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Mammut-Kokain-Prozess steht bevor | BR24

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In einem der größten Kokain-Prozesse Deutschlands hat die Staatsanwaltschaft Landshut Anklage gegen acht Männer erhoben. Ihre Bande soll rund zwei Tonnen der Droge nach Deutschland geschmuggelt haben.

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Mammut-Kokain-Prozess steht bevor

In einem der größten Kokainverfahren Deutschlands hat die Staatsanwaltschaft Landshut Anklage gegen acht Männer erhoben. Ihre Bande soll rund zwei Tonnen der Droge nach Deutschland geschmuggelt haben.

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Kokain-Pakete, versteckt in Bananenkisten: Im Herbst 2017 taucht das Rauschgift plötzlich in zehn bayerischen Supermärkten auf, unter anderem in Kiefersfelden, Traunstein und Passau. Die Polizei steht vor einem Rätsel: Woher stammt das Kokain? Die Ermittler verfolgen die Spur der Lieferungen zurück und stellen fest: Kurz zuvor war bei Erding in einer Reifehalle für Bananen eingebrochen worden. Eine groß angelegte Ermittlung beginnt. Zeitweise sind bis zu 500 Beamte im Bundesgebiet im Einsatz. Im April 2018 schnappt die Falle zu: Mehrere Personen werden verhaftet.

Internationaler Rauschgiftring

Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Landshut nach Informationen von BR, NDR und SZ Anklage gegen acht Männer erhoben. Ihnen wird bandenmäßiger unerlaubter Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringen Mengen vorgeworfen.

"Wir gehen davon aus, dass es sich hier um eine Gruppierung handelt, die, organisiert als Bande, über längere Zeit das Kokain versteckt in Bananenkisten, aus Südamerika ins Land geholt hat." Thomas Steinkraus-Koch, Oberstaatsanwalt Landshut

Die Anklage ist außergewöhnlich, weil es den Ermittlern offenbar gelungen ist, auch Mitglieder der mittleren Führungsebene eines international agierenden Rauschgift-Rings zu fassen. Das geht aus Gerichtsunterlagen hervor, die Reporter von NDR, BR und "Süddeutscher Zeitung" einsehen konnten.

Die Masche der Kokain-Schmuggler

So soll die Bande vorgegangen sein: In Ecuador wurde Kokain in Bananenlieferungen versteckt, die allesamt in Reifehallen einer bestimmten Firma in Deutschland geliefert wurden. In diese Hallen brachen Männer ein und holten sich das Kokain, bis zu 320 Kilogramm pro Einbruch. Dazu, so legen es die Ermittler dar, sollen eigens Einbrecher-Gruppen aus Albanien eingeflogen worden sein. Das LKA Bayern registrierte im Ermittlungszeitraum von September 2017 bis April 2018 acht Einbrüche in Reifehallen in Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und im Saarland. Überwachungsvideos zeigen, dass die Einbrecher dabei teilweise bewaffnet vorgingen. Durch Funkzellenabfragen und Telefonüberwachung kamen die Ermittler dem Netzwerk letztlich auf die Spur.

Besprechungen im Café

Kontrolliert und gesteuert wurde die Gruppe offenbar aus Hamburg, wo einer der Hauptbeschuldigten, der 21-jährige Dario L., eine konspirative Wohnung angemietet hatte. In dieser Wohnung fanden Ermittler später unter anderem Lieferscheine für Bananen. L. soll als "Logistiker" für die Bande gearbeitet haben, der 25-jährige Klajdi D. soll die Einbrecherbanden geleitet haben. Der 40-jährige Alberto K. soll die gesamte Gruppe angeführt haben. Offenbar beobachtete die Polizei einen Teil der Gruppe dabei, wie sie vor Einbrüchen Reifehallen auskundschaftete. Auch Besprechungen in einem Hamburger Café, in dem sich die Männer regelmäßig trafen, wurden offenbar observiert.

Spektakulärer Fahndungserfolg

Im April 2018 schlugen die Beamten dann im gesamten Bundesgebiet zu und nahmen mehrere Personen fest. In Ahrensburg, Hamburg und Hannover durchsuchten sie außerdem Wohnräume, wobei die Einsatzkräfte zwei scharfe Revolver und mehr als 30.000 Euro in bar sicherstellten. In einem abgetrennten Verfahren sind im Dezember bereits vier Männer in Hamburg verurteilt worden, die als Kurierfahrer rund 180 Kilogramm Kokain von Hamburg in die Niederlande bringen wollten. Sie erhielten mehrjährige Haftstrafen, die Hamburger Staatsanwaltschaft teilte allerdings mit, in Revision gehen zu wollen, weil das Strafmaß zu gering sei.

"Vitales Netzwerk gestört"

Die nun in Landshut angeklagten acht Männer sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Peter Keller vom Zollkriminalamt spricht von einem "Erfolg, der auch in der Szene Eindruck macht". Es sei "ein vitales Netzwerk, was durch die erfolgreichen Ermittlungen jetzt erst einmal gestört ist". Allerdings rechnet Keller damit, dass die Bande die verhafteten Mitglieder ersetzen werde. Auch die Landshuter Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Netzwerk weiter aktiv ist. Im BR-Interview erklärt Oberstaatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch: "Sie müssen sich vorstellen, sie brauchen jemanden, der in Südamerika sitzt, der die Information weitergibt, auf welchem Schiff sich das Rauschgift befindet. Sie brauchen hier im Inland jemanden, der weiß, auf welchem Lastwagen das transportiert wurde und zu welchem Reifelager es geht. Es muss also noch Leute geben, die sehr viel mehr wissen und im Hintergrund sind."

Kokainfunde in europäischen Ländern

Nach Informationen von BR, NDR und SZ sind in den vergangenen Monaten in anderen europäischen Ländern vermehrt Kokainfunde gemacht worden, die ebenfalls aus Ecuador stammten und in Bananenlieferungen versteckt waren. Der zuständige Chefermittler des LKA Bayern Jörg Beyser will die Ermittlungen ausweiten: "Wir versuchen nun, die Hintermänner der Bande aufzudecken und setzen dabei insbesondere auf eine intensive internationale Zusammenarbeit."

Langwieriger Prozess erwartet

Über die Eröffnung der Hauptverhandlung entscheiden jetzt die Gerichte. Rechtsanwalt Hubertus Werner tritt als Verteidiger in dem anstehenden Verfahren auf. Er sagte, es werde sich erst im Prozess zeigen, wie belastbar die Beweise seien. Insbesondere die Auswertung von Funkzellen und die daraus geschlossene Zugehörigkeit einzelner Beschuldigter zu einer Tätergruppe kritisierte Werner. Er sprach von einer "ansatzlosen Überwachung", die seiner Ansicht nach rechtlich schwierig und nicht mit der Strafprozessordnung zu vereinbaren sei. Der Anwalt rechnet mit einem langwierigen Prozess: "Ich gehe davon aus, dass schon allein aufgrund der Vielzahl der Angeschuldigten und der Vielzahl der Anwälte es sehr kompliziert sein wird, den Sachverhalt vollständig aufzuklären."

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Nach einem spektakulären Kokain-Fund an mehreren Orten in Deutschland hat die Staatsanwaltschaft Landshut Anklage gegen acht Männer erhoben.