Bildrechte: BR

Die Liste von Lieferengpässen bei Medikamenten wird immer länger. Nun fordern Apotheker die Politik zum Handeln auf.

  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten
>

Lieferengpass bei Medikamenten: Kein Ende in Sicht

Lieferengpass bei Medikamenten: Kein Ende in Sicht

Seit Jahren klagen Patienten über einen Medikamentenengpass. Mal sind es Präparate bei Schilddrüsenerkrankungen, dann bei Epilepsie. Aktuell ist ein Mittel für Schlaganfallpatienten kontingentiert. Apotheker fordern die Politik zum Handeln auf.

Die Liste von Lieferengpässen bei Medikamenten wird auf der Seite des Bundesamtes für Arzneimittel und Medizinprodukte immer länger. In Deutschland gelten aktuell rund 300 Mittel als nicht lieferfähig. Vor fünf Jahren waren es nicht einmal halb so viele.

Der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker fordert von der Regierung Maßnahmen gegen den zunehmenden Versorgungsengpass. Die Situation im pharmazeutischen Bereich sei sehr angespannt, sei es im Bereich Antibiotika, Arzneimittel für die onkologische Versorgung, aber auch bei Präparaten für die Akutversorgung von Schlaganfallpatienten, heißt es vom Verband.

Einziger Hersteller hat Lieferschwierigkeiten

Ein aktuelles Beispiel ist der Lieferengpass von Actilyse mit dem Wirkstoff Alteplase. Der Mangel an diesem Medikament aufgrund der hohen Nachfrage kann für viele Schlaganfall-Patienten lebensbedrohlich werden, mahnt auch die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft.

Das Präparat wird weltweit ausschließlich von einem deutschen Hersteller produziert, der noch bis Dezember 2023 Kapazitätsschwierigkeiten gemeldet hat. Es ist für die Akutbehandlung von Schlaganfallpatienten seit über 20 Jahren das einzige zugelassene bei akutem Hirninfarkt. Deutschlandweit muss derzeit in den Kliniken das Mittel kontingentiert werden.

Lieferengpass bei Medikamenten: ein Dauerthema

Waren es erst Fiebersaft und Schmerzmittel, so sind es jetzt zunehmend auch versorgungsrelevante Medikamente, die schwer erhältlich sind. Schon vor Jahren versprach der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, etwas dagegen tun zu wollen, doch die Maßnahmen brachten nichts, weil sie vorrangig auf die rechtzeitige Meldung von Lieferengpässen abzielten.

Die Gründe für die derzeitige Mangelsituation sind vielfältig: Die Wirkstoffe kommen zum großen Teil aus Asien. Der Preis für deutsche Generika-Medikamente, also Präparate, die nach Patentablauf von Original-Medikamenten diese beliebig vervielfältigen können, ist zu niedrig, Hersteller stellen aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit die Produktion ein, das wiederum führt zu wenigen Produzenten für ein Mittel.

Beispiel Paracetamol – oder Tamoxifen

Die Medikamente sollen immer preiswerter werden oder zumindest im Preis gleichbleiben, auch wenn sich angesichts der Energiekosten alles verteuert. Laut dem Verband Pro Generika dürfen Hersteller seit zehn Jahren einen Festbetrag von 1,36 Euro für 100 Milliliter Paracetamolsaft bei den Krankenkassen abrechnen. Doch alleine der Wirkstoffpreis für den Fiebersaft sei in den letzten zwölf Monaten um 70 Prozent teurer geworden. Vor zwölf Jahren gab es noch elf Anbieter für flüssige Paracetamol-Zubereitung. Heute sind es nach dem Ausstieg der Firma 1A Pharma nur noch zwei, erklärt Pro Generika.

Gleiches Szenario beim Präparat Tamoxifen: Das Medikament wird in der Brustkrebstherapie eingesetzt, es soll die Bildung neuer Tumorzellen verhindern. Auch hier haben nach Angaben vom Bundesverband Pro Generika Hersteller die Produktion eingestellt, weil es für sie nicht mehr wirtschaftlich war. Über Monate war das Mittel so für Patientinnen schwer bis gar nicht zu bekommen. Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte, BfarM, musste 25 Millionen Tabletten als Import beziehen, um den Bedarf zu decken.

"Produktion ohne Verluste kaum mehr möglich"

"Der Fall Tamoxifen illustriert sehr deutlich, wo das strukturelle Problem bei unserer Grundversorgung liegt", erklärt Bork Bretthauer von Pro Generika. "So liegt der Preis, den die Arzneimittelhersteller von den Krankenkassen für eine 100er-Packung Tamoxifen erhalten, bei 8,80 Euro. Zu diesem Preis ist eine wirtschaftliche Produktion ohne Verluste kaum mehr möglich." Und der Druck werde immer größer, denn während die Zulieferer von Wirkstoffen aus Asien ihre Preise erhöhen, versucht das Gesundheitssystem die Preise weiter zu drücken, so Bretthauer. "Generika-Hersteller befinden sich in einer Sandwich-Situation."

Die Pharmaindustrie in diesem Bereich mahnt ein Handeln der Politik an. Es gehe um ein Stück finanzielle Entlastung für den Generika-Markt, damit es Herstellern möglich werde, wieder wirtschaftlich zu produzieren, heißt es. "Und man kann hier auch ein Stück weit Entwarnung geben", erklärt Bork Bretthauer. "Wir reden hier nicht von Milliardenbeträgen. Die Krankenkassen geben für ein Generikum am Tag im Schnitt sechs Cent aus. Das heißt, wenn das geringfügig nach oben angepasst wird, entstehen da keine Milliarden Unkosten für die Kassen. Das wäre sicherlich ein erster wirksamer, guter Schritt."

Wirkstoffe kommen überwiegend aus Asien

Wie mit Öl und Gas hat sich Deutschland auch zunehmend bei Wirkstoffen vom Ausland abhängig gemacht. Deutschland galt einmal als die Apotheke der Welt. Dann begann in den 1980er-Jahren die Subventionierung der Penicillin-Produktion in China. Damit wollten die Asiaten einen Fuß in den Arzneimittelzuliefermarkt bekommen. Weil in Asien billig produziert werden konnte, schlossen auch in Deutschland immer mehr Produktionsstandorte.

Die Aussage Spahns, dass "eine Exportnation wie Deutschland auf Arbeitsteilung in der Welt angewiesen ist", stellte sich aber immer mehr als falsch heraus. Indien hat im März 2020 als einer der größten Hersteller von Medikamenten und Wirkstoffen die Auslieferung gestoppt, um in Corona-Zeiten die eigenen Menschen im Land versorgen zu können. 26 Produkte waren davon betroffen, darunter auch Paracetamol oder Chloramphenicol, ein Breitbandantibiotikum. Und auch aus der chinesischen Provinz Hubei kamen keine Wirkstoffe oder Arzneimittel mehr in Deutschland an. 64 der insgesamt 153 ausgesetzten Lieferungen betrafen versorgungsrelevante Medikamente.

Nur noch 20 Prozent der Wirkstoffe in EU hergestellt

Nach Angaben des Pharmaverbandes vfa wurden im Jahr 1990 noch 80 Prozent der Wirkstoffe in der EU hergestellt worden, heute sind es nur 20 Prozent. Der Großteil der benötigten Wirkstoffe werden jetzt aus Drittländern, insbesondere China, Indien, Taiwan und Korea, bezogen. Im Mai 2020 verkündete Jens Spahn dann: "Deutschland muss bei Arzneimitteln wieder unabhängiger von Asien werden".

Und auch der jetzige Bundesgesundheitsminister will das, es steht sogar im Ampel-Koalitionsvertrag. Karl Lauterbach (SPD) sieht aber vor allem die Pharmaindustrie in der Pflicht. Die mache schließlich nach wie vor Gewinne. Dagegen kontert der Generika-Verband, dass der Anteil von Generika bei der deutschen Medikamentenversorgung auf 79,1 Prozent gestiegen sei, doch nur 7,2 Prozent der Arzneimittelausgaben bei diesen Herstellern landen.

Druck von Apothekern und Wissenschaftlern

Der Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) fordert endlich Maßnahmen gegen den Engpass. Die Einkaufspraktiken bei Medikamenten müsse überdacht werden. "Preiswert" dürfe nicht mehr das einzige Zuschlagskriterium bei Pharmafirmen sein, meint der Präsident der ADKA, Frank Dörje. Selbst das Bundesamt BfarM gebe zu bedenken, ob nicht auch Lieferzuverlässigkeit goutiert und mit einem besseren Preis bedacht werden müsse.

"'Geiz ist geil', hier müssen wir uns natürlich im Gesundheitswesen ganz besonders fragen, ob das die Politik ist, die auch geopolitisch in der Zukunft uns wirklich eine sichere Versorgung beschert. Ich meine Nein", so Frank Dörje, der auch Chef der Apotheke der Uniklink Erlangen ist. Das werde aber seinen Preis haben. "Wir haben keine global niedrigsten Löhne und dem müssen wir uns bewusst stellen. Und wir müssen uns klar werden, was uns eine sichere Versorgung wert ist. Und ich plädiere dringend, dass wir hier zu einer Umsteuerung kommen."

"Wir haben zehn Jahre Stillstand und schlechte Entwicklung. Wir haben jetzt viel drüber gesprochen. Wir haben zu viel drüber gesprochen. Wir müssen auch handeln. Andere tun das schon in Europa. Frankreichs Staatspräsident Macron als gutes Beispiel. Europa als Ganzes muss handeln. Jetzt." Frank Dörje, Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker
Bildrechte: BR/Lisa Hinder

Ein Glas Wasser mit Tabletten in Blisterverpackung.

Andere Staaten haben Problem erkannt

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat die Rückholung des Arzneistoffes Paracetamol zur Chefsache erklärt. Schon bald soll eine hochmoderne Produktionsstätte bei Lyon – mit hohen Subventionen des Staates finanziert – den Wirkstoff für Europa liefern. Im österreichischen Kundl gab der Pharmariese Novartis bereits 2020 den Startschuss für den Ausbau der Penicillin-Produktion. Investitionshöhe: 100 Millionen Euro. Bei unserem Nachbarn sollen einmal 60 Prozent der Weltproduktion von säurestabilem Penicillin produziert werden – mit dem Potential, ganz Europa zu versorgen.

Die Ampelregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben, die Herstellung von Arzneimitteln inklusive der Wirk- und Hilfsstoffproduktion nach Deutschland oder in die EU zurück zu verlagern. Geschehen ist wenig bis nichts.

Deutschland muss handeln

Die Paracetamol-Produktion wurde in Frankreich mit Hilfe von Macron relativ schnell und zügig bewilligt. In Deutschland ist das anders. Planungen und Genehmigungen dauern. Der französische Pharmahersteller Sanofi, der einen großen Standort in Frankfurt-Höchst unterhält, warnt davor, dass der Pharmastandort Deutschland seit Jahren an Boden innerhalb der Europäischen Union verliere, insbesondere gegenüber den USA und Asien. "Deutschland sollte als starker Standort der innovativen Pharmaindustrie den Gestaltungsanspruch haben, neue Technologien und Therapiefelder nicht den globalen Wettbewerbern zu überlassen, sondern diese in Deutschland anzusiedeln – so wie es jetzt beim Covid-Impfstoff 'Made in Germany' gelungen ist", erklärt Fabrizio Guidi, Vorsitzender der Geschäftsführung von Sanofi Deutschland.

Nach Angaben des Verbandes "Forschender Pharmaunternehmen" wendeten die Unternehmen in Deutschland jährlich 7,8 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung auf. "Was die Durchführung Industrie-initiierter klinischer Studien betrifft, ist Deutschland aktuell in Europa die Nummer 3 nach Spanien und UK, die weltweit noch von den USA und China übertroffen werden. Viele Jahre lang war Deutschland sogar die weltweite Nummer 2."

Doch es geht um die Produktion. Die Pharmazie-Professorin Prof. Ulrike Holzgrabe von der Uni Würzburg will einen Anfang machen. Sie will eine Arbeitsgruppe auf die Beine stellen, die errechnet, was es kosten würde, eine konkrete Wirkstoff-Produktion nach Deutschland zurückzuholen. Bis jetzt gibt es dazu keine offiziellen Zahlen.

Die Politik müsste nun zumindest einmal darüber diskutieren, welche Wirkstoffe denn überhaupt relevant seien für eine Rückverlagerung nach Deutschland. Dann sei schon mal ein erster Schritt getan, meint Krankenhausapotheker Frank Dörje.

Bildrechte: colourbox.com

Symbolbild: Arzneimittel-Engpass

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!