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Mauerfall: Fußballprofi aus der DDR wechselte nach Schweinfurt | BR24

© Uwe Büchel

Fußballprofi Uwe Büchel

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    Mauerfall: Fußballprofi aus der DDR wechselte nach Schweinfurt

    Uwe Büchel war Profi-Fußballer in der DDR. Mit dem Mauerfall am 9. November 1989 stand er vor einer ungewissen Zukunft. Doch schon kurz darauf kam er beim damaligen Bayernligisten FC Schweinfurt 05 unter. Mit dem Verein erlebte er goldene Tage.

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    Von
    • Klaus Hanisch

    Manchmal träumt er noch davon. Nach dem letzten Aufstiegsspiel bei Rot-Weiß Frankfurt erwarteten unzählige Menschen die siegreiche Schweinfurter Elf vor dem heimischen Stadion: "Und dort trugen uns die Fans aus dem Bus." Uwe Büchel schämt sich seiner Tränen nicht, als er an diesen Moment zurückdenkt. "Sie trugen uns rein ins Stadion", wiederholt er, "wir wurden alle einzeln reingetragen."

    Solch ein Erlebnis, nur ein halbes Jahr nachdem am 9. November 1989 in Berlin die Mauer gefallen war, hatte der gebürtige Dresdner nicht mehr erwartet. "Ich war schon 30", sagt er. Also im Herbst einer Fußballer-Karriere. Für ihn bedeutete der Mauerfall auch Unsicherheit. "Was mache ich nun, wie geht's weiter?" Büchel erging es nicht anders als vielen DDR-Bürgern.

    Mauerfall: "Das war wie ein Urknall"

    Er saß am Abend des 9. November vor dem Fernseher in seiner Wohnung in Suhl, gemeinsam mit seinem Bruder. "Wir waren fassungslos", erklärt er, "das war wie ein Urknall." Schon in den Wochen zuvor hatte der Profi-Fußballer genau zugehört, als Bürger auch in der kleinen Bezirksstadt Suhl tief im Süden der DDR ihren Unmut über die Verhältnisse im Land äußerten. "Ich bin abends in eine Kirche gegangen, habe mich in eine Ecke verzogen und gelauscht, wie die Menschen die Lage empfanden", erinnert sich Büchel. Um anzufügen: "Obwohl es für uns Fußballer nicht ungefährlich war, denn auch in der Kirche waren ja Jungs von der Stasi."

    DDR-Profifußballer mit Privilegien

    Uwe Büchel spielte damals für die BSG Motor Suhl, 2. Liga im DDR-Fußball. Als Profi genoss er zahlreiche Privilegien. "Ich hatte ganz allein eine Wohnung, die sonst eine Familie mit Kind bezog. Und die Wohnungsnot in der DDR war groß." Dazu ein Auto und ein großzügiges Gehalt. "Ich habe richtig gut verdient, mehr als der Generaldirektor eines DDR-Betriebs."

    Für seine Urlaube im sozialistischen Ausland, also in Ungarn oder Bulgarien, wurde ihm viel leichter ein Platz zugewiesen als anderen DDR-Bürgern. Einmal im Monat erschienen fleißige Helfer vor seiner Tür. "Sie fragten nach, was sie für mich tun können, zum Beispiel Tapezieren oder einen Farbfernseher aufstellen, während ich mit der Mannschaft in ein Trainingslager fuhr, damit ich den Kopf nur für Fußball frei hatte."

    Auch Fußballer wurden bespitzelt

    Doch auch Fußballer standen unter Beobachtung. "Es konnte ganz schnell gehen und dann war man als Leistungssportler einfach weg", sagt Büchel. Prominente DDR-Spieler waren zuvor bereits wegen angeblich geplanter Republikflucht im Gefängnis gelandet, andere tatsächlich in den Westen geflüchtet. Dachte er selbst an Flucht? "Ja", bekennt Büchel knapp und präzise. "Das entwickelte sich, als ich erkennen musste, dass ich auf meinem sportlichen Weg nicht mehr weiterkomme." Uwe Büchel hatte Verwandte im Westen. Seine Mutter stammte aus Köln, viele Angehörige wohnten dort.

    Nachdem Nationalspieler wie Lutz Eigendorf oder Falko Götz aus der DDR "abgehauen" waren, habe man auch in seiner Region nach potentiellen "Republikflüchtigen" gesiebt. "Da wurde mir bewusst, dass ich nie in einer Mannschaft der DDR-Oberliga spielen würde, die internationale Spiele im Ausland austragen kann", so Büchel. Doch für eine Flucht gab es tödliche Hindernisse: Stacheldraht, Minen, Selbstschussanlagen. "Wenn sich die Gelegenheit ergeben und ich nicht so viel Angst vor den Grenzanlagen gehabt hätte, dann hätte ich es gewagt", blickt Uwe Büchel zurück. Über dieses Thema spricht der sonst so lebenslustige Sportler spürbar ungern. "Lassen wir's lieber."

    Bewunderung für FC Bayern München und Gerd Müller

    Stattdessen blickte er via Fernseher nach Westen, besonders intensiv auf den Fußball dort. Schließlich liegt Suhl nicht weit von der ehemals innerdeutschen Grenze entfernt, Westsender wie die ARD konnten problemlos empfangen werden. Der FC Bayern hatte es ihm angetan. "Schon als Kind habe ich Gerd Müller geliebt", sagt Büchel, "seinetwegen bin ich Stürmer geworden." Allerdings ein ganz anderer Typ von Angreifer als der "Bomber der Nation". Pfeilschnell, mit stürmischen Läufen übers Feld bis in die gegnerischen Strafräume, so begeisterte Uwe Büchel Zuschauer und Mitspieler. "Wobei ich natürlich bei weitem nicht die Qualitäten von Müller hatte", lächelt er.

    Von Suhl nach Sachsen

    Seine wichtigsten Spiele absolvierte Büchel in der Saison 1983/84. Stahl Riesa wollte ihn unbedingt nach dem Aufstieg in die Oberliga, die höchste DDR-Spielklasse. "Wenn sich ein Verein der Ersten Liga für einen Spieler aus der Zweiten Liga interessierte, dann hatte er Vorrang", erläutert Büchel. So wurde er von Suhl nach Sachsen "delegiert", also quasi abkommandiert. Obwohl auch hier Wohnung und Geld passten, fühlte sich Uwe Büchel in Riesa nicht wohl, nicht in der Stadt, nicht mit den Leuten. Er strebte zurück nach Suhl. Bernd Stange, damals DDR-Nationaltrainer, legte ein gutes Wort für ihn ein und half, die obligatorische Sperre zu vermeiden.

    "Sensation im DDR-Fußball"

    Gerade in jenen Tagen spielte die BSG Motor Suhl um den Aufstieg in die Oberliga. Uwe Büchel schoss die meisten Tore in der Aufstiegsrunde und wird dafür bis heute in Süd-Thüringen gefeiert. Kommentatoren sprechen von "der Sensation im DDR-Fußball." Vor allem die Partie der BSG bei Vorwärts Dessau blieb lebhaft in Erinnerung. Obwohl er bereits das 1:0 erzielt hatte, lag Motor kurz vor Schluss mit 1:2 zurück. "Dann schlug Uwe Büchel per Kopf zu", schrieb ein Beobachter. "Wir brauchten noch einen Punkt für den Aufstieg, in der 90. Minute gab es einen letzten Freistoß für uns, ich traf zum Remis", schildert Büchel die entscheidenden Szenen. "Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke", fügt er an, "denn für dieses kleine Nest Suhl war es eine tolle Sache." Tatsächlich nennt die Chronik des Suhler Sportvereins die folgende Saison 1984/85 eine "Sternstunde des Suhler Fußballs: Die BSG Motor Suhl spielt ein Jahr in der DDR-Oberliga", was dem Klub danach nie mehr gelang.

    Streitpunkt gefärbte Haare

    "Goldköpfchen" Büchel wirkte jedoch nur in wenigen Partien mit. "Meine Extravaganzen kamen nicht gut an", musste er feststellen. Vor allem, dass er sich als Jung-Twen gerne die Haare färbte: blond, mit Locken. Als er zum Training kam, wurde ihm dies als kapitalistische Verfehlung und mangelnde Einstellung gegenüber dem Sozialismus ausgelegt. Erneut Friseur oder Koffer packen – vor diese Alternative stellte ihn die Klubführung. "Heute lache ich darüber, aber damals tat mir das als jungem Menschen richtig weh." Büchel musste zurück färben. Danach hatte seine eigentlich dunkelbraune Mähne jedoch einen rötlichen Schimmer. "Und dies legte mir irgendein Genosse als schwarz-rot-gold in den Haaren aus", schmunzelt Büchel, "dann war erst richtig was los." Der Stürmer wurde Ende 1984 aus Suhl weg "delegiert", musste in der zweiten Saisonhälfte für den No-Name-Klub Kali Werra nahe Schmalkalden ran, spielte ab 1985 aber wieder für die BSG Motor Suhl, bis zur politischen Wende 1989.

    © Uwe Büchel

    Der ehemalige Profi-Fußballer Uwe Büchel lebt noch heute in Schweinfurt

    Büchel stellte sich in Schweinfurt vor

    Ein Freund aus Riesa überzeugte ihn, dass er trotz seiner 30 noch zwei oder drei Jahre spielen könnte. Büchel vereinbarte einen Termin mit Kickers Offenbach, fuhr zuvor aber an die bayerisch-thüringische Grenze nach Mellrichstadt, kaufte sich dort eine Sportzeitung und blätterte nach, welche Mannschaft im näheren Umkreis gut platziert war. Er entdeckte Schweinfurt 05, den aktuellen Tabellenführer in der Bayernliga, damals die dritthöchste Klasse. "Solche Zeitungen konnten wir in der DDR ja nicht lesen, so hatte ich keine Ahnung, wie das Niveau dort war, ob sie mich überhaupt wollten."

    Unerschrocken fuhr er an den Main, ging ins Schweinfurter Vereinsheim, stellte sich und eine Mappe mit Berichten über seine Spiele in der DDR vor. "Da war plötzlich ein Stress im Raum, völlige Überraschung bei den Leuten dort", blickt Büchel zurück, "wenn ich mich jetzt daran erinnere, kommen mir die Tränen."

    Ihm wurde ein Stuhl angewiesen. Eine Viertelstunde später traf Trainer Werner Lorant ein, einst erfolgreicher Bundesliga-Profi und mit Eintracht Frankfurt sogar Uefa-Cupsieger 1980. Er erkundigte sich genauer, auch nach seinen finanziellen Forderungen. Büchel wollte nichts, außer zur Probe mit trainieren. Lorant gab ihm die Hand. "Hier haben sich schon viele Spieler vorgestellt, aber alle wollten gleich Kohle sehen", erwiderte der Übungsleiter, "das spricht für Ihren Charakter."

    Büchel fand sich schwach bei der Trainingseinheit und wollte gehen. Doch Lorant hielt ihn zurück: "Du bleibst". Zwei Tage später holten ihn die Schweinfurter an der Grenze ab, verschafften ihm ein Hotelzimmer für den Übergang. Der Trainer fuhr mit ihm ins Aufnahmelager nach Gießen, verschaffte ihm einen Reisepass. "Das werde ich ihm nie vergessen", sagt Büchel, "egal wie er sonst war." Denn Lorant war gefürchtet, als Trainer und als Mensch. Spieler und Journalisten verpassten ihm den Spitznamen "Werner beinhart".

    Mit Schweinfurt ins Trainingslager nach Israel

    14 Tage später flog der Neuzugang mit dem FC 05 in ein Trainingslager nach Israel. "Das war berauschend für mich, erstmals in solch einem Land", erzählt Uwe Büchel. Vorbehalte durch andere Spieler oder den Stab verspürte er nicht, dem schlechten Ruf des DDR-Fußballs im Westen zum Trotz. "Du kannst ja nichts dafür, auf welcher Seite der Mauer du geboren wurdest", sagte ihm ein Mitspieler.

    So habe Büchel sich in Schweinfurt vom ersten Tag an wohl gefühlt. "Wir waren eine tolle Mannschaft." Auch weil ihr "Werner beinhart" eine klare Linie vorgab. "Lorant kam morgens in die Kabine und fragte in die Runde: wer ist hier der Star?", lächelt Büchel, "und dann gab er die Antwort: Der Star bin ich!" Typisch Lorant. Uwe Büchel fand das gar nicht schlecht. "Dadurch machte er uns alle gleich, egal ob einer viele Tore schoss oder nur auf der Reservebank saß." Das kannte er zuvor aus der DDR nicht.

    Aufstieg in die zweite Bundesliga

    Mit Schweinfurt 05 erlebte Uwe Büchel im ersten Halbjahr 1990 "das ganze Programm": Meisterschaft, Aufstieg in die Zweite Bundesliga – Büchel erzielte für diese Erfolge entscheidende Tore. Höhepunkt war im Mai 1990 ein 3:3 bei 1860 München, dem direkten Konkurrenten um die Meisterschaft, das nicht nur in den Annalen des FC 05 als historisch gilt. Fassungslos und mit glänzenden Augen stand Büchel damals im strömenden Regen auf dem Rasen des Münchner Stadions. "Dass ich das noch erleben darf", stammelte er immer wieder. Und eben jener 2:0-Sieg in glühender Hitze bei Rot-Weiß Frankfurt im Juni 1990.

    Uwe Büchel wurde im Februar 60 Jahre alt. Er ist ein emotionaler Mensch, lacht gerne, schwelgt mit Freude in Erinnerungen an die Wendezeit 1989/90. Und er blieb auch nach seiner sportlichen Karriere in Schweinfurt, ist heute selbständig als Handelsvertreter. "Ich habe der Stadt und dem Verein viel zu verdanken", fasst er zusammen. Noch einmal unterdrückt Uwe Büchel seine Tränen nicht.

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