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Mahnfeuer gegen den Wolf - Bauern sehen Weidehaltung bedroht | BR24

© dpa-Bildfunk/Lino Mirgeler

Mahnfeuer gegen den Wolf: macht er die Weidehaltung unmöglich?

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    Mahnfeuer gegen den Wolf - Bauern sehen Weidehaltung bedroht

    Vor allem in Oberbayern sind in letzter Zeit vermehrt Wölfe aufgetaucht. Die streng geschützten Tiere haben dabei auch Schafe gerissen. Landwirtschaftsverbände sehen in der Ausbreitung des Beutegreifers eine massive Bedrohung für die Weidehaltung.

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    Über viele Jahrhunderte gab es in Bayern sowohl Wölfe als auch Tiere auf der Weide. Mit der Ausrottung des Beutegreifers vor 150 Jahren allerdings haben sich Tierhalter daran gewöhnt, ihre Herden ohne Schutzmaßnahmen auf der Weide halten zu können. Mittlerweile gibt es in Deutschland wieder Wölfe - auch in Bayern haben sich erste Rudel etabliert - unter anderem in Oberbayern.

    Der Wolf als "gebietsfremde invasive Art"

    Für Landwirt Josef Sailer aus Garmisch-Partenkirchen ergibt sich daraus eine Problematik, auf die er und einige seiner Berufskollegen hinweisen wollen. Sie beteiligen sich an einer bundesweiten Protestaktion und entzünden am heutigen Dienstagabend ein Mahnfeuer. Dazu aufgerufen hat der Förderverein der Deutschen Schafhalter e.V. Dieser sieht den Wolf als gebietsfremde invasive Art an und fordert wolfsfreie Zonen zum Schutz von Weidetieren.

    Auch der Deutsche Bauernverband positioniert sich klar und schlägt eine Obergrenze für Wölfe in Deutschland vor. Die Zahl steige rasant und sei inzwischen deutlich zu hoch, sagt Verbandspräsident Joachim Rukwied. Aktuell gebe es rund 1.800 Wölfe in Deutschland, die ließen eine Weidetierhaltung bald nicht mehr zu.

    Bauernverband fordert Abschussgenehmigung für den Wolf

    Der Bayerische Bauernverband beteiligt sich an der bundesweiten Aktion des Fördervereins der Deutschen Schafhalter e.V. und beharrt insbesondere auf seiner Forderung, Wölfe "zu regulieren" – sprich abzuschießen. Weidetierhalter seien durch den Wolf in ihrer Existenz bedroht. Besonders die bayerische Almwirtschaft ginge nur "ohne Wolf", heißt es.

    Im Vergleich zu anderen Ländern wie der Schweiz oder Italien weiden in Bayern verhältnismäßig wenig Schafe auf Almen. Tatsächlich gab es in jüngster Zeit fünf Risse am Alpenrand, die auf durchziehende Wolfe zurückzuführen sind. In den betroffenen Landkreisen wie Garmisch-Partenkirchen, Rosenheim, Traunstein und Ostallgäu wurden deshalb beweidbare Flächen im Hinblick auf mögliche Herdenschutzmaßnahmen begutachtet.

    Förderprogramm zum Herdenschutz

    Erst im vergangenen Mai hat die Bayerische Staatsregierung ein Förderprogramm zum Herdenschutz aufgelegt. Mit rund zwei Millionen Euro werden in bestimmten Regionen vom Freistaat Elektrozäune, mobile Ställe und die Anschaffung eines Herdenschutzhundes gefördert. Aber auch der Verlust von Nutztieren, die von Wölfen getötet wurden, wird den Landwirten finanziell erstattet. So liegt der Höchstsatz pro Schaf derzeit bei 800 Euro in Bayern.

    Reichen die Maßnahmen der Staatsregierung?

    Eine Sprecherin des bayerischen Landesamts für Umwelt betont, die auftretenden Konflikte wolle man durch gezielte Management-Maßnahmen minimieren. Die Entnahme eines Einzeltieres sei aber trotz des strengen Schutzstatus möglich: dann wenn ein Wolf erhebliche wirtschaftliche Schäden anrichtet oder Menschen gefährdet seien.

    Gisela Sengl, agrarpolitische Sprecherin der Grünen, findet, die beiden zuständigen Ministerien, das bayerische Umwelt- und Landwirtschaftsministerium, hätten viel zu viel Zeit verstreichen lassen, bis den Landwirten konkrete Unterstützung angeboten wurde. Wölfe gebe es schließlich schon seit 20 Jahren in Deutschland.

    Die Landtagsabgeordnete betont außerdem: "Der Wolf ist Teil unserer Natur. Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens, dass er bei uns leben darf." Daraus ergeben sich aber Konflikte mit der Weidehaltung. "Wenn wir uns alle erst einmal darüber im Klaren sind, was wir wollen, können wir gute Lösungen finden."

    Schweiz als Vorbild bei Nebeneinander von Weidetieren und Wölfen

    Die agrarpolitische Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag erzählt von einer Exkursion in die Schweiz, an der sie zusammen mit anderen Landtagsabgeordneten und NGO-Vertretern teilgenommen hat. Im Kanton Glarus wurde das Nebeneinander von Wolfsrudeln und Weidetieren im alpinen Gebiet vorgestellt.

    Das könne für Bayern Vorbild sein, sagt Gisela Sengl. Insbesondere im alpinen Bereich auf Almflächen sei der Schutz von Schafen sehr aufwändig, aber möglich. Dazu ist eine klare Bereitschaft der Almbauern nötig, ihre Haltung weiter zu entwickeln, damit das Nebeneinander von Weidetieren und Wolf funktioniert. "Dafür braucht es gute Beratung und ausreichend finanzielle Unterstützung. Aber auch die Produkte aus einer wolfskonformen Almwirtschaft müssten einen höheren Wert haben", schlägt Gisel Sengl vor.

    Ohne Hirten geht es auf der Alm nicht mehr

    Auch Stefanie Morbach, Leiterin des Projekts "Bayern wild" an der Gregor Louisoder-Stiftung sieht die Schweizer Vorgehensweise als vorbildhaft an. In der Schweiz gebe es Modelle mit Behirtung. "Die Tiere im Frühsommer auf die Almflächen schicken, größtenteils sich selber überlassen und im Herbst wieder einsammeln, das ist mit dem Wolf nicht mehr möglich," so Stefanie Morbach.

    Ausgebildete Herdenschutzhunde und Hirten, die die Tiere permanent im Blick haben, wären eine aufwändige aber praxistaugliche Lösung. Die bringen aber auch andere Vorteile mit sich, die Begegnung von Weidetieren und Touristen zu entschärfen, die in jüngster Zeit immer wieder für Konflikte gesorgt haben.

    Weidetiere für Naturschutz notwendig

    Fakt ist: Weidetierhaltung ist nicht nur tiergerecht, in alpinen Gebieten ist sie für Naturschutz und Landschaftsbild unerlässlich. Ohne Weidetiere würden Almen mit Sträuchern zuwachsen und langfristig die saftig grünen, artenreich blühenden Grasflächen verschwinden.

    Gerade um die Tradition zu bewahren, bräuchte es ein Umdenken bei den Tierhaltern. Und den klaren Willen der Politik, mehr Geld auszugeben, um das Nebeneinander von Wolf und Weidetieren möglich zu machen.

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