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Mama, alleinerziehend und Hartz IV: Nicht mehr mit mir! | BR24

© BR/Niklas Behrend

Werbung für das Projekt "OktoFamily".

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    Mama, alleinerziehend und Hartz IV: Nicht mehr mit mir!

    Ein Gemeinschaftsprojekt von Jobcenter und der Deutschen Angestellten-Akademie München verhilft seit elf Jahren Alleinerziehenden zurück in die Berufswelt: OktoFamily. Schon gehört?

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    "Alleinerziehend, aber nicht allein – Selbstbewusst auf dem Weg in die Arbeit" - so lautet der Slogan des Gemeinschaftprojektes von Jobcenter München und Deutscher Angestellten-Akademie (DAA) namens "OktoFamily". Es soll alleinstehenden Hartz-IV-Empfängern seit nunmehr elf Jahren den Weg zurück in die Arbeitswelt ebnen.

    Die meisten Teilnehmer sind Frauen

    Die erdrückende Mehrheit der Teilnehmer ist weiblich, die meisten sind Mütter, die mit ihren Kindern alleine sind und zeitlich deutlich weniger flexibel als die meisten anderen Arbeitnehmer. Die Folgen wiegen schwer.

    Rita M. ist eine alleinerziehende Mutter mit einer mittlerweile siebenjährigen Tochter. Der kleinen Familie geht es gut – wieder. Großen Anteil daran hat die OktoFamily, wie die 46-Jährige durchblicken lässt, als sie ihre Geschichte erzählt. "Ich war selbstständige Immobilienmaklerin, als meine Tochter auf die Welt kam. Ich war Single, und es war für mich nicht mehr möglich, diesen Beruf auszuüben. Da kann man nicht einfach sein Telefon ausschalten."

    Viele Alleinerziehende ohne Berufsausbildung

    Rita M. ging dann erst einmal drei Jahre in Elternzeit und rutschte schließlich in das Hartz-IV-System ab. Die gelernte Dolmetscherin für Deutsch und Italienisch arbeitete vor ihrer Selbständigkeit über zehn Jahre lang als Anwaltsassistentin. Sie ist qualifiziert, ausgebildet. Ein positives Beispiel, aber kein Regelfall.

    So besitzen mehr als 60 Prozent der Alleinerziehenden, die vom Jobcenter Leistungen empfangen, keinen Berufsabschluss. Die zeitliche Bindung aufgrund des eigenen Nachwuchses und die oftmals fehlenden Qualifikationen machen die Alleinstehenden zu einer speziellen Kundengruppe für das Jobcenter, die besonderer Unterstützung auf dem Weg zurück in die Arbeitswelt bedarf. Diese Unterstützung liefert OktoFamily, wie Rita M. beinahe euphorisch berichtet. "Ich kam hierher und habe seelische Unterstützung in meiner Situation bekommen, dazu bekam ich Kurse in Buchführung und konnte meine Computerkenntnisse auffrischen, das fand ich klasse. Ich wurde wieder richtig fit gemacht."

    Umfassende Betreuung auf vielen Ebenen

    Das Ziel ist eine ganzheitliche Betreuung während des Projektes, das ein Jahr dauert und jährlich von 300 Teilnehmern genutzt wird. "Wir bieten eine Kombination aus Einzelcoaching, Qualifizierungsmodulen und Workshops an, die speziell auf die Bedürfnisse der Alleinerziehenden zugeschnitten sind", erklärt Projektleiter Michael Gossner. Zur vielfältigen Maßnahmenpalette während OktoFamily gehören auch Englischunterricht und Bewerbungstraining.

    Eine ganz wichtige Rolle bei der Betreuung der Arbeitssuchenden spielen dabei laut Gossner auch die sogenannten Coaches: "Wir können in 98 Prozent der Fälle gewährleisten, dass ein Coach einen Teilnehmer von Anfang bis Ende betreut. Das führt zu einem wichtigen Vertrauensverhältnis, und mit der Hilfe der Coaches finden die Teilnehmer neue Perspektiven und erkennen ihre Potenziale".

    Aber von wem werden die Kinder eigentlich betreut, während sich für "Mama" oder "Papa" neue berufliche Ziele und Möglichkeiten auftun? Auch diese ganz elementare Frage berücksichtigten die Initiatoren des Projektes. "Das Alleinstellungsmerkmal an OktoFamily ist die integrierte Kinderbetreuung. Das ist ansonsten immer der erste Hemmschuh für Alleinerziehende", erklärt die Geschäftsführerin des Jobcenters München, Anette Farrenkopf. So können die Kinder direkt im Gebäude der DAA spielen und toben, sodass sich die Eltern ganz in Ruhe um ihre berufliche Zukunft kümmern können.

    Erfolgsquote über 80 Prozent

    Rita M.s Geschichte ist eine von vielen Erfolgsgeschichten des Projektes, bei dem mehr als die Hälfte anschließend einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachgehen und diese dann auch in mehr als 80 Prozent der Fälle behalten. "Vor rund einem halben Jahr kam mein Coach zu mir und zeigte mir ein Jobangebot als Schulbegleiterin. Ich komme eigentlich aus dem Vertrieb, das war etwas ganz Neues für mich. Der Job ist für mich wie ein Lottogewinn, denn das Thema interessiert mich, und es macht mir Freude, einem Kind mit niedrigerem IQ im täglichen Schulleben zu helfen. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass ich in meinem Job über die Ferien frei habe und mich nicht fragen muss, wie ich eine Betreuung für meine Tochter organisiere", berichtet die 46-Jährige von ihrem Berufsalltag.

    Viele der Teilnehmer ergattern durch das Projekt eine Arbeit im sozialen Bereich, aber auch Empfangs- und Bürotätigkeiten sind für viele der Weg zurück ins Berufsleben. Wie gut bezahlt die Jobs sind und in welcher Branche die Arbeitsplätze letztlich sind, hängt dabei trotzdem von der zeitlichen Flexibilität und Vorqualifikation ab.

    Für Rita M. ist ihre Tätigkeit als Schulbegleiterin nur der erste Schritt. "Der Job macht mir Spaß, aber ich habe auch immer noch die Immobilienbranche im Kopf und bewerbe mich auch in diesem Bereich weiter. Diesen Traum gebe ich nicht auf", erzählt die 46-Jährige, die sich mit der Hilfe von OktoFamily aber auch durchaus wieder in der Realität wohlfühlt.