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Mehr Bio für Bayern - eine Chance trotz Corona? | BR24

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Bildrechte: BR/Bernd Förster

Kühe auf einem fränkischen Bio-Bauernhof (Archivbild)

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    Mehr Bio für Bayern - eine Chance trotz Corona?

    Bis 2030 sollen 30 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen ökologisch bewirtschaftet werden. Während Corona sind Bio und Regionalität im Trend. Aber ist die Bio-Wende zu schaffen, wenn viele Verbraucher weniger Geld in der Tasche haben?

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    Von
    • Claudia Erl

    Es war das Bürgerbegehren für mehr Artenschutz, das die bayerische Staatsregierung zur Änderung des Naturschutzgesetzes veranlasste. Ein breiter ökologischer Bewusstseinswandel war in der Bevölkerung zu spüren. Und nun? Ruht sich die Politik darauf aus, am 1. August 2019 ein ambitioniertes Gesetz erlassen zu haben? Aktuell liegt der Anteil ökologischer Nutzflächen in Bayern bei rund zwölf Prozent, bei einem bisherigen jährlichen Wachstum von etwas über einem Prozent. Wenn das in dem Tempo so weitergeht, wird das Ziel von 30 Prozent im Jahr 2030 eindeutig verfehlt. Viele Bauern sind zu ökologischer Bewirtschaftung bereit, doch sie fürchten ein Absatzproblem.

    Staatliche Unterstützung der Landwirte

    Wer auf Bio umstellt, der produziert weniger. Biobauern haben häufig nur die Hälfte des Ertrages ihrer konventionellen Kollegen. Zudem ist die Produktion teurer, bei Bio ist viel Handarbeit gefragt. Die Umstellungszeit ist also eine echte Durststrecke für die Landwirte - denn die Arbeit ist von Anfang an mehr und schwerer, aber es dürfen noch keine höheren Preise verlangt werden. In dieser Zeit gewährt der bayerische Staat ein Überbrückungsgeld. Und auch danach gibt es von Seiten des Staates zur üblichen Flächenförderung noch zusätzlich Geld. Das klingt schon mal vielversprechend.

    Sind die Verbraucher bereit zur Umstellung?

    Doch die zentrale Frage bleibt: Werden auch die Verbraucher mitziehen und die teureren Bio-Produkte kaufen? Aus einer Verdreifachung der Öko-Flächen folgt eben auch eine Verdreifachung der heimischen Bio-Produkte auf dem Markt.

    "Es ist weniger das Bestreben der Politik nötig, die Bauern umzustellen. Die Bauern stellen, denke ich, schon um. Man muss auch die Verbraucher umstellen. Wir brauchen 30 Prozent Biokonsum." Christoph Reiner, Biobauer aus Petersdorf

    Die großen Absatzmärkte

    Wo gibt es noch unentdeckte Absatzmärkte für Bioprodukte? Eine Schlüsselposition liegt bei den "Gemeinschaftsverpflegern" – Betriebskantine, Schulmensa, Kindergartenessen, Altenheimversorgung, Krankenhauskost.

    "Die Gemeinschaftsverpflegung ist ein ganz wichtiger Bereich, weil wir wissen, dass 40 Prozent der Lebensmittel in der Gemeinschaftsverpflegung in verschiedenen Bereichen vom Kindergarten bis zur Betriebsgastronomie verkonsumiert werden. Und deswegen wollen wir natürlich dort auch mehr und mehr Biolebensmittel unterbringen." Josef Wetzstein, Landesvorsitzender Bioland Bayern

    Zugegebenermaßen erlebt die Großgastronomie in Corona-Zeiten gerade schlechte Zeiten. Aber auch vor der Pandemie sahen sich die Gastronomen, die auf Bio umrüsten wollen, vor kniffelige Aufgaben gestellt.

    Mangelnde Nachfrage, fehlendes Angebot

    Kantinen und Co. müssen sich ihre Bio-Lebensmittel oft mühsam einzeln von Bauern oder Anbietern zusammenkaufen. Großanbieter für Bio-Lebensmittel gibt es nur wenige. Und es fehlt zudem an den Großpackungen, die für die Gemeinschaftsverpfleger von Bedeutung sind. So gibt es beispielsweise in Bayern keine Bio-H-Milch im 10-Liter-Gebinde, sondern nur Literpackungen. Mühsam für das Küchenpersonal und zudem unnötiger Müll. Ebenfalls kaum auf dem Markt zu finden sind bereits vorverarbeitete Produkte – also gegarte, tiefgekühlte oder geschnittene Lebensmittel in Bioqualität. Doch für die Hersteller lohnt sich das eben noch nicht. Zu klein sind die Strukturen in der Biolandwirtschaft noch.

    Die einen beklagen die mangelnde Nachfrage, die anderen das fehlende Angebot. Alle warten ab, wo die Reise hingeht. Dabei kann man in der Corona-Krise beobachten: Bei Bioprodukten aus der Region ist die Nachfrage besonders groß.

    "Wir müssen noch Partner finden, die wir benötigen, um auch professionell arbeiten zu können. Das sind eben noch die Fragen derzeit: Wie krieg ich’s her, wann bekomme ich es und wie ist die Qualität?" Karsten Kuhlmey, Küchenchef der Jugendherberge Garmisch-Partenkirchen

    Lücken auch in der Politik

    Was könnte helfen? Ein runder Tisch, an den sich Verbände, Politik und Wirtschaft zusammensetzen, um mit vereinten Kräften die wichtigen Ziele Bio-Wende und Klimarettung voranzutreiben. Doch es gibt Hürden: Im zuständigen Ministerium, dem Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, gibt es keine Stelle, die sich ausschließlich mit den Bio-Themen beschäftigt. Ministerin Michaela Kaniber sieht den Handlungsbedarf.

    "Es gibt ja immer neue Herausforderungen und wenn man sieht, dass Themen sich so herauskristallisieren wie der Ökolandbau, dann ist es nur folgerichtig, dass man eben auch sein Haus, sein Ministerium darauf ausrichtet." Michaela Kaniber, bayerische Landwirtschaftsministerin

    Noch ist es aber nicht überall soweit. Die Kantine des Landwirtschaftsministeriums ist zwar Vorreiterin mit täglich mindestens einem Essen in Bio-Qualität. Doch bei den meisten anderen Kantinen von Behörden und Ministerien gibt es das kaum. Mit 30.000 Mitarbeitern wären sie ein Großabnehmer für die Bio-Branche und der Staat könnte so direkten Einfluss auf die Entwicklung nehmen. Wenn dann noch öffentliche Einrichtungen wie Kitas, Schulen und Seniorenheime nachzögen, wären das allein in Bayern mit 1,8 Millionen Mittagessen täglich ein enormes Potential.

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