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"Meet a Jew": Wie junge Juden mit Vorurteilen aufräumen | BR24

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Bildrechte: BR-Studio Franken/Henry Lai

Wenn in Deutschland über Juden gesprochen wird, dann oft im Kontext des Antisemitismus. Doch gerade junge Juden wollen nicht immer nur als Opfer dargestellt werden. Ein Begegnungsprojekt soll das ändern.

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"Meet a Jew": Wie junge Juden mit Vorurteilen aufräumen

Wenn in Deutschland über Juden gesprochen wird, dann oft im Kontext des Antisemitismus. Doch gerade junge Juden wollen nicht immer nur als Opfer dargestellt werden. Ein Begegnungsprojekt soll das ändern.

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Von
  • Henry Lai

Wenn jemand auf der Straße eine Person mit den Worten "Hallo, du Jude" begrüßen würde, würde er erstmal schief angeschaut. Egal ob es so gemeint wäre oder nicht, für viele klänge das beinahe wie ein Schimpfwort. Mit "Hallo, du Christ" oder "Hallo, du Buddhist" gäbe es diese Reaktion sicher nicht.

Bei den letzten beiden Religionen schwingt nicht so viel mit wie beim Judentum. Das wird sofort mit einer schrecklichen Vergangenheit assoziiert, wie den Verbrechen der Reichspogromnacht oder dem Holocaust. Wer "Jude" sagt, dem liegt das alles quasi mit auf der Zunge – und deshalb sagt man es lieber gar nicht.

Fokus auf nur ein Thema

Genau diese Verklemmtheit sorgt dafür, dass sich Menschen zu wenig mit dem Thema befassen und von Juden und jüdischer Geschichte nichts anderes wissen als dieses dunkle Kapitel. Gerade für junge Juden wie Lena Prytula aus Nürnberg ist das befremdlich. "Dieses 'Ja, du bist jüdisch, deswegen müssen wir dich mit Samthandschuhen anfassen', das finde ich einfach so nervig. Weil ich bin persönlich kein Opfer des Holocaust, ich lebe in Deutschland, ich studiere - und die ganze Zeit mit diesem Thema konfrontiert zu werden, ist natürlich nervig irgendwann", sagt die 20-Jährige.

Antisemitismus im Alltag

Das heißt nicht, dass Antisemitismus nicht ein wichtiges Thema wäre, über das gesprochen werden muss. Denn auch heute noch gibt es ihn. Die Öffentlichkeit kennt ihn aus den Schlagzeilen wie etwa den Anschlag in Halle vom vergangenen Jahr. Doch auch wenn die Medien nicht darüber berichten, werden junge Jüdinnen und Juden angegangen.

"Ich trage meinen Davidstern offen, ich achte nicht darauf ob er jetzt unter oder über dem Pulli hängt. Und wenn ich zum Beispiel in der U-Bahn unterwegs bin, dann merke ich das natürlich, wenn jemand so rauf und runter mich betrachtet und auf und ab schaut und dann teilweise auch mit angewiderten Blicken das erwidert und sich sogar wegsetzt." Lena Prytula

Juden sprechen über ihr Leben

Um mit Vorurteilen und Ressentiments aufzuräumen, reiche es nicht, nur an die Verbrechen der Vergangenheit zu erinnern, sagt Lena. Dabei helfen soll ein neues Projekt des Zentralrats der Juden in Deutschland, es heißt "Meet a Jew". Hierbei treffen Gruppen von jungen Menschen – zum Beispiel aus der Schule oder einem Sportverein – auf Ehrenamtliche, die von ihrem jüdischen Leben erzählen.

Alle Fragen sind erlaubt

Auch vermeintlich blöde Fragen sind erlaubt. Zum Beispiel: Wie sieht ein Jude eigentlich aus? "Dann kommt halt: Schläfenlocken und Hut und so in Schwarz gekleidet. Und das ist halt nicht das, was man tagtäglich auf der Straße sieht", sagt Lena.

Deutschlandweit engagieren sich mehr als 300 Ehrenamtliche bei dem Projekt, so der Zentralrat. Wer eine solche Begegnung anfragen möchte, kann dies über die Webseite tun. Normalerweise finden diese Treffen persönlich statt, wegen Corona sind aber auch Online-Meetings möglich.

Vom vielfältigen Judentum erzählen

"Ich möchte nicht, dass Judentum so etwas Abstraktes ist, sondern dass man uns einfach akzeptiert und toleriert und dass wir einfach zusammenleben können", sagt Lena Prytula auf die Frage, was sie sich von ihrem Engagement für das Projekt erhofft. Es gebe so viele Seiten am Judentum, die in der öffentlichen Diskussion gar nicht auftauchen, weil alle so mit dem Antisemitismus beschäftigt sind.

Coole Aspekte des Judentums zeigen

Zum Beispiel den Jewrovision, ein Gesangswettbewerb der jüdischen Gemeinden und Jugendzentren in Deutschland, der seit 2002 stattfindet. "Darüber berichtet irgendwie nur die israelische Presse und nicht die deutsche. Und das finde ich halt schade. Denn das ist ein cooler Aspekt des Judentums, ein schöner Aspekt des Judentums, der einfach nicht gezeigt wird", erzählt sie.

"Wir sind nicht nur der Antisemitismus, wir sind so, so viel mehr." Lena Prytula

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