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März-Mai '45 in Bildern: Acht Wochen Weltuntergang in Bayern (2) | BR24

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Bildrechte: National Archives Washington / BR

US-Soldat posiert in Nürnberg mit einem "entmachteten" Hakenkreuz

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März-Mai '45 in Bildern: Acht Wochen Weltuntergang in Bayern (2)

Weltuntergang? Für die Menschen in Bayerns KZs beginnt nach der Befreiung durch die Amerikaner ein zweites Leben. In Städten und Dörfern spielen sich im "Endkampf" dramatische Szenen ab - grausame und bewegende. Unser historischer Bildticker Teil 2.

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Von
  • Michael Kubitza

Von Ende April bis Anfang Mai rücken die Amerikaner weiter nach Süden voran - Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern. Und fast mit jedem Vorstoß zeichnet sich ihnen die unfassbare Brutalität des NS-Regimes deutlicher ab. Für die Menschen in den Konzentrationslagern kommt es jetzt auf jeden Tag an. Es geht um Befreiung oder Vernichtung.

Noch gibt sich die NS-Macht nicht geschlagen. Doch die ideologische Einheit von Führer, Volk und Vaterland zerfällt: in eine verkohlte Leiche im Hof der Berliner Reichskanzlei, einen eben noch totalen, jetzt in vier plus x Teile zertrümmerten Staat und Millionen Einzelschicksale. Viele davon nehmen in jenen Wochen eine dramatische Wendung.

Unser "Bildticker" zeigt die letzten acht Wochen des Weltkriegs in Bayern.

Teil 1 führte uns durch Franken und Schwaben. Die neuen Schauplätze: Regensburg und Flossenbürg, München und Dachau, Passau und der Obersalzberg.

+++ FLOSSENBÜRG, OBERPFALZ +++ 19. - 23. APRIL 1945 +++

© National Archives Washington / Gedenkstätte Flossenbürg
Bildrechte: National Archives Washington / Gedenkstätte Flossenbürg

Befreiung des KZ Flossenbürg

Schon am 8. April - einen Tag vor Ermordung von Dietrich Bonhoeffer - hat die SS begonnen, Dokumente und Mordwerkzeuge zu beseitigen. Am 19. und 20. April wird das Stammlager mit seinen 16.000 Häftlingen geräumt. In vier schwer bewachten Kolonnen marschieren die Gefangenen auf Dachau zu. Nur etwa die Hälfte überlebt. Als die Amerikaner Flossenbürg erreichen, sind die KZ-Schergen fort. Vor Ort kämpfen 1.600 kranke Häftlinge ums Überleben. Viele erleben die wieder gewonnene Freiheit nur für Stunden.

+++ Regensburg +++ 23. April +++

© BR / Miriam Hille
Bildrechte: BR / Miriam Hille

Das "Colosseum" in Regensburg

Rund drei Viertel der insgesamt 50.000 Gefangenen von Flossenbürg waren in 100 Außenlagern untergebracht. Eines davon: das "Colosseum" in Stadtamhof. Die längste Zeit beherbergt das Gebäude ein Tanzlokal und ein Bauerntheater. Doch für rund einen Monat sind hier 400 Zwangsarbeiter untergebracht, die bombenbeschädigte Bahnanlagen ausbessern sollen. Zu ihren besonders sadistischen Bewachern zählt auch der 2011 verurteilte SS-Mann John Demjanjuk. Am 23. April wird das Lager "evakuiert"; weniger als 100 Insassen überleben.

+++ Regensburg +++ 23. April +++

© Bilddokumentation der Stadt Regensburg. Fotograf: Christoph Lang
Bildrechte: Bilddokumentation der Stadt Regensburg. Fotograf: Christoph Lang

Die zerstörte Nibelungenbrücke

Nach dem Abmarsch der Gefangenen sprengen die Nazis in der Stadt sämtliche Übergänge über die Donau - einen Bogen der weltberühmten Steinernen Brücke ebenso wie die erst 1938 errichtete Nibelungenbrücke, die damals den Namen Adolf Hitlers trägt. (Unser Bild zeigt die Situation bei Beginn des Wiederaufbaus am 20.03.1946).

+++ WERNBERG, OBERPFALZ +++ Ende April +++

© PD / National Archives Washington
Bildrechte: PD / National Archives Washington

US-Soldaten in der Oberpfalz

Nicht immer vollzieht sich der Einmarsch so dramatisch, wie es dieses Bild der US-Armee in Wernberg zeigt. Das Hin und Herr in den Dörfern aber ist gewaltig: Viele der in Relation zur Bevölkerung sehr zahlreichen Zwangsarbeiter setzen sich ab und irren umher, bis sie in einem der von den Amerikanern gegründeten Sammellager für "Displaced Persons" unterkommen; dazu kommt ein wachsender Strom von Vertriebenen aus dem Osten, der die Einwohnerzahl bis aufs Doppelte und Dreifache anschwellen lässt.

+++ WEIDEN, OBERPFALZ +++ ENDE APRIL 1945 +++

© Stadtarchiv Weiden
Bildrechte: Stadtarchiv Weiden

Kriegsende in Weiden

Dieses Foto (Auschnitt) des Kriegsfotografen William Allen ging um die Welt: Der amerikanische Soldat Kirk Dalton kniet in der Nacht, in der sein Weltkrieg zu Ende war, am Eingang der katholischen Pfarrkirche St. Josef nieder. "Ich war müde am Ziel, für mich war es ein langer Krieg", sagte er später. Dass er vorüber war, merkte er so:

"Plötzlich gingen die Lichter an. Es war das erste Mal seit Monaten, dass wir Lichter in der Nacht gesehen hatten. Ich hatte nur einen Gedanken: mein Gott, es ist wirklich passiert."

+++ DACHAU +++ 29. APRIL 1945 +++

© dpa
Bildrechte: dpa

Nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau Ende April 1945

Am 29. April erhält US-Colonel Felix Sparks den Marschbefehl zur Befreiung des vorletzten Konzentrationslagers. Die Ankunft ist für die Soldaten ein Schock: Sie sehen Tote, Sterbende, einen Zug aus Buchenwald mit 2.000 erstickten Häftlingen. Die Reaktion der Überlebenden überliefert der Ex-Gefangene Nico Rost so:

"In einem einzigen, brüllenden, jubelnden, langanhaltenden Schrei entlud sich die aufgespeicherte Spannung der letzten Stunden, und Tausende stürzten auf die Amerikaner zu: lachend, weinend, rufend."

Mehr zu Thema: Der Dachauer Todesmarsch

+++ MÜNCHEN +++ 30. APRIL 1945 +++

© Picture-Alliance / dpa
Bildrechte: Picture-Alliance / dpa

München: Jubel in Ruinen

Am nächsten Tag begeht Hitler in Berlin Selbstmord, und die Amerikaner marschieren in ein konfuses München ein.

In Haidhausen versucht ein NS-Funktionär, den Befehlen des geflohenen Gauleiters Paul Giesler Geltung zu verschaffen, indem er weiße und weißblaue Fahnen aus den Fenstern schießt. An der Feldherrnhalle, wo eben jener Gauleiter gerade noch eine "Entscheidungsschlacht" herbeireden wollte, gehen die Menschen mit Hämmern auf das Bronzedenkmal der Partei los. Auf den Straßen liegen zerrissene Führerbilder und Parteiausweise.

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Bildrechte: SZ-Photo

Panzer der 20. US-Division in München

Die Mehrzahl der Menschen in der "Hauptstadt der Bewegung" aber lässt, was immer in diesen Tagen geschieht, apathisch über sich ergehen. Durchhalteparolen finden ebensowenig Gehör wie die Appelle der oppositionellen "Freiheitsaktion Bayern" um Hauptmann Rupprecht Gerngroß, die in der Nacht zum 28. April die Radiosender Erding und Freimann besetzt und zur "Fasanenjagd" auf die NS-Bonzen aufgerufen hatte. 40 der Aufständischen werden noch Stunden vor der Besetzung durch NS-Angehörige ermordet.

Mehr zum Thema: Die Freiheitaktion Bayern - Aufstand in letzter Minute

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Kameraleute der US-Armee filmten nicht nur das Geschehen an der Front, sondern machten auch Aufnahmen zerstörter deutscher Städte. Kurz nach der Kapitulation Münchens am 30. April 1945 entstand ein beeindruckender Farbfilm.

+++ GARMISCH +++ 29./30. APRIL 1945 +++

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US-Einmarsch in Garmisch

Das Oberland zählt zu den letzten Kriegsschauplätzen. Unweit des Berghofs befinden sich unterirdische Produktionsstätten für die V2-Rakete - die "Wunderwaffe" der NS-Propaganda. Gebirgsjäger, versprengte SS-Einheiten und Wehrmachtsteile stehen gegen die kriegsmüde Bevölkerung in den "Lazarettstädten". Bei Übergabeverhandlungen liegt die - wohl taktische - Drohung einer Bombardierung in der Luft. Mit Mühe gelingt es dem mit der Freiheitsaktion Bayern kooperierenden Oberst Ludwig Hörl, die kampflose Kapitulation zu organisieren.

+++ ROSENHEIM +++ 2. MAI +++

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Bildrechte: Landesamt für Digitalisierung

Luftbilder: Rosenheim 1945 (s/w) und heute

Der Luftbildvergleich zeigt: Auch Rosenheim hat unter den Bomben gelitten. Ende April setzt eine Stadtflucht ein. Die Oberbayerische Volkszeitung erinnert sich:

"Viele Bewohner zogen es vor, ihr Leben durch die Flucht auf entlegene Almen in Sicherheit zu bringen; andere verlagerten ihre Möbel in die bereits vollgestopften Bauernhäuser, und wer dies nicht konnte, wanderte mit dem Handkarren, vollbeladen mit den notwendigsten Habseligkeiten, zu Bekannten aufs Land."

Geplündert wird auch - vor wie nach dem Einmarsch der Amerikaner.

+++ PASSAU +++ 2. Mai +++

© Stadtarchiv Passau
Bildrechte: Stadtarchiv Passau

Bombardierungen in Passau

So sieht die Umgebung Passaus - im Bild: Lindental - seit Ende 1944 aus. Die Kämpfe dauern bis Mai. Das Haus von Carola Fischer mutiert - "getarnt" mit frisch geschlagenen Birken - zum letzten Stützpunkt der SS-Gruppe Hassenstein. Granaten der Amerikaner verfehlen das improvisierte Munitionsdepot nur um Meter. Während die Generalität im Heizkessel Akten mit Aufdruck "Geheim" verbrennt, lagert die Familie "auf Kellerkartoffeln, im Backtrog, in einer Badewanne". Ihr Glück: Beim Sturm der Amerikaner sind die SS-Leute über alle Berge.

Mehr zum Thema: Nach dem Krieg - Amerikaner in Passau

+++ BAD REICHENHALL +++ 4. Mai +++

© Archiv Fritz Hofmann
Bildrechte: Archiv Fritz Hofmann

Reichenhall: Deutsche Soldaten geben ihre Waffen ab

In Reichenhall widersetzt sich eine Gruppe von Bürgern den Alpenfestungs-Fantasien der SS und fordert sie erfolgreich zum Abzug auf. Ein "Kapitulations-Komitee" lässt sofort Plakate kleben: die Bevölkerung wird aufgefordert, daheim zu bleiben und weiße Flaggen zu hissen, verbliebene Waffen werden vor dem Polizeirevier gesammelt (Foto). Am 4. Mai wird die Stadt an die amerikanische Besatzer übergeben, ohne dass ein einziger Schuss fällt. Andernorts - etwa in Mittenwald, Schneizlreuth und Kaltenbrunn - gelingt dies nicht.

Apropos Alpenfestung: Viel eher als das sind die Berge ein letzter Rückzugsort für flüchtige Nazi-Bonzen. Die Amerikaner sammeln sie einen nach dem anderen ein: Robert Ley bei Berchtesgaden, Julius Streicher nahe Lofer, Herrmann Göring im Salzburger Pinzgau.

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Hermann Göring in US-amerikanischer Gefangenschaft

+++ Obersalzberg +++ 4. Mai +++

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US-Soldat vor dem zerstörten "Berghof" Obersalzberg

Er war Hitlers inoffizieller zweiter Regierungssitz. Fast noch wichtiger: Hier ließ der Nazistaat seine Idyllen produzieren - der Führer als Mensch, umringt von Bergen, Kindern, lachenden Gesichtern. Anfang 1945 sammeln sich hier aus Berlin geflohene Nazifunktionäre - bis am 25. April ein Bombenangriff das Anwesen unbewohnbar macht. Seine Eroberung ist so prestigeträchtig, dass sich amerikanische und französische Einheiten einen Wettlauf liefern. Die Amerikaner gewinnen und bauen den Berghof zum Freizeitheim um.

+++ 7./8. Mai 1945: Der Krieg ist aus +++

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The Surrender: Titelseite der US-Zeitung The Call Bulletin

Es ist vorbei. In Berlin-Karlshorst und Reims unterzeichnen deutsche Militärs die Kapitulationsurkunden. Die Welt feiert. In Bayern wie in ganz Deutschland gehen die Empfindungen weit auseinander: Überlebensfreude und stille Genugtuung, ohnmächtige Wut und abgrundtiefe Enttäuschung, frühlingszarte Hoffnung und stumpfe Resignation. Eine Ahnung, die die meisten Menschen vereint, trügt nicht: Weitere schwere Zeiten stehen bevor.

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8. Mai 1945: Siegesfeier am Trafalgar Square, London

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8. Mai 1945: Wehrmachtsangehörige in einem Gefangenlager der US-Armee bei Regensburg