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Es gibt wieder mehr Luchse in Bayern, das zeigen Zahlen vom Landesamt für Umweltschutz. Auch im Nationalpark Bayerischer Wald bestätigt sich der positive Trend. Aber noch immer sind Luchse stark gefährdet, vor allem durch Wilderei und Verkehr.

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Mehr Luchse im Nationalpark Bayerischer Wald

Es gibt wieder mehr Luchse in Bayern, das zeigen Zahlen vom Landesamt für Umweltschutz. Auch im Nationalpark Bayerischer Wald bestätigt sich der positive Trend. Aber noch immer sind Luchse stark gefährdet, vor allem durch Wilderei und Verkehr.

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Von
  • Elisabeth Kagermeier

Die größten Katzen Mitteleuropas werden wieder mehr: Von Mai 2019 bis April 2020 wurden in Bayern 70 selbstständige Luchse sowie 27 Jungtiere nachgewiesen. Das ist fast die Hälfte der Luchse deutschlandweit. Ein Großteil der Tiere in Bayern ist im Dreiländereck von Deutschland, Tschechien und Österreich unterwegs. Auch im Bayerischen Wald setze sich der positive Trend fort, sagt Marco Heurich, der das Luchs-Forschungsprogramm im dortigen Nationalpark leitet. In den 2000er-Jahren lebten im Park 16 Luchse, vergangenes Jahr waren es 28.

Luchse wurden in den 70ern und 80ern wieder in Deutschland angesiedelt, nachdem man sie im 19. Jahrhundert ausgerottet hatte. Doch in den 2000er-Jahren stagnierte die Zahl. Der Grund: starke Wilderei. Nun steigt die Zahl seit einigen Jahren wieder. Was hat sich seitdem geändert? Und wie groß ist das Problem der Wilderei noch?

Luchse im Nationalpark werden ständig überprüft

Naturschützer sorgen sich trotz der steigenden Zahlen um den Luchsbestand. Wie es den Wildkatzen geht, prüft Luchs-Forscher Marco Heurich zum Beispiel mit Ortungsgeräten an Halsbändern. Er checkt, wie weit sie sich bewegen, ob sie Nachwuchs bekommen und sieht nach, was sie gefressen haben. "Wir kriegen quasi 'ne SMS von den Tieren und wissen immer, wo sich das Tier aufhält", sagt er.

Mit Fotofallen kann er die Lebensläufe von Luchsen nachzeichnen, die er nicht per GPS trackt - und er kann sie zählen, weil die Tiere sich durch ihre Fellmuster alle voneinander unterscheiden. Seit einem Jahr läuft auch ein Fotofallen-Projekt gemeinsam mit dem Jagdverband.

Bis zu 15 Tiere werden pro Jahr gewildert

Mithilfe der GPS-Sender und Fotos bekommt Heurich auch mit, wenn die Tiere nicht mehr leben, wie vor fast 10 Jahren bei der Luchsin Tessa: "Für mich persönlich war das der schockierendste Fall", sagt er. "Die Luchsin war uns sehr ans Herz gewachsen. Eines Tages haben wir sie tot aufgefunden." Ihr Halsband hatte gemeldet, dass etwas nicht in Ordnung ist. Die Forscher stellten fest: Die Wildkatze wurde vergiftet.

Der Fall der Luchsin Tessa ist einer der bekanntesten - aber sie ist nicht die einzige Wildkatze, die in den vergangenen Jahren getötet wurde. Immer wieder gab es Schlagzeilen zu gewilderten Tieren: "Luchs Ivan erschossen", "Jungluchs wurde stranguliert", "Trächtige Luchsin bei Bodenmais erschossen" oder "Vier abgehackte Luchsvorderbeine gefunden". 10 bis 15 Tiere pro Jahr werden laut Berechnungen von Heurichs Forschungsteam gewildert. Wer dafür verantwortlich ist, ist nicht bekannt, kein Täter konnte bisher überführt werden.

Skepsis gegenüber Luchsen wird weniger

Aber immerhin: Das Wildern wird weniger. "Wir haben die letzten Jahre weniger negative Einflüsse beobachtet und auch die Entwicklung der Luchspopulation gibt dem Ganzen recht", sagt Heurich. Auch die Stimmung gegenüber dem Luchs sei positiver geworden: Von den Bewohnern der Region halten laut einer Umfrage 70 Prozent den Luchs für ein sympathisches Tier. Bei den Besuchern des Nationalparks sind es 90 Prozent.

Kritischer wurde der Luchs lange von Landnutzern gesehen: Jägern befürchteten, dass die Luchse den Rehbestand drücken, und Nutztierhalter, dass die Raubkatzen ihre Tiere reißen. Im Durchschnitt erbeuten die Luchse im Bayerischen Wald pro Jahr fünf Nutztiere. Auch Katzen- und Hundebesitzer machen sich Sorgen.

Heurich glaubt, dass auch weniger gewildert wird, weil Polizei und Staatsanwaltschaft dagegen vorgehen und ermitteln - auch wenn bisher noch niemand in der letzten Instanz verurteilt wurde.

"Wir haben klar gemacht, dass das Töten von einem Luchs kein Kavaliersdelikt ist, sondern eine Straftat, weil Luchse streng geschützt sind." Marco Heurich, Leiter des Luchs-Forschungsprogramms im Nationalpark Bayerischer Wald

Der zweitgrößte Feind des Luchses: das Auto

Während die illegalen Tötungen abnehmen, wird ein anderes Problem für die Luchse größer: "Was wir in den letzten Jahren immer häufiger beobachten, sind Opfer durch den Straßenverkehr", sagt Heurich. Das könne mit mehr Straßen und schnellerem Verkehr zusammenhängen, aber auch damit, dass es mittlerweile mehr Luchse gibt.

Luchsbestand durch Vernetzung erhalten

Wie gut sich der Luchs in Bayern hält, bleibt also unsicher. 2020 hat das Bundesamt für Naturschutz das Tier auf die Rote Liste gesetzt: Er gilt jetzt als vom Aussterben bedroht. Wie können die Wildkatzen also künftig erhalten werden?

Laut Heurich braucht es 50 Tiere, damit eine Luchspopulation für die nächsten paar Jahre gesichert ist, und 100 Tiere, um Inzuchteffekte zu vermeiden - beides wurde in Deutschland geschafft. Aber für einen langfristigen Erhalt braucht es je nach Berechnung zwischen 300 und 1.000 Tieren.

"Wir bräuchten mindestens einen Bestand von 300 bis 600 erwachsenen Tieren, die im dauernden Kontakt zueinander stehen können", sagt Silvester Tamás, Koordinator des Luchs-Projekts des Naturschutzbundes in Thüringen. Das bedeute auch, dass sie gefahrlos wandern können müssen, ohne von Autos erfasst zu werden oder erschossen zu werden.

"Da haben wir noch sehr viel zu tun. Wir sind noch ganz weit weg davon zu sagen, dass die Luchspopulation in Deutschland stabil ist. Damit sie alleine überleben können, braucht es ein Umdenken, gerade in der Infrastrukturentwicklung: Grünbrücken, Wanderkorridore, Schutz von Lebensraum." Silvester Tamás, Koordinator des Luchs-Projekts des Naturschutzbundes in Thüringen

Tamás sieht Thüringen hier als wichtigen Faktor für die Wiedervernetzung der Luchse in Deutschland zwischen den verschiedenen Populationen. Neben dem Dreiländereck rund um den Bayerischen Wald leben auch Luchse im Harz und im Pfälzer Wald. Andere Möglichkeiten für Anschluss sind die Luchse in den österreichischen Kalkalpen und Polen.

Um Thüringen luchsfreundlicher zu machen, startete der Naturschutzbund im März das Projekt "Luchswald": Pro Jahr will der Naturschutzbund nun bis zu drei Wälder auszeichnen, die zum Beispiel auf den Einsatz von Chemie im Wald verzichten oder den Totholz-Anteil erhöhen. Es sind erste Ideen, damit die Luchse nicht nur langsam mehr werden, sondern auch bleiben.

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