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Bildrechte: dpa/Julian Stratenschulte

Der Erste-Hilfe-Kurs für Notfallsituationen mit körperlichen Verletzungen ist selbstverständlich - wie aber steht's um die Versorgung bei psychischen Notlagen? Wie gut sind da Ersthelfer wie Partner, Freunde, Eltern, Chefs geschult?

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Mental Health First Aid: Erste Hilfe für die Seele

Viele kennen den Erste-Hilfe-Kurs, bei dem man die wichtigsten Handgriffe für körperliche Notfälle beherrschen lernt. So einen Erste-Hilfe-Kurs gibt es nun auch für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Alkoholsucht.

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Von
  • Katharina Pfadenhauer

Als ein Familienmitglied Suizidgedanken hatte, hat Jonas Kubitzer das Thema ohne Umschweife angesprochen. Kurz zuvor hat er einen Kurs zum Seelischen Ersthelfer absolviert. "Ich war der einzige aus meiner Familie, der das Gespräch geführt hatte. Das hätte ich vor dem Kurs niemals umgesetzt, da hätte ich viel zu viel Angst gehabt, dass ich irgendwie was Falsches sage."

Beisheim Stiftung lässt Mitarbeiter ausbilden

Auch die Beisheim-Stiftung in München lässt ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerade zu solchen seelischen Ersthelferinnen und Ersthelfern ausbilden. Sie lernen zu erkennen, wenn es Familienangehörigen, Kolleginnen und Kollegen oder Freundinnen und Freunden schlecht geht und sie darauf anzusprechen.

Die Geschäftsführerin der Beisheim Stiftung möchte mit der Ausbildung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur ein positives Signal setzen, die Stiftung ist auch Partner des MHFA-Programms.

"Ich hoffe sehr, dass das ganze Thema der psychischen Gesundheit eine neue Relevanz erlangen wird und dass gerade auch Führungskräfte, die Verantwortung für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, solche Programme durchlaufen", erklärt Heuser.

Seelische Este-Hilfe: Idee kommt aus Australien

Die Idee ist naheliegend: Wer den Führerschein macht, kommt am Erste-Hilfe-Schein nicht vorbei. Schnelle Hilfe für körperlich Versehrte rettet Leben und jeder Laie sollte soweit ausgebildet sein, sie leisten zu können. So eine Erste-Hilfe-Ausbildung kann man nun auch für psychische Erkrankungen oder Notfälle, wie Depressionen, Angststörung oder Alkoholsucht, absolvieren.

Welche psychischen Störungen gibt es und was sind erste Warnzeichen? Wie spricht man Betroffene an und welche Behandlungs-Möglichkeiten gibt es? All das lernen die Ersthelferinnen und Ersthelfer in dem zwölfstündigen Kurs. Das Programm mit dem englischen Namen "Mental Health First Aid" (MHFA) kommt ursprünglich aus Australien.

Höhere Sensibilität kann Folgeschäden mindern

Nach Deutschland geholt hat das MHFA-Programm das Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Seit vergangenem Herbst bildet das Institut offiziell deutschlandweit mentale Ersthelferinnen und Ersthelfer aus.

"Psychische Störungen werden in Deutschland immer noch mit Schwäche gleichgesetzt, es ist immer noch sehr stigmatisiert", sagt Simona Maltese. Sie ist eine von drei Leiterinnen und Leitern des MHFA-Programms in Deutschland.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen vor allem auch lernen, auf psychisch Erkrankte zuzugehen. "Damit Menschen einfach früher in professionelle Hilfe kommen, weil sie durch Nahestehende ermutigt werden, diese Hilfe aufzusuchen", so Maltese.

Frühverrentung kann im Zweifel verhindert werden

In Australien, wo es das Programm bereits seit zehn Jahren gibt, würde die Erfahrung zeigen: Wenn man psychische Erkrankungen rechtzeitig erkennt, können Folgeschäden abgeschwächt werden. "Weil psychische Störungen oftmals auch chronisch werden und gerade das kann man erfolgreich verhindern", bilanziert Maltese.

Auch dass man aufgrund einer psychischen Erkrankung im Zweifel in eine Erwerbsminderungsrente oder Frühverrentung rutsche, könne verhindert werden, sagt Maltese. Auch könnte man den eigenen Krankheitsverlauf besser beeinflussen, wenn man selbst oder das persönliche Umfeld Warnzeichen schneller und besser erkenne.

Kursteilnehmer: "Das Wichtigste ist: Ich würde es ansprechen"

Zurück bei der Beisheim Stiftung in München, wo Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgebildet werden. Im Kurs diskutieren sie gerade, was sie tun können, wenn eine Kollegin oder ein Kollege alkoholsüchtig wird.

"Das Wichtigste ist: Ich würde es ansprechen, weil ich gelernt habe, dass nichts tun einen riesen Schaden anrichtet", sagt Niklas Manhart, Leiter Bildung & Kultur bei der Beisheim Stiftung.

Gerade in Unternehmen habe man lange Zeit nicht über psychische Erkrankungen gesprochen, so Manhart. "Es ist ein ganz großes Tabu bis heute und da ist es ganz wichtig, einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel zu schaffen und dass es ganz normal wird, sich Hilfe zu holen."

MHFA-Programm soll entstigmatisieren

Genau das sei auch eines der Ziele des Programmes, sagt MHFA-Leiterin Simona Maltese vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit: Psychische Erkrankungen gesellschaftlich zu entstigmatisieren. "Weil wir eine Leistungsgesellschaft sind, werden psychische Störungen in Deutschland noch immer mit Schwäche gleichgesetzt", so Maltese.

Mit dem MHFA-Programm wolle man ein Bewusstsein dafür schaffen, dass eine psychische Erkrankung genauso diagnostizierbar und normal sei, wie eine körperliche Erkrankung. Damit Erste Hilfe für die Seele irgendwann jeder leisten kann, ähnlich wie bei einem Autounfall.

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