sonderkommission in Zusammenhang mit dem Messerangriff – Stand Oktober – mehr als 450 Spuren bearbeitet. Hinweise auf Mitwisser oder Mittäter sowie auf einen extremistischen Hintergrund liegen den Ermittlern zufolge weiterhin nicht vor.

    Islamwissenschaftler sind ebenfalls mit eingebunden worden, um zu bewerten, ob und inwieweit religiöse Überzeugungen des Beschuldigten bei der Tat eine Rolle gespielt haben könnten. Die beiden Mobiltelefone des Somaliers sind bereits ausgewertet worden. Sie haben nach Angaben der Ermittler weder Hinweise auf Propagandamaterial oder sonstige extremistische Inhalte noch auf etwaige Mittäter oder Mitwisser ergeben. Papierzettel, die kurz nach der Tat am Tatort gefunden wurden, hätten sich als unverdächtig herausgestellt und würden in keinem Zusammenhang mit der Tat oder dem Täter stehen.

    Motivermittlungen "in alle Richtungen"

    Das genaue "warum" der Tat ist noch immer offen. Für einen islamistischen Hintergrund sprächen laut LKA die von zwei Tatzeugen wahrgenommenen Ausrufe "Allahu Akbar" ("Gott ist am größten") des tatverdächtigen Somaliers und ein Hinweis des Festgenommenen auf den "Dschihad" ("Heiliger Krieg") in einer Würzburger Klinik. Die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München habe daher die Ermittlungen übernommen.

    Von Oberstaatsanwalt Klaus Ruhland heißt es: "Natürlich wird ein mögliches islamistisches Motiv geprüft, es wird auch weiter geprüft und in alle Richtungen ermittelt." Eine Gesamtbewertung, ob oder inwieweit ein möglicher extremistischer Hintergrund eine Rolle gespielt habe, könne man erst am Ende des Ermittlungsverfahrens treffen.

    Pflichtverteidiger: Motiv nicht vorschnell bewerten

    Hans–Jochen Schrepfer, der Pflichtverteidiger des Tatverdächtigen, wehrte sich gegen diese ersten Bewertungen. Er hielt dagegen, dass ein "Allahu Akbar"-Ruf für die Einordnung der Tat als islamistisch in seinen Augen nicht ausreichen würde. Die Äußerung zum persönlichen Dschihad, die am Krankenbett gefallen sein soll, sei ihm persönlich gänzlich unbekannt, sagt er auf Nachfrage von BR24. Als er selbst für mehrere Stunden in der Klinik war, sei vom Dschihad nicht die Rede gewesen. Ihn erstaune, dass er solche Details aus Pressemeldungen erfahre. Während der Haftvorführung seien sie nicht erwähnt worden, so Schrepfer weiter.

    Verlauf der Ermittlungen: LKA bittet um Geduld

    Mit dem Einstieg des LKA in die Ermittlungen wurde bereits die politische Einstellung des Tatverdächtigen geprüft. Bezüglich der Motivfrage warnte ein LKA-Sprecher auf Anfrage des BR vor zu schnellen Interpretationen. Im Raum steht aktuell auch eine psychische Erkrankung des Tatverdächtigen, mit vorangegangener Einweisung in die Psychiatrie – siehe weiter unten zur Vorgeschichte des Täters. Sobald es neue Erkenntnisse im Fall gebe, werde die Öffentlichkeit entsprechend informiert.

    In einer ersten großen Pressekonferenz am Tag nach der Tat waren Details zum genauen Tathergang veröffentlicht worden, ein mögliches Motiv blieb aber ausdrücklich offen. Gegen den Tatverdächtigen wurde Haftbefehl unter anderem wegen vollendeten Mordes in drei Fällen erlassen.

    Der Ablauf der Tat

    Laut Polizeipräsident Gerhard Kallert hat der Tatverdächtige am Freitag, den 25. Juni, um 17.00 Uhr ein Kaufhaus in der Würzburger Kaiserstraße betreten. Wie Material der Überwachungskameras bestätigt hat, begab sich der Tatverdächtige in die Abteilung für Haushaltswaren und ließ sich von einer Verkäuferin beraten. Dann habe der Tatverdächtige nach einem Messer gegriffen und mehrfach unvermittelt auf eine Frau eingestochen. Insgesamt wurden drei Frauen durch Stiche tödlich verletzt und starben noch am Tatort. Diese drei Todesopfer sind Frauen im Alter von 24 Jahren (aus dem Landkreis Main-Spessart), 49 Jahren (aus dem Landkreis Würzburg) und 82 Jahren (aus Würzburg). Auf seiner Flucht habe der Tatverdächtige laut Polizei dann das Kaufhaus verlassen und auch im Bereich des Barbarossaplatzes Passanten angegriffen.

    Opfer fast ausschließlich Frauen

    Die Opfer des Mannes waren überwiegend weiblich. Ob der Tatverdächtige gezielt Frauen angegriffen habe, dazu gibt es laut Polizeipräsident Kallert derzeit keine Hinweise. Aus dem Würzburger Zentrum für Seelische Gesundheit (ZSG), in dem der Somalier mehrfach behandelt wurde, heißt es allerdings: Der Mann habe bei seinen Aufenthalten den Kontakt zu Frauen vermieden – bei seinem "letzten Aufenthalt noch deutlicher als in den Voraufenthalten".

    Das LKA bestätigt auf Anfrage von BR24, dass sie aktuell von acht unmittelbar vom Angreifer verletzten Personen ausgehen. Davon seien fünf Menschen schwer und drei leicht verletzt worden. "Eine Geschädigte befindet sich noch im Krankenhaus, ist aber mittlerweile außer Lebensgefahr. Die anderen Geschädigten konnten glücklicherweise mittlerweile entlassen werden.", so ein Sprecher des LKA.

    Couragierte Würzburger und die Festnahme

    Besonders aufgefallen war in Zusammenhang mit der Tat das couragierte Eingreifen von Passanten. Mit Stühlen, Besen, einem Regenschirm stellten sich beherzte Bürger – unter ihnen auch ein Flüchtling aus dem Iran – dem offensichtlich agitierten und verwirrten Mann entgegen. Der mutmaßliche Täter konnte unter Mithilfe von Passanten in eine Gasse gedrängt werden. Dort wurde er von Streifenbeamten überwältigt. Der Tatverdächtige war laut Polizeipräsident Kallert noch immer mit einem Messer bewaffnet und bewegte sich auf die Beamten zu. Ein Polizist hat daraufhin dem Mann in den Oberschenkel geschossen. Anschließend konnte er von den Beamten überwältigt und festgenommen werden. Es folgte die medizinische Versorgung des Mannes.

    Was wir zum Tatverdächtigen wissen

    Beim Tatverdächtigen handelt es sich laut Polizei und Staatsanwaltschaft um einen Mann mit somalischer Staatsangehörigkeit. Zunächst waren die Ermittler davon ausgegangen, dass der Somalier 24 Jahre alt ist, da er bei seiner Einreise nach Deutschland das Geburtsjahr 1997 angegeben hatte. Ende September bestätigte die Staatsanwaltschaft, dass der Somalier offenbar deutlich älter ist. Demnach habe er bei einer ärztlichen Untersuchung das Geburtsjahr 1989 angegeben, wäre damit also über 30.

    Der Somalier sei im Mai 2015 in Deutschland angekommen und habe subsidiären Schutz im Rahmen eines Asylverfahrens erhalten, sagte der Bamberger Generalstaatsanwalt Wolfgang Gründler. Somit habe sich der Tatverdächtige legal in Deutschland aufgehalten. Seit 2015 sei er nacheinander in verschiedenen deutschen Städten gemeldet gewesen, seit September 2019 in einem Obdachlosen-Wohnheim in Würzburg. Dort habe es bereits Durchsuchungen der Polizei gegeben. Ob im Rahmen dieser Durchsuchung islamistisches Material gefunden wurde, hat der Leitende Kriminaldirektor Armin Kühnert nicht bestätigt. Das werde noch geprüft, insbesondere auch die Frage, ob gefundene Materialien einen Bezug zur Tat haben. Derzeit hätten sich die Ermittlungen aber erst einmal auf den Nachweis der Tötungsdelikte konzentriert.

    Was wir zur Vorgeschichte des Somaliers wissen

    Der Polizei war der Mann bereits vor der Attacke bekannt. Im Januar hat er den Angaben zufolge bei einem Streit in der Obdachlosenunterkunft ein Küchenmesser bedrohlich in der Hand gehalten, Verletzte gab es damals aber nicht. Nach psychischer Auffälligkeit musste er kürzlich außerdem in psychiatrische Behandlung – zwangsweise, wie Innenminister Herrmann sagte. Grund war demnach, dass der Somalier aus einem Auto, das ihn mitgenommen hatte, nicht mehr aussteigen wollte. Der Innenminister erklärte auch, als es um die Beweggründe des Mannes für den Messerangriff Ende Juni ging: Diese müssten noch ermittelt werden. Bei Straftätern könne aber nicht immer klar zwischen psychischen Auffälligkeiten und ideologischer Gesinnung unterschieden werden.

    Frühere Ermittlungen gegen Tatverdächtigen eingestellt

    Auch als der Tatverdächtige von 2015 bis 2019 in Sachsen lebte, geriet er bereits ins Visier der Ermittlungsbehörden. Die Staatsanwaltschaft Chemnitz ermittelte wegen gefährlicher Körperverletzung gegen ihn, wie ein Sprecher des Landeskriminalamtes Sachsen sagte. Es habe sich um eine körperliche Auseinandersetzung in einer Asylunterkunft gehandelt. Die Ermittlungen seien eingestellt worden, da die Betroffenen den Tathergang unterschiedlich dargestellt hätten. Zuerst hatte die Zeitung "Die Welt" über den Fall in Sachsen berichtet.

    Ermittlungen nach Verdacht auf Straftaten im Heimatland

    Außerdem gab es noch ein weiteres, ebenfalls eingestelltes Ermittlungsverfahren: Ein Zeuge berichtete im Januar 2021, er habe bereits 2015 ein Telefonat des Beschuldigten aus einem benachbarten Zimmer mitgehört: Der jetzt Tatverdächtige habe erzählt, dass er in Somalia in den Jahren 2008/2009 für die Terrororganisation al Shabaab Zivilisten, Journalisten und Polizisten getötet habe. Für den Verdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland ist der Generalbundesanwalt zuständig. Er sah mangels konkreter Tatsachen von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen den Beschuldigten ab. Zumal der Verdächtige zum angeblichen Tatzeitpunkt elf bzw. zwölf Jahre alt war – und damit strafunmündiges Kind. Da auch kein Anfangsverdacht für weitere Staatsschutzdelikte vorlag, leitete die ZET ebenfalls kein Ermittlungsverfahren ein

    Behörden lehnten Betreuung des Tatverdächtigen ab

    Schon vor ein paar Monaten hatte eine psychiatrische Einrichtung angeregt, dem Tatverdächtigen einen Betreuer zur Seite zu stellen. Laut Amtsgericht Würzburg ist das Verfahren aber Mitte April eingestellt worden. "Es wurde keine Betreuung angeordnet, weil zu diesem Zeitpunkt keine ausreichenden Anhaltspunkte für das Erfordernis einer Betreuung bestanden zumal der Betroffene nach seiner Entlassung aus der psychiatrischen Einrichtung trotz mehrfacher Versuche nicht angetroffen werden konnte", so die Stellungnahme des Amtsgerichts.

    Auch in einem weiteren, noch laufenden Verfahren geht es laut dem Amtsgericht um die Bestellung eines Betreuers für den Tatverdächtigen. Die Betreuungsstelle der Stadt sei erneut damit beauftragt worden, erforderliche Sachverhaltensfeststellungen durchzuführen. "Diese Ermittlungen der Betreuungsstelle der Stadt Würzburg ergaben Hinweise auf eine bestehende Betreuungsbedürftigkeit aufgrund psychischer Auffälligkeiten", so das Amtsgericht. Nur zwei Tage vor dem Messerangriff in der Würzburger Innenstadt sei eine Sachverständige mit der Begutachtung des Betroffenen beauftragt worden.

    Mehrere psychiatrische Aufenthalte

    Der Täter befand sich nach Kenntnis des Würzburger Zentrums für seelische Gesundheit (ZSG) fünf Mal in stationärer, psychiatrischer Behandlung. Eine erste Behandlung habe 13 Tage gedauert, sie fand 2019 in Chemnitz statt. "Vermutlich freiwillig", heißt es vom ZSG. Im September 2019 und im Februar 2020 befand sich der Mann erneut jeweils für wenige Tage in psychiatrischer Behandlung. Für beide Aufenthalte kam er freiwillig ins Würzburger ZSG. 2021 wurde er dann zwei weitere Male initial im ZSG untergebracht: im Januar und im Juni 2021. Der letzte Aufenthalt endete nach Angaben des ZSG am 15. Juni, zehn Tage vor der Tat.

    Während der Aufenthalte des Mannes habe es keine Hinweise auf eine Fremdgefährdung gegeben, heißt es von der Leitung des Zentrums für seelische Gesundheit. Bei seinen Aufenthalten im ZSG habe der Mann einen krankheitstypischen Verlauf gezeigt: zunächst "angespannt, ängstlich, teilweise bedrohlich", im Verlauf der Behandlung sei er dann jedoch "deutlich zugänglicher, hilfesuchend" gewesen. Die Diagnosen während den Behandlungen sollen variiert haben: zwischen "drogeninduzierter Psychose", "wahnhafter Störung" und Verhaltensstörungen "durch multiplen Substanzgebrauch" in unterschiedlicher Gewichtung.

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