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Matthias Egersdörfer bei einem Kabarett-Auftritt in Aschaffenburg.
© BR/Thomas Koppelt

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Matthias Egersdörfer bei einem Kabarett-Auftritt in Aschaffenburg.

Kabarettfreunde lieben Matthias Egersdörfer als Berserker und Kraftmeier auf den Brettern, die die Welt bedeuten: laut und cholerisch. Aber Egersdörfer kann auch ganz anders:

"Ich bin nicht mehr gewesen als die erste, verschwommene Silbe einer fernen Ahnung. Als feines Fuzelchen einer Schuppe von einem Nichts schwebte ich körperlos in der fernen Weite des Nirgendwo. Aber allein das Wort 'schweben' ist schon maßlos übertrieben. Mir fehlte alles, und ich bemerkte es nicht einmal."

So beginnt Egersdörfer sein Buch "Vorstadtprinz. Roman meiner Kindheit".

Erinnerungen eines Kabarettisten, Philosophen und Poeten

Und so spürt er seiner eigenen Zeugung nach, ein Philosoph auf der Suche nach der Geworfenheit in die Existenz – mit dem Handwerkszeug eines Kabarettisten und dem Sprachschatz eines Poeten:

"Wenn man den geringen Dreck unter dem kleinen Fingernagel eines Verwaltungsangestellten einer Firma, die Büroklammern herstellt, hervorholen und auf ein Fensterbrett legen würde und dann für einen kurzen Moment die Sonne zwischen den Wolken auftaucht und der kleine Schmutz einen Schatten wirft, dann war ich ein Hauch davon."

Die Kindheit und das Leben des kleinen Matthias sind ein Abenteuer. Er wird hineingeboren in eine mittelfränkische Kleinstadt, in eine Vorstadtfamilie mit zwei lebensfrohen Schwestern, die ihn nach Herzenslust triezen, mit einem Vater, der sein Leben nach protestantischer Arbeitsethik zurechtstutzt und einer vollbusigen Mama, die ihren Prinzen verhätschelt. Ruhepol in dem Tohuwabohu ist seine Oma, bei der er sich von der Pegnitz an den Amazonas träumen kann und von der Egersdörfer schreibt: Sie strahlte Liebe ab wie ein Kachelofen Wärme.

Kampf um Selbstbehauptung in der Gelbwurstfalle

Wer wissen will, wie in den 70er Jahren Kinder erzogen worden sind in einer mittelfränkischen Kleinstadt, der kann das jetzt nachlesen bei Egersdörfer, denn was er da festhält, ist allgemeingültig, knallig, witzig und zugleich melancholisch verdichtet. Etwa wenn er beschreibt, wie er immer wieder an der Hand seiner Mama in die Metzgerei geführt wird und dort gefragt wird, ob er noch eine Scheibe Gelbwurst möchte. Egersdörfer schildert genau die Seelennöte des kleinen Matthias. Der will die Wurst, aber er will auch seine Selbstachtung behaupten:

"Immer wieder wurde ich aus Forschung und Wissenschaft gerissen und musste die Mutter als stumme Geisel auf ihren Karawanen durch den drögen Einzelhandel begleiten. Immer wieder endete diese sinnlose Strapaze in der Metzgerei Pristownik, und immer wieder landete ich in der Gelbwurstfalle. Jedes Mal wurde ich gefragt, ob ich Wurst haben wollte. Jedes Mal sagte ich ja. Jedes Mal sang meine eigene Mutter die Wie-sagt-man-Arie. Allzu gern hätte ich einmal auf die Frage der Pristownik nein geantwortet: 'Nein, liebe Frau. Ich weiß Ihr Angebot und Ihre Wurstwaren im Allgemeinen sehr zu schätzen. Aber ich möchte heute lieber kein Stück von der Gelbwurst. Es dürfte Ihnen ja nicht entgangen sein, dass meine Mutter gerade dabei ist, Wurst und Fleisch bei Ihnen einzukaufen. Ich nehme an, dass dabei auch mein Bedarf bedacht wurde. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Ihre exzellenten Erzeugnisse lieber erst zu Haus verzehren.' Ich habe das leider nie hinbekommen."

Roman einer Kindheit und Jugend in Franken

Bis zum Abitur erzählt Egersdörfers Roman sein Leben. Es geht um Freundschaft und Liebe, um Bevormundung - und um Opposition und Widerstand dagegen. Zuletzt endet dieser Kampf seiner Jugend mit einer Flucht aus Franken – hinaus in die Welt.

Matthias Egersdörfers‘ Buch "Vorstadtprinz. Roman meiner Kindheit" erscheint bei Rowohlt und kostet 20 Euro.