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Um den Lehrermangel in Bayern abzufangen, müssen Grundschullehrer ab dem kommenden Schuljahr mehr unterrichten. Die Opposition kritisiert die Pläne des Kultusministeriums scharf, Lehrerverbände und Gewerkschaft kündigen entschiedenen Widerstand an.

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Mehrarbeit für Lehrer: Verbände und Opposition empört

Um den Lehrermangel in Bayern abzufangen, müssen Grundschullehrer ab dem kommenden Schuljahr mehr unterrichten. Die Opposition kritisiert die Pläne des Kultusministeriums scharf, Lehrerverbände und Gewerkschaft kündigen entschiedenen Widerstand an.

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Als Maßnahme gegen den Lehrermangel müssen Lehrkräfte an Grund- Mittel- und Förderschulen ab dem Schuljahr 2020/21 eine Stunde pro Woche mehr unterrichten. Ein Rentenbeginn vor dem 66. Lebensjahr soll nur noch ausnahmsweise möglich sein. Die Pläne von Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) ernten bei Lehrerverbänden und Gewerkschaften durchgehend scharfe Kritik - von einem "Sündenfall" ist die Rede und von einer "roten Linie", die überschritten worden sei.

Dachverband fürchtet Verunsicherung bei Lehrern

So sieht die Arbeitsgemeinschaft bayerischer Lehrverbände (ABL) in den angekündigten Maßnahmen des Kultusministers "enormen Sprengstoff". Sie führten zu einem großen Vertrauensverlust in den Dienstherrn und sorgten für Verunsicherung bei Lehrkräften aller Schularten, warnte Walburga Krefting, amtierende ABL-Präsidentin und Vorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft. Zudem werde durch die Maßnahmen die Attraktivität des Lehrberufs an Grund-, Mittel- und Förderschulen noch weiter gemindert.

Insbesondere stelle die Anhebung der Altersgrenze für den Antragsruhestand einen "nicht vertretbaren Einschnitt in die Lebensplanung von Lehrkräften". Dieser "Sündenfall" zu Lasten einer einzelnen Beamtengruppe passe nicht zur "beamtenrechtlichen Führungsrolle Bayerns". In der Praxis würden sich die Maßnahmen eher als kontraproduktiv erweisen, prognostiziert Krefting.

GEW: "Wir werden uns wehren"

Bernhard Baudler von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Bayern spricht von einem "Hammer" für die Lehrerinnen und Lehrer an den Grund-, Mittel- und Förderschulen, "die ohnehin ächzen und stöhnen - auch über Quereinsteiger, die sie einarbeiten müssen". Der GEW-Gewerkschaftssekretär für den Bereich Schule kritisiert: "Da ist eine rote Linie überschritten, noch dazu, weil diese Maßnahmen am Personalrat vorbei öffentlich angekündigt wurden. So geht es auf keinen Fall. Wir werden uns wehren."

Die "schon jetzt grenzwertige Belastung" der Lehrer werde durch die angekündigte Arbeitszeiterhöhung ins "Unerträgliche gesteigert". Dies werde, einen erhöhten Krankenstand und dadurch weitere Ausfälle zur Folge haben.

BLLV wirft Ministerium schwere Versäumnisse vor

Auch der Bayerische Lehrer und Lehrerinnenverband (BLLV) protestiert gegen die Pläne des Kultusministeriums: Sie sind laut BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann kontraproduktiv und demotivierend. Seit Jahren weise der BLLV immer wieder auf die personelle Unterversorgung an den Schulen hin und habe auch viele Vorschläge zur Bekämpfung gemacht. Dass nun die Lehrkräfte büßen sollten, sei nicht akzeptabel.

"Wir sind enttäuscht. Wir wollen die Krise gemeinsam bewältigen. Dazu sind alle bereit – für die Kinder. Aber wir erwarten dringend, dass jetzt auch mittel- und längerfristig etwas passiert." BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann

Fleischmann wirft dem Kultusministerium massive Versäumnisse vor. Es sei unerträglich, dass es ausgerechnet die Kolleginnen und Kollegen an den Grund- und Mittelschulen treffe. Diese hätten schon jetzt die höchste Unterrichtsverpflichtung und würden dafür schlechter bezahlt als andere Lehrkräfte. Die BLLV-Präsidentin kündigte massiven Widerstand ihres Verbands an.

BLLV Unterfranken: Lehrer wandern in andere Bundesländer ab

Dem Kultusministerium sei seit Jahren bekannt, dass die Schülerzahlen in Bayern steigen, sagte der erste Vorsitzende des BLLV Unterfranken, Gerhard Bless, dem BR. Trotzdem sei nichts unternommen worden, um den Beruf attraktiver zu machen. Besonders in Unterfranken sei die Lage akut, da hier Thüringen, Hessen und Baden-Württemberg angrenzten. In den vergangenen Jahren seien etwa 150 Lehrer in diese Bundesländer ausgewichen, da sie in ihrer Heimatregion keine Anstellung bekommen hätten.

Opposition: Probleme sind hausgemacht

Die bayerische Grünen-Fraktion hält Piazolos Pläne für eine "Zumutung" für die Lehrerinnen und Lehrer. Grünen-Schulexpertin Anna Toman fordert langfristige Lösungen statt "kurzfristiger Flickschusterei". Die Probleme bei der Lehrkräfteversorgung an Grund- und Mittelschulen seien hausgemacht und die Leidtragenden die Lehrkräfte, die sowieso schon am Limit arbeiteten. Um den Lehrkräftemangel effektiv zu bekämpfen, brauche es vor allem eine bessere Besoldung an den Grund- und Mittelschulen.

Das fordert auch auch die SPD-Fraktion. "Um den Personalmangel zu beheben, müssen Lehrerinnen und Lehrer in allen Schularten gleich entlohnt werden", betont SPD-Fraktionsvize Simone Strohmayr. Sie will zudem die Lehrerausbildung grundsätzlich reformieren und damit auch den hohen Abbrecherquoten entgegenwirken.

Große Unterschiede in der Lehrer-Besoldung

Aktuell ist in Bayern das Brutto-Einstiegsgehalt von Grundschullehrern mit 3.924 Euro deutlich geringer als von Gymnasiallehrern, die fast 4.580 Euro bekommen. Darüber hinaus können nach Auskunft der GEW Lehrkräfte am Gymnasium bis zur Besoldungsstufe A 15 befördert werden, ohne dass eine Funktion in der Schulleitung übernommen wird. Grund-, Mittel- und Förderlehrer erreichen maximal die Besoldungsgruppe A13.

FDP: Politischen Blindflug beenden

Einen langfristigen Paradigmenwechsel fordert auch die FDP im Landtag. "Der Umgang mit dem Lehrermangel wird zum Offenbarungseid der Staatsregierung", beklagt FDP-Bildungsexperte Matthias Fischbach. Noch im Juli habe der Kultusminister sämtliche Warnungen in den Wind geschlagen und als "Panikmache" bezeichnet. Jetzt presse Piazolo die Pädagogen "schonungslos" aus.

Dieser "bildungspolitische Blindflug" müsse ein Ende haben. Lehrer müssten wieder respektiert und entsprechend honoriert werden. Statt der Grundschullehrer sollten lieber Piazolos Mitarbeiter eine Stunde länger arbeiten, um endlich eine vernünftige Bildungsstrategie zu erarbeiten, verlangte Fischbach.

Kultusministerium: 1.400 Lehrer fehlen im nächsten Schuljahr

Nach Berechnungen des Kultusministeriums wird im nächsten Schuljahr der Umfang von etwa 1.400 Vollzeitstellen nicht zu besetzen sein. Um diese Lücke von circa einem Prozent des Bedarfs abzufangen, sollen Grundschullehrer, die jünger als 58 Jahre sind, nach Altersgruppen gestaffelt im Rahmen eines Arbeitszeitkontos vorübergehend 29 statt 28 Unterrichtsstunden pro Woche halten müssen. In einer "Rückgabephase" werde dies durch eine Verringerung der Unterrichtspflichtzeit im selben Umfang ausgeglichen, betonte Piazolo. Diese Phase werde voraussichtlich in fünf Jahren beginnen.

Zudem dürfen Förderschullehrer im Rahmen einer Antragsteilzeit höchstens noch auf 23, Grund- und Mittelschullehrer auf 24 Wochenstunden reduzieren. Ein vorzeitiger Ruhestand wird künftig in der Regel erst ab 66 Jahren möglich sein. Längere Auszeiten wie "Sabbaticals" werden nicht mehr genehmigt. Im Gegenzug sollen die Lehrkräfte unter anderem von Verwaltungsaufgaben entlastet werden. Piazolo setzt darüber hinaus auf die freiwillige Bereitschaft, vorzeitig aus Beurlaubungen zurückzukehren, den Ruhestand hinauszuschieben oder den Umfang der Teilzeit aufzustocken.