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Archivbild: Pflanzenschutzmittel wird auf einem Feld versprüht.

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    Mehr Informationen über Pestizide in geschützten Gebieten

    Bundesweit sind im letzten Jahr wieder mehr Pflanzenschutzmittel verkauft worden. Es gibt aber über ihren Einsatz relativ wenig Daten, insbesondere was die Belastung von besonders geschützten Gebieten betrifft. Doch es tut sich was.

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    Anton RauchAnton RauchIngrid WolfIngrid Wolf
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    Die Verkaufsmengen von Pflanzenschutzmitteln sind im letzten Jahr bundesweit wieder angestiegen. Darunter sind auch Mittel mit problematischen Wirkstoffen, bienengefährliche Insektizide oder grundwasserkritische Herbizide. Das hat das Umweltbundesamt jetzt bekanntgegeben.

    Daten zu Pestizideinsatz werden verstärkt gesammelt

    Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Landwirtschaftsämter, Daten herauszugeben über den Einsatz von Pestiziden in Gewässernähe oder in der Nachbarschaft anderer, besonders geschützter Flächen. Im Januar wollen Umweltverbände zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung einen Pestizidatlas herausgeben.

    Sie verweisen auf verfeinerte Analysemethoden, mit denen sich Spuren von Pestiziden aus der Landwirtschaft nachweisen lassen: Nicht nur auf den behandelten Agrarflächen, sondern teilweise weit davon entfernt. Rückstände sind im Wasser, im Boden und auf Lebewesen selbst zu finden. Neuere Studien konnten eine Vielzahl von Pestiziden in Insekten nachweisen.

    Neuere Studien weisen Belastung durch Pestizide nach

    Ein Team des Helmholtzzentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig hat ein deutschlandweites Monitoringprogramm gestartet. Dabei wurden Flächen an der Leine in Niedersachsen und an über 100 weiteren kleineren Fließgewässern in ganz Deutschland untersucht. Die Frage war, wie stark diese Gewässer durch Pestizide belastet sind, und was das für die Artenvielfalt bedeutet.

    Bei 81 Prozent der Gewässer im landwirtschaftlichen Raum wurde dabei mindestens eine Überschreitung des sogenannten RAK-Wertes gemessen. Dieser maximale Konzentrationswert eines Wirkstoffs darf in einem Gewässer nicht überschritten werden, um inakzeptable Auswirkungen auf die Umwelt zu vermeiden.

    Bei der zweijährigen Untersuchung der Kleingewässer stellte sich heraus, dass nur 27 Prozent von ihnen in einem guten ökologischen Zustand waren. An 50 von 112 Messzellen wurde der RAK-Wert eines Insektizids aus der Gruppe der Neonikotinoide überschritten. Das Mittel wird in der Landwirtschaft gegen Acker- und Obstschädlinge wie Blattläuse, Apfelwickler und Rüsselkäfer eingesetzt. An vier Messstellen wurde die Konzentration sogar um das 100-Fache überschritten.

    In der Folge, so die Wissenschaftler, geht in den Kleingewässern, also kleinen Bächen und Gräben, die Artenvielfalt zurück. Empfindliche Lebewesen sterben, eher unempfindliche Arten nehmen zu. Laut den Helmholtz-Forschern leiden empfindliche Arten wie Kleinlibellen oder Eintagsfliegen besonders. Andere Arten wie Würmer, Schnecken und Zweiflügler nehmen dagegen zu.

    Insekten in Naturschutzgebieten belastet von Pestiziden

    Eine erst vor kurzem veröffentlichte Studie des NABU (Naturschutzbund Deutschland) und der Universität Landau-Koblenz hat nachgewiesen, dass auch in Naturschutzgebieten lebende Insekten mit Pestiziden belastet sind. Beim DINA-Project (Diversity of Insects in Nature protected Areas) haben die Forschenden die Insektenvielfalt in 21 Naturschutzgebieten zwei Jahre lang erfasst und dokumentiert. Dabei wurden die Insekten in Fallen gefangen und dann in Alkohol eingelegt. Bei der Analyse des Alkohols konnte so mittels feinster Messmethoden festgestellt werden, was die Insekten auf Flügeln und Körper hatten.

    Das Ergebnis: "Über alle 21 Untersuchungsstandorte verteilt haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Studie 47 der 92 untersuchten Pestizide auf den Insekten gefunden." Laut Studie waren in einem Schutzgebiet einzelne Tiere sogar mit 27 verschiedenen Wirkstoffen belastet. Für den Wissenschaftler Dr. Carsten Brühl von der Uni Landau ist das erschreckend: "Hier zeigt sich, wie realitätsfern die Risikobewertung im Rahmen der Zulassungsverfahren von Pestiziden ist. Die Bewertung wird nämlich jeweils für jeden Wirkstoff separat durchgeführt, obwohl Insekten offensichtlich überall, sogar in Schutzgebieten, Wirkstoffcocktails ausgesetzt sind", unterstreicht Brühl.

    In einem Umkreis von zwei Kilometern um landwirtschaftlich genutzte Flächen nehmen Insekten die gefundenen Pestizide auf. Ein Grund dafür ist, dass die meisten Naturschutzgebiete in Deutschland eher klein sind. Zwei Drittel davon sind laut der Studie kleiner als fünfzig Hektar. Insekten haben aber einen deutlich größeren Flugradius.

    Mehr Insektenschutz in Deutschland seit September

    Bis die novellierte Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung im September in Kraft getreten ist, war lediglich die Anwendung von "sehr bedenklichen Mitteln" in Schutzgebieten verboten. Seit der Novellierung ist auch die Anwendung von Herbiziden und Insektiziden, die als "bienengefährlich oder bestäubergefährlich eingestuft werden, verboten". Darauf weisen die maßgeblichen Forscher der DINA-Studie ausdrücklich hin, allerdings seien "diese Einschränkungen viel zu gering, um eine Trendumkehr beim Insektenschwund zu bewirken", so die Projektkoordinatorin Prof. Gerlind Lehmann vom NABU.

    Die Forderung aus der Studie: "Was wir brauchen, sind pestizidfreie Rückzugsräume für Insekten auf mindestens zehn Prozent der landwirtschaftlichen Flächen."

    Forderung aus der Insektenstudie: Weite Abstandsflächen

    Im BR-Interview weist Dr. Carsten Brühl darauf hin, dass eine Pufferzone von zwei Kilometern um Naturschutzgebiete etwa 30 Prozent der Landwirtschaftsfläche betreffen würde. Auch die Ziele für die Ausweitung der Ökolandwirtschaft in Bayern liegen bei 30 Prozent. In der neuen Bundesregierung und auch auf der Ebene der EU gibt es im Rahmen des "Green Deals" ähnliche Forderungen.

    Bei der DINA-Studie haben mehrere Institutionen mitgemacht, darunter auch der Entomologische Verein Krefeld, der 2017 erstmals den Rückgang der Insekten dokumentiert hat. Über die Biomassenstudie konnte er nachweisen, dass viel weniger Insekten in den Fallen gelandet sind als früher. Mitfinanziert wurde die Studie vom Bundesforschungsministerium.

    Sondergenehmigungen ermöglichen Einsatz von verbotenen Pestiziden

    Nach dem Bayerischen Naturschutzgesetz (BayNatSchG) ist die Anwendung von Pestiziden unter anderem in Naturschutzgebieten außerhalb von intensiv genutzten land- und fischereiwirtschaftlichen Flächen grundsätzlich verboten. Darauf hat das Umweltministerium auf Anfrage von BR24 hingewiesen.

    Erfasst sind davon europäisch geregelte Pflanzenschutzmittel und Biozid-Produkte. Die Naturschutzbehörde kann die Verwendung der Mittel ausnahmsweise zulassen, soweit eine Gefährdung des Schutzzwecks des Naturschutzgebiets nicht zu befürchten ist.

    Ab Januar ist der Einsatz von Spritzmitteln auf Dauergrünland nur noch punktuell erlaubt.

    Problem Notfallgenehmigungen

    Problematisch sind "Notfallgenehmigungen" für bereits verbotene Pestizide, die vom Bundesamt für Verbraucherschutz (BVL) und Lebensmittelsicherheit immer wieder vergeben werden. 2020 und 2021 zum Beispiel durften bayerische Zuckerrübenbauern ein Insektizid mit dem Wirkstoff Thiamethoxam einsetzen, um eine Blattkrankheit zu bekämpfen, die von Blattläusen übertragen wird.

    Das Mittel gehört in die Gruppe der Neonicotinoide, die seit 2018 wegen erwiesener Bienenschädlichkeit in der EU eigentlich nicht mehr eingesetzt werden dürfen.  Auch für 2022 hatten die Zuckerrübenbauern wieder eine Notfallgenehmigung beantragt. Diesmal allerdings wurde sie vom BVL verweigert.

    Schub für die Datensammlung durch Gerichtsurteile

    Daten über die Verkaufszahlen von Pflanzenschutzmitteln werden seit langem erhoben. Daten über den Einsatz von Pestiziden dagegen kaum. Das ändert sich gerade. Das liegt maßgeblich an einem höchstrichterlichen Urteil aus Baden-Württemberg aus dem Jahr 2021. Demnach müssen Landwirtschaftsämter bei den Landwirten Daten über den Pestizideinsatz in und um geschützte Gebiete und Gewässer einholen. Naturschutz- und Wasserzweckverbände haben dann ein Recht auf Einsicht der Daten. Sie müssen zwar anonymisiert, aber schlaggenau geliefert werden.

    Die Anfrage von BR24 bei Landwirtschafts- und Umweltministerium in Bayern ergab, dass das Urteil zwar keine direkte Wirkung auf den Freistaat hat. Aber auch hier hat der NABU Deutschland e.V. umfangreiche Anträge auf Zugang zu den Aufzeichnungen über die verwendeten Pflanzenschutzmittel gemäß Umweltinformationsgesetz gestellt.

    Nach Auskunft des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums fordert die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (als informationspflichtige Stelle) derzeit die Daten bei den betreffenden, beruflichen Verwendern von Pflanzenschutzmittel an, um sie gegebenenfalls im Anschluss an den NABU weiterleiten zu können.

    Bauernverband prüft die Rechtslage

    Der Bayerische Bauernverband verweist auf freiwillige Anstrengungen seiner Mitglieder für mehr Insektenschutz und die ohnehin strengere Rechtslage nach dem Volksbegehren.

    Das Urteil aus Baden-Württemberg lässt er gerade prüfen. Auf Anfrage erklärte ein Sprecher: "Der Bauernverband prüft im Moment, inwiefern die Herausgabe von Daten überhaupt rechtmäßig ist. Hier bestehen berechtigte Zweifel."

    Grauzone Datenschutz in Bayern

    Viele Landwirte befürchten bei erweiterten Dokumentationspflichten noch mehr Bürokratie und eine Art öffentlichen "Pranger". Sie kritisieren, dass durch die Veröffentlichung "schlaggenauer Daten" ihre Betriebszahlen öffentlich werden. Schließlich wisse auf dem Land jeder, wem welche Flächen gehören.

    Der Bayerische Landesbeauftragte für den Datenschutz weist gegenüber BR24 darauf hin, dass die Vorschriften des "Informationszugangsbegehrens" nicht grundsätzlich in seinen Zuständigkeitsbereich fallen. Im Einzelfall könnten aber Datenschutzbelange sehr wohl betroffen sein: "Ob das Datenschutzinteresse der betroffenen Person das öffentliche Interesse an der Bekanntgabe der Information überwiegt, ist stets im Rahmen einer Einzelfallentscheidung zu bestimmen, die die widerstreitenden Interessen in einen angemessenen Ausgleich bringt." Das heißt, im Zweifelsfall müsste gegen einen Veröffentlichungsbescheid geklagt werden.

    Zusammenarbeit Bauern – Naturschützer am Beispiel Unterfranken

    In der DINA-Studie wurde kein bayerisches Naturschutzgebiet unter die Lupe genommen, aber die deutschlandweiten Ergebnisse seien durchaus vergleichbar, sagt Klaus Mandery vom Bund Naturschutz in Bayern in Ebern. Er ist der Insektenexperte des BN in Bayern.

    In den Weinbergen der Gegend zum Beispiel werden Pflanzenschutzmittel teilweise mit dem Flugzeug versprüht. Das könne jeder sehen. Um den Pestizideinsatz in Bayern nachzuweisen, müsse man nur die Augen aufmachen.

    Die ambitionierten Forderungen der DINA-Experten nach einer Zwei-Kilometer-Schutzzone um Naturschutzgebiete sieht Mandery dagegen kritisch. Sie seien allenfalls mittel- oder langfristig zu erreichen.

    In seiner praktischen Arbeit setzt er stark auf die Zusammenarbeit mit den Landwirten. Da werde schon viel geleistet. Wenn beispielsweise auf das Mulchen von Feldrainen verzichtet werde, hätten manche Insektenarten wieder eine Chance. Die Blühstreifen um die Felder seien ein richtiger Ansatz, von dem Wildbienen und Hummeln profitierten.

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