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Bildrechte: pa/dpa/Sven Simon/Frank Hoermann

"Trinkwasser bitte abkochen" – immer häufiger werden Bürger dazu aufgefordert. Denn gefährliche Keime können in den Rohren lauern. Viele Gemeinden investieren zu wenig in ihre teils maroden Wassersysteme.

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Marode Wasserversorgung: Das unsichtbare Milliardenproblem

"Trinkwasser bitte abkochen" – immer häufiger werden Bürger dazu aufgefordert. Denn gefährliche Keime können in den Rohren lauern. Viele Gemeinden investieren zu wenig in ihre teils maroden Wassersysteme.

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Von
  • Peter Allgaier
  • Joseph Weidl

"Ich habe nur zwei Stunden geschlafen", sagt Roman Gepperth. Die vergangenen Wochen waren anstrengend für den Bürgermeister von Bibertal. Denn das Trinkwasser seiner Gemeinde im Landkreis Günzburg hatte "modrig" gerochen. Aus Sorge vor gesundheitsgefährdenden Bakterien durften die Bürger es weder trinken noch sich damit waschen. Die Ursache der Verunreinigung ist bislang unklar. Doch es gibt einen Verdacht, der auch anderen Bürgermeistern den Schlaf raubt.

Viele Rohre sind ein halbes Jahrhundert alt und tragen Keime

Vor ein paar Wochen brachen gleich mehrere Wasserrohre in Bibertal. Beinahe täglich kann man von ähnlichen Fällen in ganz Bayern lesen. Denn vielerorts sind die Rohre schon 40 bis 50 Jahre alt und entsprechend marode. Abgesehen von möglichen Schäden an Gebäuden, Straßen oder Gehwegen können bei Rohrbrüchen auch Keime ins Wasser gelangen. Laut dem Landesamt für Umwelt in Augsburg muss jede siebte Leitung in den kommenden Jahren erneuert werden. Eine Mammutaufgabe, der so manche Gemeinde nur zögerlich nachkommt. Das kann allerdings schwerwiegende Folgen haben.

Austausch einzelner Rohre reicht meist nicht aus

Rohrleitungsunternehmer Lothar Schütz aus Boos zeigt Bilder, die wenig appetitlich aussehen. Rohre sind innerlich verkrustet und verschleimt. "Hier können sich Keime und Bakterien bilden, wenn sich ein Biofilm dauerhaft festsetzt", sagt Schütz. Die Wasserprobleme der Kommunen sollen günstig behoben werden, aber mit dem Austausch von ein paar Rohren sei es oft nicht getan, ärgert sich Schütz. "Nach ein paar Wochen sind dann wieder Keime im Wasser und die Gemeinden oder Versorger geben uns die Schuld."

Sanierungen wurden oft jahrelang verschoben

Denn oft hake es noch an ganz anderen Stellen. Etwa weil Rohre im Hinblick auf die Löschwasserversorgung zu groß dimensioniert wurden, sie im Normalbetrieb aber nicht mit ausreichend Druck durchspült werden. Das erkläre er auch den Gemeinden. "Doch einige drohen dann, uns den Auftrag zu entziehen", betont Schütz. Er hat sich an die Staatsregierung gewandt, aus Sorge um die Qualität des Trinkwassers.

In Schwaben mussten in den vergangenen zwei Jahren einige Gemeinden ihr Wasser chloren oder abkochen. Neben Bibertal auch Dinkelscherben, Gersthofen, Kammeltal oder Donauwörth. Mit dem Groll der Einwohner sind meist die derzeitigen Bürgermeister konfrontiert, dabei trifft die Schuld eher ihre Vorgänger. Denn viele Kommunen schieben schon lange einen Stau an Sanierungen vor sich her.

Finanzierung für die Kommunen oft schwierig

Das Landesamt für Umwelt hat die Herausforderung erkannt und versucht gegenzusteuern. Mit der Aktion "Schau auf die Rohre" sollen Kommunen auf das Thema aufmerksam werden und es ernst nehmen. Uwe Brandl, Präsident des bayerischen Gemeindetags, hält die Kampagne grundsätzlich für richtig. Allerdings zwinge sie manches Rathaus auch, Probleme sofort zu beheben, wenn sie festgestellt werden. Für finanziell klamme Kommunen sei das schwierig, weil sie Kredite aufnehmen müssen, erklärt Brandl und verweist auf ein weiteres Problem. "In einer Stadt hängen vielleicht 1.000 Menschen an einer Leitung, auf dem Land sind es aber gerade einmal 100".

Entsprechend mehr müssten die Menschen auf dem Dorf dann für ihr Wasser zahlen. Zumal sich der Staat zuletzt aus der Bezuschussung von Sanierungsaufgaben zurückgezogen habe, kritisiert der Gemeindetagspräsident.

Fördertopf des Umweltministeriums für Härtefälle

Das Umweltministerium betont, die Wasserversorgung sei eine "Pflichtaufgabe der Gemeinden im eigenen Wirkungskreis". Eine Sanierung falle daher in ihre eigene Zuständigkeit. Das Ministerium unterstützt die Gemeinden aber mit einem Sonderprogramm, das bis Ende 2024 verlängert wurde und die sogenannte "Härtefallregelung" fortsetzt. Städte oder Gemeinden werden finanziell unterstützt, wenn eine Sanierung zu unzumutbaren Belastungen für Bürgerinnen und Bürger führen würde. Pro Jahr sind 90 Millionen Euro für die Härtefall-Förderung vorgesehen.

Nicht immer ist der Verlauf der Leitungen bekannt

Es stehen allerdings Sanierungen im zweistelligen Milliardenbereich für Wasser- und Abwasserrohre an, sagt Gemeindetagspräsident Brandl. Die Leitungen sind in vielen Gemeinden und Kommunen der größte Vermögenswert. Rohrleitungsbauer Schütz plädiert deshalb dafür, künftig zumindest einen Teil auch in Sensortechnik zu investieren. So könne man dauerhaft die Rohre überwachen und Fehler im System schneller feststellen.

Schütz ist von der Dringlichkeit überzeugt, gerade auch, weil viele Wassermeister in den kommenden Jahren in Rente gehen. Manchmal wissen die Gemeinden nicht, wo genau die Leitungen verlaufen, sagt Schütz. Es gebe manchmal nicht einmal Pläne.

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