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Joachim Treiber, der ins Fadenkreuz von Rechtsextremen geraten ist, leitet beruflich ein Altenheim.

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Menschen im Fadenkreuz des rechten Terrors

In Nürnberg und München zeigt die Ausstellung "Menschen – Im Fadenkreuz des rechten Terrors" Personen, die von Neonazis massiv bedroht werden. Einen Betroffenen wollten Rechtsextreme in die Gaskammer schicken. Auch in Bayern ist die Szene aktiv.

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Von
  • Jonas Miller

2019 wird der CDU-Politiker Walter Lübcke auf seiner Terrasse durch einen Kopfschuss von einem Neonazi getötet. Lübcke, der sich bei einer Bürgerversammlung für die Aufnahme von Geflüchteten stark machte, zog durch seine Aussagen den Hass der rechtsextremen Szene auf sich. Der Name des Politikers tauchte vor dem Mord auf sogenannten Feindeslisten von Rechtsextremen jeglicher Couleur auf. Die Szene hatte ihn als Feind markiert, den es auszulöschen gilt.

Zehntausende auf Feindeslisten der rechten Szene

Doch Lübcke ist nur ein Name von vielen Menschen in Deutschland, die auf solchen Feindeslisten stehen. Zehntausende Menschen werden auf solchen Listen als Gegner gekennzeichnet: Lehrerinnen, Künstler, Wissenschaftlerinnen, Politiker, Journalistinnen. Die Ausstellung "Menschen – Im Fadenkreuz des rechten Terrors" zeigt 57 Gesichter dieser Menschen, die alle eins gemeinsam haben: Es sind Menschen, die im Fadenkreuz des rechten Terrors stehen.

Sie stehen für eine demokratische Gesellschaft, die Rechtsextreme vernichten wollen. Sie stehen für die vielen Gesichter unserer Bundesrepublik. "Am Ende stehen sie für uns alle", begründen die Macher der Ausstellung die Auswahl. Unter den im Buch abgebildeten Bedrohten sind bekannte Politiker wie Karl Lauterbach, Cem Özdemir, Kevin Kühnert oder Paul Ziemiak. Aber auch Joachim Treiber vom Wohlfahrtsverband Caritas.

"Platz in der Gaskammer reserviert"

Der Stuttgarter ist nach eigenen Angaben ins Fadenkreuz geraten, weil er eine Kundgebung gegen eine AfD-Veranstaltung auf dem Gelände der Caritas zugelassen hat. Die Partei hat im Anschluss behauptet, Treiber hätte die Kundgebung organisiert. In sozialen Netzwerken ist wenig später seine Adresse veröffentlicht worden. Was folgte waren E-Mails mit Beschimpfungen und mit Drohungen. "Bis hin zu Nachrichten, in denen es hieß, in der nächsten Gaskammer ist ein Platz für Sie reserviert", erzählt Treiber im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk.

Weg von den Tätern, hin zu den Betroffenen

Und genau auf solche Vorgänge aufmerksam zu machen und den Menschen, die auf Feindeslisten stehen ein Gesicht zu geben, wurde die Ausstellung konzipiert und tourt durch verschiedene Städte in Deutschland. "Wir wollen weg von den Tätern und hin zu den Betroffenen. Denn im Endeffekt geht es um Menschen und nicht um irgendwelche Namen oder irgendwelche Berufsgruppen oder Gesellschaftsgruppen", meint Sophia Stahl vom Recherchezentrum Correctiv.

Die Journalistin hat die Ausstellung maßgeblich mit initiiert. Neben der Wanderausstellung, die in verschiedenen deutschen Städten Halt macht, gibt es auch einen Instagram-Account und ein Buch zur Ausstellung. Dort erzählen die Portraitierten persönliche Dinge aus ihrem Leben. Um sie als Menschen zu zeigen und sie nicht nur darauf zu reduzieren, dass sie von Rechtsextremen bedroht werden.

Neonazis spähen politische Gegner aus

Ergänzt werden die Bilder des Fotografen Ivo Meyer durch Texte zum Thema Rechtsextremismus. Aus verschiedenen Teilen Deutschlands berichten Journalistinnen und Journalisten aus ihrer Region. Weil der BR mit seinem Radiosender Bayern 2 und die Nürnberger Nachrichten (NN) Kooperationspartner des Projektes sind, findet sich auch ein Text in dem Buch, der die rechte Szene in der Region Nürnberg thematisiert.

Das gemeinsame Rechercheteam von BR und NN berichtet über das Thema "Anti-Antifa". Denn auch in der Region Nordbayern hat sich über Jahrzehnte eine Gruppierung gebildet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Politiker, Staatsbedienstete, Journalisten und Nazigegner auszuspionieren, zu diffamieren und etliche Anschläge auf deren Eigentum zu verüben. Vom Farbanschlag auf ein Gewerkschaftsbüro, über Veröffentlichungen von Namen und Bildern leitender Polizeibeamter im Internet bis hin zum Brandanschlag auf ein Auto.

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Am Willy-Brandt-Platz in Nürnberg gibt es eine neue Ausstellung: "Menschen - Im Fadenkreuz des rechten Terrors". Es geht um Personen, die von Neonazis massiv bedroht werden.

Politiker und Polizisten im Fadenkreuz

Wie aktuell diese Vorgehensweise nach wie vor ist, zeigt der Fall von Susanne G. aus dem Landkreis Nürnberger Land. Die Neonazi-Aktivistin soll einen Terroranschlag auf Politiker, Polizisten oder Menschen muslimischen Glaubens geplant haben. Dazu spähte sie beispielsweise Lokalpolitiker aus oder beschattete Polizeibeamte, stellte das Oberlandesgericht in München fest und verurteilte sie zu einer Haftstrafe von sechs Jahren. Gegen dieses Urteil hat die Frau, die auch enge Kontakte zum NSU-Umfeld pflegte, Revision eingelegt.

"Wir lassen uns die Demokratie nicht wegnehmen"

Die Gefahr, die von der rechten Szene ausgeht, fängt bei Bedrohungen im Internet an und hört bei körperlichen Übergriffen auf. Neonazis schrecken auch vor extremer Gewalt wie Mord und Totschlag nicht zurück. Um diese Tatsache auch immer wieder in der Öffentlichkeit zu thematisieren, wird die Ausstellung bundesweit in elf Städten an belebten Plätzen ausgestellt. "Der Ausstellung begegnen Menschen zufällig, wenn sie beim Einkaufen sind oder wenn sie durch die Stadt laufen", erklärt Sophia Stahl den Ansatz.

Für den von Rechtsextremen Bedrohten Joachim Treiber ist diese Öffentlichkeit besonders wichtig. Denn es sei wichtig, Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheitsrechte zu verteidigen und gegen Drohungen von Rechtsextremen Position zu beziehen. "Es ist die Aufgabe der Zivilgesellschaft zu zeigen, dass wir diese Werte hochhalten und uns nicht nehmen lassen", zeigt sich Treiber im Gespräch mit dem BR kämpferisch. Dieses Signal ist wichtig. Das Signal, dass sich Menschen von Rechtsextremen nicht einschüchtern lassen und weiter für die Demokratie streiten.

Ausstellung in Nürnberg und München:

Die Ausstellung macht vom 7. bis 10. September Halt in Nürnberg am Willy-Brandt-Platz. Sie ist jeweils von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Danach zieht sie weiter nach München, wo sie vom 14. bis 17. September am Rindermarkt Station macht. Der Eintritt ist überall kostenfrei. Das Begleitbuch ist unter anderem auf der Internetseite von Correctiv erhältlich. (Anmerkung: In der ersten Meldung hieß es fälschlicherweise, das Buch werde auch im BR-Shop in der Wallensteinstraße angeboten. Wir bitten um Entschuldigung.)

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Grafik im Buch: "Die Anbindung rechtsextremer Narrative reicht bis in die Mitte der Gesellschaft"

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28 der 187 Todesopfer rechter Gewalt von 1990 bis 2020 waren 18 Jahre oder jünger

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Das BR/NN-Rechercheteam berichtet im Buch über die "Anti-Antifa"-Strategie

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