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"Merkels Klimaflüsterer": Klimaforscher Schellnhuber wird 70 | BR24

© pa/dpa-Zentralbild/Christoph Soeder

Hans Joachim Schellnhuber, Klimaforscher und ehemaliger Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

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    "Merkels Klimaflüsterer": Klimaforscher Schellnhuber wird 70

    Er wird als Klima-Papst und "Merkels Klimaflüsterer" tituliert. Hans Joachim Schellnhuber - gebürtig aus Ortenburg im Kreis Passau - wird 70 Jahre alt. Der Physiker und Forschungsmanager hat die Weltklimapolitik wesentlich geprägt.

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    • BR24 Redaktion

    Der deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber wurde am Sonntag 70 Jahre alt. Der in Ortenburg (Lkr. Passau) geborene Physiker hat die weltweite Klimadebatte mitgeprägt. Einige bezeichnen ihn als "Star der Umweltpolitik". Mehrfach hat er sein Wissen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und auch der katholischen Kirche zur Verfügung gestellt.

    "Die Zeichen stehen an der Wand"

    Schellnhuber zitiert auch mal aus der Bibel, um die Dramatik der Situation zu beschreiben: "Die Zeichen stehen an der Wand." Wer den Klimawandel leugne, müsse blind sein, sagt er mit Blick auf Wirbelstürme, Dürren und Klimaveränderungen weltweit.

    "Wenn man die Dinge nüchtern betrachtet, muss man leider feststellen: Ja, wir befinden uns in einer Art Notstand. Ja, wir haben tatsächlich nicht mehr viel Zeit, um das Abgleiten der Erde in eine Heißzeit zu verhindern." Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber

    Schellnhuber hat Kohleausstieg mit beschlossen

    Der asketisch wirkende Physiker war bis Herbst 2018 Direktor des 1992 von ihm gegründeten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), das zu einem der weltweit angesehensten Institute im Bereich der Klimaforschung wurde. Von 2009 bis 2016 war er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Er ist langjähriges Mitglied des Weltklimarats (IPCC), gehörte der Kohlekommission an und hat den Kohleausstieg 2038 mit beschlossen.

    Als Agnostiker katholische Kirche beraten

    Mehrfach hat der geborene Niederbayer auch die katholische Kirche in Umweltfragen beraten. So nahm er im vergangenen Oktober an der Amazonas-Synode im Vatikan teil. Der in einer protestantischen Familie aufgewachsene Agnostiker hat schon vor der Vollversammlung der deutschen Bischöfe referiert, ist Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und vor allem Mitautor der Umweltenzyklika von Papst Franziskus. Für ihn, so betont er, sei die Kirche ein wichtiger Global Player im Kampf gegen die Erderwärmung. Als politische Kraft könne sie Druck auf die Politik ausüben, um das Pariser Klimaabkommen zu erfüllen.

    "Die technischen Lösungen gibt es bereits", so Schellnhuber. "Es fehlt nur der gesellschaftliche Wille, das auch umzusetzen." Zugleich sieht der Wissenschaftler die Kirche aber auch als "spirituellen Faktor": Sie könne "die Frage, was gutes Leben ausmacht, neu stellen".

    "Planet benötigt schnellstens eine Therapie"

    Der Physiker weiß, wie langsam die Politik arbeitet. Die "Krankheit des Patienten Erde" sei diagnostiziert, sagte Schellnhuber schon Anfang der 90er-Jahre. Der Planet benötige schnellstens eine "Therapie". Schon heute seien häufigere Wetterextreme, abschmelzende Gletscher und der Anstieg des Meeresspiegels unübersehbare Menetekel.

    "Was hier passiert, trifft vor allem unsere Kinder - jene also, für die wir doch angeblich immer nur das Beste wollen." Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber

    Die Corona-Krise hat aus seiner Sicht gezeigt, wie wichtig rechtzeitiges Handeln ist: Hätte man schneller und früher reagiert, hätte man die Pandemie möglicherweise stoppen und viele Menschenleben retten können.

    Abitur in Vilshofen mit 1,0 abgelegt

    Dass Schellnhuber zum Klimaforscher wurde, war eher Zufall. Er legte das Abitur am Gymnasium in Vilshofen 1970 mit der Note 1,0 ab. An der Universität Regensburg studierte er Mathematik und Physik, wandte sich rasch der Theoretischen Physik zu. Sein zentrales Thema: komplexe Systeme, die sich abrupt und unumkehrbar ändern können. Die Erdsystem- und Klimafolgenforschung war dabei ein ideales Anwendungsgebiet.

    Als Professor an der Uni Oldenburg leitete er unter anderem ein Projekt zu den Auswirkungen des steigenden Meeresspiegels auf das Watt. Schellnhuber hat wichtige Begriffe der Klimadebatte geprägt: Bereits 1995 brachte er das Zwei-Grad-Ziel ins Gespräch. Zugleich schlug er Budgets bei Kohlendioxid-Emissionen je nach Bevölkerungsstärke der Staaten vor.

    "Keinen Grund, die Flinte ins Korn zu werfen"

    Neigt er selbst zu Resignation und Klima-Blues? Im Gegenteil: "Ich habe den Eindruck, dass die Botschaft vom Klimaschutz immer tiefer ins kollektive Bewusstsein einsinkt, sogar bis hinein in das der Kommunistischen Partei Chinas", sagte er vergangenes Jahr. "Es gibt überhaupt keinen Grund, die Flinte ins Korn zu werfen."

    Schellnhuber ist verheiratet mit der Geologin und Autorin Margret Boysen und hat einen Sohn.

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