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Obdachloser schläft unter einem Verbotsschild an einem öffentlichen Gebäude
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Autoren

Doris Bimmer
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Obdachloser schläft unter einem Verbotsschild an einem öffentlichen Gebäude

In der Einrichtung Herzogsägmühle im gleichnamigen Ort in Oberbayern, nahe Weilheim, finden wohnungs- und obdachlose Menschen schon seit vielen Jahren eine feste Anlaufstation – entweder nur für eine Nacht, oder für die Rückkehr in die Gesellschaft.

Marktoberdorf fühlt sich übergangen - und überfordert

Ein Projekt, das es in Schwaben bislang so nicht gibt. Das wollte der für soziale Aufgaben zuständige Bezirk ändern – und schloss mit der Herzogsägmühle einen Vertrag, der vorsieht, vorerst im Ostallgäu 30 Plätze für ehemals Obdachlose zu schaffen. Die Herzogsägmühle wollte nach Marktoberdorf – und stieß dort auf heftigen Gegenwind.

Warum? Eine zentrale Einrichtung mit einem Einzugsgebiet aus ganz Schwaben lehne der Stadtrat ab, so Hell, die von der Herzogsägmühle vorgesehenen 20 Plätze überforderten die Integrationsfähigkeit einer Kleinstadt. Der Vertrag sei ohne Rücksprache des Bezirks mit der Stadt geschlossen worden.

Weder beim Bezirk noch bei der Herzogsägmühle hatte man mit einem Nein gerechnet. Marktoberdorf ist herzlich wenig begeistert von dem Projekt, weil sich die Stadt schlicht komplett übergangen fühlt. Für Andreas Kurz von der Herzogsägmühle ist das Projekt eine Notwendigkeit.

Es gehe um Menschen, die Schwierigkeiten und keine Probleme hätten, um Menschen, die von der Gesellschaft mitgetragen werden müssten und denen man soziale Hilfen anbieten müsste. Das Projekt sei dezentral konzipiert und solle in verschiedenen Regionen im Landkreis Ostallgäu umgesetzt werden.

Lage und Anbindung machen die Stadt für das Projekt attraktiv

Warum Marktoberdorf die erste Wahl ist für einen Standort für die Herzogsägmühle, ist auf der Landkarte am Besten zu sehen: Das Mutterhaus bei Peiting ist über die B472 in einer halben Stunde mit dem Auto zu erreichen. Marktoberdorf liegt außerdem an der Bahnstrecke Füssen-Buchloe. Deshalb kommt ein Haus irgendwo auf dem Land für das Projekt nicht in Frage, sagt Kurz.

"Jeder weiß, wie der öffentliche Personennahverkehr auf dem Land ausgebaut ist, nämlich äußerst dürftig. Und wenn Menschen zu Arbeitsstellen fahren müssen, um wieder selbstständig zu werden, wenn sie Strecken zu verschiedenen Sozial- und Gesundheitseinrichtungen überwinden müssen, dann sind sie angewiesen auf den ÖPNV. Deshalb müssen wir uns an der Realität orientieren, wo gibt’s Bus- und Bahnlinien und wie ist es erreichbar für Menschen, die kein Auto haben." Andreas Kurz, Herzogsägmühle

Marktoberdorf ist schon Standort für viele Flüchtlinge

Klingt doch alles sehr gut und wichtig, was kann denn die Stadt Marktoberdorf nur dagegen haben? Den Stadtrat treiben etliche Sorgen um, erklärt Bürgermeister Hell. Marktoberdorf ist ihm zufolge ein gebranntes Kind, denn dort steht auch die zentrale Unterkunft des Landkreises für Asylbewerber.

"Das hat dazu geführt, dass wir hier mittlerweile 25 Prozent der Flüchtlinge des gesamten Landkreises beherbergen. Gut, um die Frau Merkel zu zitieren, wir schaffen das bisher. Aber irgendwann ist auch die Integrationsfähigkeit einer Kleinstadt überfordert. Und dazu soll es nicht kommen. Da bitten wir einfach, dass diese sozialräumliche Belastung mitberücksichtigt wird, wenn man neue Projekte plant." Wolfgang Hell, Bürgermeister Marktoberdorf

Generell hat die Stadt nichts gegen das Projekt der Herzogsägmühle einzuwenden, beteuert Hell. Aber sein Stadtrat stellt Bedingungen: So soll das Wohnprojekt nicht mehr als zehn Plätze anbieten. Außerdem müsse der Bezirk endlich aktiv werden und mit Marktoberdorf reden, das sei bislang viel zu kurz gekommen, beschwert sich Hell.

Bezirk räumt Fehler in der Kommunikation ein

Der neue Bezirkstagspräsident Martin Sailer bedauert die Fehler, die vor seiner Amtszeit begangen wurden - und zeigt sich gleichzeitig sehr überrascht über die heftige Reaktion aus Marktoberdorf. Vielleicht sei im Vorfeld zu wenig kommuniziert worden, räumt Sailer ein, vielleicht sei nicht ausreichend erklärt worden, um welche Menschen es sich handelt. Er habe eine Schlagzeile gelesen, in der es um gewaltbereite und um verurteilte Menschen gegangen wäre; er bedaure es, dass man aus dem Blick verloren habe, worum es tatsächlich geht.

Alle Parteien an einen Tisch

Nämlich um Obdachlose, die in die Gesellschaft zurückkehren wollen. Es wurde nicht nur vielleicht, sondern tatsächlich zu wenig miteinander geredet. Die Stadt fühlt sich überfahren und fremdbestimmt, der Betreiber – die Herzogsägmühle – fühlt sich missverstanden und der Bezirk fühlte sich lange nicht in der Pflicht. Das ändert sich jetzt.

Der Bezirk als Kostenträger dürfe sich nicht raushalten, sagt Sailer weiter, man wolle mit der Herzogsägmühle und mit der Stadt Marktoberdorf sprechen und ausloten, ob das Projekt dort überhaupt noch umgesetzt werden kann, oder ob nach Alternativen gesucht werden muss. Denn so vorbelastet und mit Ängsten behaftet, wie nun in Marktoberdorf dürfe ein Projekt nicht starten.

Es wird weiter nach Standorten gesucht

Andreas Kurz beteuert, dass die Herzogsägmühle ohnehin im ganzen Landkreis Ostallgäu nach geeigneten Häusern für das Obdachlosenprojekt sucht – im Raum Buchloe genauso wie im Raum Füssen. Was wiederum Marktoberdorf entgegenkäme. Bürgermeister Wolfgang Hell fordert dezentrale Lösungen für ganz Schwaben. Die Stadt kümmere sich massiv um die Vermeidung von Obdachlosigkeit, verlange dies aber auch von den anderen Kommunen in Schwaben. Es könne nicht sein, dass schwabenweit Wohnsitzlose mit problematischem sozialen Hintergrund nach Marktoberdorf kämen. Alle Landkreise müssten ihre Hausaufgaben schon selbst machen.