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Söder im Interview: "Maßnahmen gegen Corona haben gewirkt" | BR24

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Vor genau einem halben Jahr verkündete Ministerpräsient Markus Söder (CSU) den Lockdown für Bayern. Beim Thema des Tages auf B5 aktuell zog er eine positive Bilanz der Maßnahmen gegen die Pandemie und gab einen Ausblick auf die weiteren Schritte.

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Söder im Interview: "Maßnahmen gegen Corona haben gewirkt"

Vor genau einem halben Jahr verkündete Ministerpräsident Markus Söder (CSU) den Lockdown für Bayern. Beim Thema des Tages auf B5 aktuell zog er eine positive Bilanz der Maßnahmen gegen die Pandemie und gab einen Ausblick auf die weiteren Schritte.

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Herr Söder, können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie realisiert haben: "Corona, das wird richtig ernst"?

Markus Söder: Es gab da mehrere Momente. Es war ja so, dass wir zunächst einmal gesehen haben, was um uns herum passiert ist. Und es ging dann sehr schnell hoch. Da waren manche in Deutschland noch der Auffassung: Das wird uns nicht betreffen. Ich fühle mich übrigens dieser Tage ein bisschen daran erinnert. Um uns herum explodieren die Zahlen. Und wir glauben zunächst mal wieder, Deutschland sei eine Insel der Seligen. Und dann war es damals so, dass es plötzlich übergesprungen ist. Wir haben gemerkt, dass die Zahlen täglich nach oben gegangen sind, exponentiell - und dann war irgendwann der Zeitpunkt gekommen, wo man handeln musste. Und ich sah nach allen Beratungen, die wir gemacht haben, mit Virologen, mit Medizinern, keine andere Möglichkeit, als diese Maßnahmen zu treffen. Ich habe gedacht: Warum warten und Leben riskieren, wenn es sowieso am Ende nur die eine wirkliche Möglichkeit gibt, zu reagieren. Und das haben wir dann auch gemacht. Und das waren schwere Tage, weil es ja eine Einschränkung von Freiheitsrechten ist. Auf der einen Seite. Aber der Schutz von Leben stand an erster Stelle, wie heute auch.

"Zusammengefasst sind wir schon gut durchgekommen"

Hinter Ihnen liegt ein anstrengendes halbes Jahr. Wie sehr ging das an Ihre Substanz? Und was hat Sie in der Zeit motiviert?

Markus Söder: Eigentlich habe ich das, glaube ich, besser überstanden, als man denkt. Da haben viele andere mehr darunter gelitten: im Gesundheitsdienst, in den Krankenhäusern, damals die Pflegekräfte, die an der Front gefordert waren. Meine Mutter hat immer gesagt: In Krisenzeiten muss man gut schlafen und gut essen. Das habe ich als Erstes beherzigt. Aber man muss auch sich der Verantwortung stellen. Da gibt es ja kein Wegducken. Und wenn ich jetzt alles zusammenfasse, dann glaube ich, dass wir, wenn man mal so die Welt vergleicht, mit uns - da sind wir schon gut durchgekommen. Oder wenn man das auch mit Schweden, das ja eine ganz andere Strategie hatte, Regionen wie Stockholm und München vergleicht, da gab es im Vergleich zu weniger Einwohnern unzählig mehr Tote. Und wissen Sie, das ist die Grundfrage am Ende, um die es geht: Schränken wir manches an Freizeitverhalten einiger ein, um das Leben vieler älterer und Risikopatienten zu retten? Oder machen wir es umgekehrt, nach dem Motto: Freizeit ist uns wichtiger als das Leben? Und dieses ethische Dilemma war für mich umgekehrt Antrieb, zu sagen: Leben zu retten steht mit an erster Stelle, und Gesundheit zu schützen. Und das hat mich wirklich motiviert. Vor allem auch, weil es mit der Zeit begonnen hat, zu wirken. Meine große Sorge war: Was ist jetzt, wenn das nicht wirkt? Und wenn das genauso geht wie in anderen Ländern, dass es sich im Grunde genommen über Monate hin zieht mit den schlimmen Zahlen. Gott sei Dank hat es dann gewirkt, weil die Menschen auch in Bayern toll mitgemacht haben.

"Das Bündel an Maßnahmen hat gewirkt"

Gesundheitsminister Spahn hat vor kurzem gesagt, mit dem Wissen von heute hätte der Lockdown nicht so drastisch ausfallen müssen. Sehen Sie das auch so?

Markus Söder: Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Damals war klar: Wir wussten nicht, welche Maßnahme gezielt die Allerallerbeste ist. Ich glaube, dass das gesamte Bündel an Maßnahmen wirklich gewirkt hat, das alles zusammen genommen den Erfolg hat. Denn wir hatten ja eine stark ansteigende Welle. Das Problem ist, man darf nicht den Moment betrachten. Das ist wie jetzt: Wir betrachten im Moment: Wie viele Infektionen haben wir? Da kann man dann sagen, naja, umgerechnet auf Millionen Menschen, naja was soll's, so könnte der eine oder andere meinen. Es ist immer die Entwicklung: Ab einem bestimmten Zeitpunkt, wo es nicht mehr verfolgbar ist, da fräst sich das komplett durch die Gesellschaft. Ich glaube, nur dieser wuchtige, gemeinschaftliche gesellschaftliche Aufschlag, das Unterhaken aller Beteiligten, konnte die Welle damals brechen und Schlimmeres verhindern. Aber natürlich versuchen wir aus dem, was wir erlebt haben und jetzt wissen, die besseren Schlüsse zu ziehen und zu verhindern, dass es einen generell zweiten Lockdown gibt. Ich habe eine klare Priorität, das Wirtschaftsleben, und für mich ganz besonders wichtig: der Erhalt von Schule und Kita als Vollbetrieb. Das ist, glaube ich, die Priorität. Dahinter stehen andere Vergnügungen einfach an.

Corona-Tests "unterm Strich ein echter Erfolg"

Bayern hat bundesweit die höchsten Infektionszahlen, die meisten Todesopfer, und dann noch das Chaos bei der Übermittlung von den Ergebnissen der Reiserückkehrer-Tests – fällt es nicht schwer, eine positive Bilanz zu ziehen?

Markus Söder: Nein, zumal das mit den absoluten Zahlen übrigens jeden Tag schwankt zwischen Nordrhein-Westfalen und uns, ich glaube gestern lag Nordrhein-Westfalen wieder vorne. Das ist aber kein Wettbewerb, das wäre auch eine falsche Einschätzung. Wir wurden sehr stark getroffen, eben am Anfang durch Österreich. Und wir haben auch, das merkt man ja jetzt, Urlaubsrückkehrer, Familienheimkehrer, wir haben sehr viele großartige Menschen aus Kroatien beispielsweise, aus Bosnien, aus dem Kosovo, die bei uns toll arbeiten. Aber da haben wir jetzt gemerkt, wenn Sie in die Stadt Rosenheim sehen, die hatten sehr hohe Inzidenz, gerade von Familienheimkehrern. Und wir erleben ja auch sehr starken Leichtsinn. Ehrlicherweise auch hier in München jetzt. Und deswegen: Wir können ja nicht von staatlicher Seite eine Infektion verhindern, in Anführungsstrichen. Wir können nur versuchen, Maßnahmen zu ergreifen, um das Risiko zu minimieren. Und wenn Sie die Testfolgen nehmen: Ich denke, das ist unterm Strich ein echter Erfolg gewesen. Wir haben über 6.000 Infektionen erkennen können und deren Ausbreitung und massive Streuung in die Bevölkerung hinein verhindern können. Kein anderes Bundesland hat das gemacht. Es gab Dinge, immer wieder, die noch besser hätte laufen können. Klar, das ist keine Frage. Aber unterm Strich waren die strategischen Weichenstellungen, glaube ich, ok.

Münchens Zahlen sind "zu früh zu hoch"

Den Leichtsinn in München haben Sie gerade schon angesprochen. Wie angemessen ist aus Ihrer Sicht eine Wirtshaus-Wiesn in einem Hotspot wie München?

Markus Söder: Was München betrifft, da teile ich mit dem Oberbürgermeister gemeinsam sehr gemischte Gefühle. Einerseits sind wir ein traditionsbewusstes Land, und die Wiesn gehört untrennbar zu Bayern und zu München natürlich dazu. Aber wir müssen uns das jetzt sehr genau anschauen. Also, München hat sehr hohe Zahlen jetzt - zu hohe Zahlen, zu früh, zu hohe Zahlen für Herbst und Winter. Deswegen müssen wir da reagieren. Wir werden zum einen das Gesundheitsamt verstärken. Wir werden die Bundeswehr bitten, 100 Leute zur Verfügung zu stellen, um die Nachverfolgung zu verbessern, das ist nämlich die größte Gefahr, wenn wir nicht mehr nachverfolgen können, wer mit wem in Kontakt war. Das ist das eine, was wir machen werden. Und dann müssen wir, insbesondere, was den privaten Sektor betrifft, über Veränderungen reden. Wir müssen eine bessere Steuerung haben: Also - die professionellen Veranstaltungen in einem Gasthaus, da gibt es die Möglichkeiten der Kontrolle. Aber die Bilder vom Viktualienmarkt, die waren schon verstörend, also kein Abstand gehalten, gar kein Bewusstsein. Deswegen werden wir jetzt gemeinsam überlegen, was wir da verändern können. Ich bin sehr dafür, dass wir die Maske – die übrigens in München in der Schule bleiben muss, weil die Zahlen so hoch sind, das gilt ja überall dort –, dass wir an der Stelle auch auf öffentlichen Plätzen, wo kein Abstand halten möglich ist oder gewollt ist, eine Maskenpflicht einführen. Dann kann auch die Ordnungsbehörde entsprechend reagieren, denn dort ist die Gefahr größer. Die Gefahr ist weniger im organisierten Raum, sondern sie ist im privaten Sektor leider da. Da müssen wir eine gewisse Steuerung jetzt erreichen. Das werden wir heute noch einmal mit der Stadt beraten. Der Oberbürgermeister ist da auf unserer Seite. Aber wie gesagt, sehr gemischte Gefühle. Ich will keinem die Freude nehmen, aber Freude und Vernunft sollten besser zusammenkommen.

Bauchschmerzen wegen des Supercups

Darf man als Würzburger und Münchner noch irgendwohin fahren, woanders in Deutschland? Stichwort Beherbergungsverbot?

Markus Söder: So weit sind wir nicht. Aber wir müssen jetzt reagieren, um die Zahlen unter 50 zu bringen. Ich habe, was das Wegfahren betrifft, anderswo Sorgen. Wir haben letzte Woche entscheiden müssen beim Fußball, dass wir keine Fans ins Stadion lassen können, hat die Stadt München entschieden, zu Recht - und man muss ehrlich sagen, es hat er dem Erfolg des FC Bayern keinen Abbruch getan. Aber ich habe zum Beispiel wirklich Bauchschmerzen, was den Supercup betrifft. Budapest ist ein Risikogebiet mit hundert Inzidenzien. Das ist eigentlich sehr unvernünftig. Deswegen werden wir auch die Quarantäne-Verordnung nochmal ändern. Nach bisherigem Stand wäre es ja so gewesen, dass, wer nur 48 Stunden weg ist, nicht in unmittelbare Quarantäne muss. Wir werden das ändern und ändern müssen. Und ich kann nur dringend raten, sich genau zu überlegen, ob man da wirklich hinfahren will. Ich persönlich halte es für nicht notwendig. So schön der Supercup sein mag, es gibt wirklich Wichtigeres. Denn wir können doch nicht mit 2.000 bis 3.000 Leuten riskieren, die dann sich verständlicherweise beim großen Feiern dann vielleicht in den Armen liegen, und dann haben wir eine Rieseninfektionswelle. Man darf nicht vergessen: Das, was jetzt passiert, werden wir erst richtig in den Auswirkungen in zwei Wochen sehen, so ist der Zeitablauf. Und die Zahlen sind jetzt, wie gesagt, zu hoch. Wir müssen uns anstrengen. München ist an der Stelle im Moment der gefährdetste Platz. Da ist Würzburg, weil es überschaubarer ist, noch besser möglich. Und ich will in München erhalten, dass so viel wie möglich Schule und Kita weitergehen kann. Auch die wirtschaftlichen Bereiche. Denn dort ist die Einschränkung meiner Meinung nach auf Dauer am nachhaltigsten, wenn kein Unterricht oder keine Kita stattfinden würde.

Christkindlesmarkt unter Voraussetzungen möglich

Schauen wir mal noch weiter in die Zukunft: Wird es heuer in Ihrer Heimatstadt Nürnberg einen Christkindlesmarkt geben?

Markus Söder: Also, wenn es über 50 ist, die Inzidenz, nein. Das ist ganz klar: Wenn es über 50 ist, macht es keinen Sinn. Das gilt ja auch für Fasching und Karnevals-Sachen. Wenn es deutlich unter 50 ist, dann gibt es mit klugen Hygienekonzepten Überlegungen. Das kann man machen. Das kann man sich zum Beispiel wie einen Eingang und Ausgang vorstellen, in dem man einen Durchlauf-Weg hat. Da kann man auch die Maske gut nehmen, das ist überhaupt kein Problem. Da wird es sicherlich auch so Christkindlsmarkt-Masken geben. Und natürlich wird man beim Thema Alkohol - das gilt übrigens auch für München - noch mal was machen müssen, weil meistens ist es so: Die Paarung von Alkohol und immer mehr Alkohol plus sehr eng beieinander stehen, das ist im Grunde genommen das Hauptrisiko, das wir derzeit haben.

Private Feiern machen Sorge

Wie soll das denn konkret funktionieren, beim Alkohol? Wollen sie Stempelkarten für Glühwein einführen oder...?

Markus Söder: Naja, zunächst einmal, wenn ich auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt gehe, trinke ich auch einen Glühwein, meistens ohne Alkohol. Aber dann darf man nicht vergessen: Es gibt bei fast mittlerweile allen dieser Christkindlesmärkte schon so Feuerzangenbowlen-Treffs. Gerade für die jungen Leute ist das eigentlich eine tolle Idee gewesen. Die Kinder sind ja immer gern am Christkindlesmarkt mit ihren Eltern. Aber die Jugendlichen sagen, naja, so spannend ist das jetzt auch nicht, und deswegen lockte man die da hin. Da gibt es schon ein Konzept. Noch einmal: Meine Sorge sind nicht in erster Linie die professionell organisierten Termine. Man kann das alles organisieren. Ich will auch nicht Kultur beschränken - da haben die so viele gute Ideen in der Staatsoper und ähnliches mehr - oder andere Kulturveranstaltungen. Das Problem sind die privaten Feiern, private Veranstaltungen. Denn dort gibt es auch keinen Ansprechpartner, zu dem ich hingehen kann. Und dort brauchen wir, glaube ich, noch einmal eine ganz intensive Steuerung und wenn die Vernunft nicht hilft, dann muss gesteuert werden.

"Nichts Neues" in Sachen K-Frage

Schauen wir noch ein bisschen weiter in die Zukunft. In ziemlich genau einem Jahr ist Bundestagswahl. Gibt es irgendetwas, was sie uns dazu sagen wollen Herr Söder?

Markus Söder: "Nichts Neues."

Sie bleiben in Bayern?

Markus Söder: Ja, ich bin ja auch hier, und wir haben jetzt wirklich genügend mit den Dingen zu tun. Wir werden noch sehen, dass der Winter noch sehr spannend wird wegen Corona. Schauen Sie drumherum: Österreich schränkt wieder massiv ein, und was das ganz Entscheidende ist, auch Frankreich. Woanders laufen die Krankenhäuser gerade wieder voll. Wir haben noch Glück. Sie sind nicht voll, weil es überwiegend Junge sind. Aber wenn wir nicht aufpassen, dann wird das genau das gleiche sein wie das letzte Mal. Und das wollen wir verhindern.

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