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Magazin Paparazzi: Meinungsmache zwischen Wohlfühl-Geschichten | BR24

© BR/Katharina Häringer

Das Passauer Gratisblatt "Paparazzi" macht seit Beginn der Pandemie mit Corona-verharmlosenden Texten auf sich aufmerksam. Bis auf wenige Ausnahmen scheint es die Anzeigenkunden nicht zu stören.

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Magazin Paparazzi: Meinungsmache zwischen Wohlfühl-Geschichten

Das Passauer Lifestyle- und Werbemagazin "Paparazzi" macht seit Beginn der Pandemie mit Corona-verharmlosenden Texten auf sich aufmerksam. Doch bis auf wenige Ausnahmen scheint es die Anzeigenkunden nicht zu stören.

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  • Katharina Häringer
  • BR24 Redaktion

Vom Lifestyle-Magazin hin zum Blatt der Corona-Gegner: Das Passauer Gratisblatt "Paparazzi" macht seit Beginn der Pandemie mit Texten auf sich aufmerksam, welche die Corona-Pandemie verharmlosen.

Herausgeber nennt Pandemie "einen Schwindel"

Mit der "Paparazzi"-Ausgabe aus dem Mai 2020 ging es los: "Alles über die Krise" lautete der Titel. Zwischen der Werbung für ein Fitnessstudio und einer Geschichte über Designerbrillen behauptete der Chefredakteur des Gratisblatts in Passau, dass die Pandemie ein Schwindel sei.

Wörtlich schreibt er: "Es gibt keine 'Pandemie' einer geheimnisvollen neuen Viruserkrankung. Sie existiert nicht. Es gibt einzig und allein eine Pandemie der 'Tests', die ausschließlich dazu dient, einen nie dagewesenen Terroranschlag auf die Gesellschaft zu verüben."

Verschwörungserzählungen in Berichten

Autor Matthias Müller macht Stimmung. Als Kommentar sind seine Artikel aber nicht gekennzeichnet. Müller verpackt seine Verschwörungserzählungen in Berichte. Fakten und persönliche Theorien gehen fließend ineinander über. Drucken kann Müller das einfach, weil er das "Paparazzi"-Magazin mit seiner Frau im Eigenverlag herausbringt. Das Gratismagazin finanziert der Verlag komplett durch Werbung. 20.000 Ausgaben werden im Bayerischen Wald, in Passau, im Rottal und in Oberösterreich verteilt. Sie liegen einmal im Monat in Cafés, Arztpraxen und im Einzelhandel aus.

Von Gegnern der Corona-Maßnahmen empfohlene Lektüre

Die Macher bezeichnen die "Paparazzi" als eines der einflussreichsten und reichweitenstärksten Hochglanz-Lifestylemagazine Ostbayerns. Laut Infoticker Passau, einem Portal, das sich mit rechten Aktivitäten in der Region beschäftigt, wird die "Paparazzi" von Passauer Gegnern der Corona-Maßnahmen als Lektüre empfohlen. Ob Müller selbst Teil dieser Bewegung ist? Auf BR-Anfragen dazu und zur Ausrichtung seines Blatts reagiert er nicht.

Auch zum Thema Flüchtlinge fällt der Autor auf

Schon 2016 gerät das Magazin in die Schlagzeilen. Das Passauer Magazin "Bürgerblick" titelt damals "Panikmache in eigener Sache". Der Grund: "Paparazzi"-Chefredakteur Matthias Müller, der auch eine Kampfsportschule betreibt, veröffentlicht ein Interview mit sich selbst. Der Anlass ist die Silvesternacht in Köln und die Frage, wie sicher man in Deutschland noch sei. Nur wenige Seiten weiter vorne lässt er sich über "sogenannte Flüchtlinge" aus und schreibt, dass der Rechtsstaat nur zu seinen eigenen Bürgern hart sei, straffällige Migranten jedoch nichts zu befürchten hätten.

Auch in der "Paparazzi"-Ausgabe vom Oktober 2020 fallen zwei Formulierungen auf. Müller nennt Quarantäne-Einrichtungen in Neuseeland "Konzentrationslager". Und er bezeichnet diejenigen, die an der Pandemie verdienen, als "Hochfinanz" - ein abwertender Begriff der Nationalsozialisten für jüdische Bankiers.

Werbekunde will Anzeige zurückziehen

Eine Firma aus dem Bayerischen Wald störte sich im Sommer an den Inhalten und wollte ihre Anzeige zurückziehen. Als das wegen des Vertrags nicht ging, ließ sie diese Sätze drucken: "Hier sollte unsere Werbung stehen, aber: Leider ist uns die schwere Kost in der Paparazzi überhaupt nicht bekommen. Aus diesem Grund möchten wir nicht mehr durch eine Anzeigenschaltung mit diesem Medium in Verbindung gebracht werden." Auf BR-Anfrage will sich die Firmenchefin dazu nicht äußern. Denn nach dieser Anzeige hätten ein halbes Jahr lang Corona-Leugner angerufen.

Meinungsfreiheit lässt nicht alles zu

Journalistinnen und Journalisten müssen ethische Standards einhalten. Als Kontrollorgan für Zeitungen und Zeitschriften gibt es den deutschen Presserat. Er kann eine Rüge aussprechen. Doch in diesem Fall sieht sich der Presserat nicht zuständig. Das erklärte die Institution auf BR-Anfrage. Kostenlos verteilte Publikationen seien nicht rügbar, sie könnten sich dem Ehrenkodex des Presserats gar nicht unterwerfen.

Anders ist die Lage in Österreich. Die journalistischen Maßstäbe gelten hier auch für Gratisblätter - aber eben nur für österreichische. Dass das "Paparazzi"-Magazin in Braunau und Schärding ausliegt, reicht nicht, erklärt der Referent des österreichischen Presserats.

Journalisten-Verband fordert Änderung

Keine Konsequenzen also für Falschbehauptungen in Gratisblättern? "Kann nicht sein", sagt Michael Busch, Vorsitzender des Bayerischen Journalistenverbands. Er findet, der Presserat müsse seine Zuständigkeit weiter fassen. "Wir sind in der Corona-Phase in einer schwierigen Zeit, in der intensiv über Fake News diskutiert wird", sagt er.

Gratisblätter dürften nicht damit durchkommen, ganz bequem Unwahrheiten zu verbreiten. "Das ist für die Gesamtbranche, die versucht, nach Pressekodex und nach bestem Wissen und Gewissen ihre Berichterstattung zu vollziehen, schädlich und tut uns weh." Michael Busch will jetzt das Gespräch mit dem Presserat suchen und sich dafür einsetzen, dass journalistische Standards auch für Gratisblätter gelten.

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