BR24 Logo
BR24 Logo
Bayern

Medikamentenengpass: Ärzte und Apotheker bekommen Frust ab | BR24

© spa/pa, Erwin Rachbauer

Apotheker

1
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Medikamentenengpass: Ärzte und Apotheker bekommen Frust ab

Immer häufiger müssen Apotheker Patienten vertrösten oder sie zum Arzt zurückschicken, damit ein anderes Medikament verschrieben wird. Denn oftmals sind Arzneimittel nicht lieferbar. Das Corona-Virus könnte die Situation noch mal verschärfen.

1
Per Mail sharen
Teilen

Wie die Experten des Instituts der Gesundheit Österreich GmbH in einer Untersuchung feststellten, gab es in Deutschland im vergangenen Jahr 320 Meldungen von Medikamenten, die nicht geliefert werden konnten. Als Hauptgrund analysierten die Wissenschaftler Produktions- und Qualitätsmängel bei der Herstellung von Wirkstoffen. Dem Patienten nutzt die Erklärung wenig, wenn er Wochen und manchmal Monate auf sein Medikament warten muss.

"Fast jedes dritte verordnete Medikament nicht vorrätig"

Jeden Morgen ein ähnliches Bild für den Apotheker Ralf Schabik aus Altdorf bei Nürnberg: Beim Blick in den PC mit den aktuellen Listen über Lieferengpässe sind wieder über 300 Präparate für seine Kunden nicht lieferbar. Heute ist es zudem auch noch der Paracetamolsaft, ein gängiges Mittel gegen Fieber bei Kindern.

Schabik versucht überall noch vorhandene Packungen bei verschiedenen Großhändlern aufzukaufen und das tut er mit vielen Präparaten. Sein Lager ist voll gefüllt und doch muss auch er Patienten mit Rezepten wieder zum Arzt zurückschicken, um ein neues von einem anderen Hersteller aufzuschreiben. Der Apotheker spricht von 30 Prozent der Kunden, die er nicht so beliefern kann, wie vom Arzt verordnet.

Gründe dafür können sein, dass die Packungsgröße oder auch die Stärke nicht lieferbar seien, meint Schabik. Aber vor allem auch die Rabattverträge, die einzelne Krankenkassen mit bestimmten Pharma-Firmen abschließen, sind ein Problem. Manche Kassen beschränken sich auf einen Hersteller, um noch höhere Rabatte zu erhalten. Kann der aber nicht liefern, gibt es Probleme für Patienten.

Apotheker drohen Strafen durch Krankenkassen

Ist ein Medikament nicht lieferbar und der Apotheker gibt dem Kunden ein Ersatzpräparat, dass aber keinen Rabattvertrag mit einer bestimmten Krankenkasse abgeschlossen hat, dann droht ihm, dass die Kosten von der Kasse nicht übernommen werden. Wenn ein Präparat über Wochen in der entsprechenden Dosis nicht erhältlich ist und der Apotheker gibt es an chronisch Kranke in einer anderen Dosis mit der Erklärung, wie es einzunehmen ist ab, drohen ihm ebenfalls Strafzahlungen.

Muss er über drei Monate warten, bis ein Medikament lieferbar ist und er reicht danach das Rezept zur Erstattung ein, muss Schabik ebenfalls damit rechnen, dass er die Kosten nicht erstattet bekommt, denn ein Rezept gilt nur ein Vierteljahr, dann verfällt es bei Nichteinlösung.

Gründe für Engpässe: Rabattkarten, Produktionsorte, Sicherheitsstandards

Neben den Rabattkarten gibt es auch andere Ursachen für die Engpässe: Pharmaunternehmen haben die Produktionsstätten häufig nach China und Indien verlagert. Das Risiko für Engpässe steigt folglich, wenn nur ein oder zwei Produzenten den gesamten Weltmarkt beliefern. Zudem gibt es gerade in Europa sehr hohe Standards: Die Produktion und Auslieferung von Medikamenten wird angehalten, wenn es den kleinsten Verdacht auf Verunreinigungen gibt. Das hohe Sicherheitsniveau führt deshalb auch zur Medikamenten-Knappheit. Herstellerverbände kritisieren außerdem die Preispolitik - in Deutschland seien Generika, also Medikamente ohne Patentschutz, zu billig und würden deswegen eher in andere Länder geliefert.

Mitarbeiter haben keine Lust mehr

"Wir verlieren in ganz Deutschland flächendeckend Personal in den Apotheken, weil die Mitarbeiter sagen, wir tun uns das nicht mehr an", so Apotheker Ralf Schabik. Kunden, die sich beschweren, zum Teil auch aggressiv werden, wenn sie ihr Medikament nicht bekommen, lassen mehr und mehr Mitarbeiter die Arbeitsstelle wechseln.

Sie flüchten meist in Bürojobs mit wenig Kundenkontakt und einer geregelten Arbeitszeit. Auch in Schabiks Apotheke hat eine Beschäftigte genau aus diesem Grund gekündigt, um in die Industrie zu gehen. Viele Kunden wollen nicht glauben, dass Deutschland unter einem gravierenden Medikamentenmangel leidet und geben die Schuld den Apothekern.

Lieferprobleme auf dem Land besonders dramatisch

Besonders hart trifft es Patienten auf dem Land, denn anders als in der Stadt, wo Apotheken oft an Praxen oder Arztzentren angeschlossen sind, sind Land-Apotheken meist für einen großen Einzugsbereich zuständig. Die Folge: Sie können sich schlechter auf die Verordnungsgewohnheiten bestimmter Ärzte einstellen.

Hausärzte müssen Ersatzmedikament verschreiben

Hausarzt Hans-Erich Singer im mittelfränkischen Mitteleschenbach kennt das Problem. Jeden Tag kommen Patienten ein zweites Mal in seine Praxis, um sich ein Ersatzpräparat aufschreiben zu lassen, weil das ursprüngliche nicht lieferbar oder das Medikament mit einer entsprechenden Dosierung nicht zu bekommen ist.

"Der Patient geht immer öfter hin und her. Was muss abgeändert werden? Entweder die Menge oder die Dosierung oder das Molekül. Das ist schon ein erheblicher Mehraufwand bei uns in den Praxen, in den Apotheken, aber für den Patienten auch." Hans-Erich Singer, Bayerischer Hausärzteverband

Chronisch Kranke am härtesten betroffen

Bei vielen Krankheiten sind Patienten auf ein bestimmtes Präparat eingestellt worden. Bei Epileptikern beispielsweise kann eine Veränderung der Medikation auch einen veränderten Blutspiegel verursachen und das kann wieder zu Anfällen führen, obwohl der Patient mit dem anderen Medikament in der Dosierung anfallsfrei war. Gerade die Lieferung des Epilepsiemittels Lamotrigin ist derzeit ein Problem. In der Liste der aktuellen Lieferengpässe des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, BfArM, soll der Engpass erste Ende April behoben sein. Er besteht seit Oktober 2019.

Parkinson-Medikament im Juni 2021 wieder lieferbar

Wer die Meldungen auf der Seite des BfArM liest, könnte am deutschen Gesundheitssystem zweifeln. So wird Bormocriptin von der Firma ratiopharm auf der Liste der nicht lieferbaren Medikamente gelistet, ein Präparat für Parkinson-Patienten. Der Engpass soll für 10 mg, 2,5 mg und auch 5 mg-Tabletten erst im Juni 2021 enden. Für diese Gruppe von Erkrankten fehlt auch Ropinirol 0,5 mg bis Ende April, genauso wie Tenofovirdisoproxil, ein Medikament, das bei Hepatitis B sowie zur Behandlung von HIV gegeben wird.

"Die Arzneimittelherstellung hat in Deutschland eine lange Tradition und bis in die 1980er Jahre zählten deutsche Pharmafirmen zu den weltweit größten Pharma-Unternehmen." Verband der forschenden Arzneimittelhersteller

Wirkstoff-Engpässe wegen Corona befürchtet

Der Corona-Virus in China wird die Lage auf dem deutschen Medikamentenmarkt noch verschlimmern, meint Hans-Erich Singer, denn das Land wird bald sagen, dass sie die Präparate für die eigene Bevölkerung benötigen. China ist ein Hauptproduzent von Wirkstoffen.

"Etwa 80 Prozent der benötigten Wirkstoffe werden aus Drittländern, insbesondere China, Indien, Taiwan und Korea bezogen. Demgegenüber werden inzwischen aber lediglich noch etwa 20 Prozent der im EU-Markt für die Arzneimittelherstellung benötigten Wirkstoffe auch in der EU produziert." Verband der forschenden Arzneimittelhersteller

Aktuell, so berichten Medien in den USA, gebe es kein verlässliches Bild der Lage, ob produziert wird, wo genau die Wirkstoffhersteller sitzen und ob die Regierung eventuell angesichts der aktuellen Lage die Wirkstoffe für Tabletten für den Eigenbedarf zurückhalten könnte. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA warnt zudem davor, dass es Monate dauern könnte, "bis die Störung das Angebot beeinträchtige".

© BR

Medikamentenengpass und die Folgen

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!