BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

März-Mai '45 in Bildern: Acht Wochen Weltuntergang in Bayern (1) | BR24

© dpa
Bildrechte: dpa

Einmarsch der Amerikaner in Nürnberg

5
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

März-Mai '45 in Bildern: Acht Wochen Weltuntergang in Bayern (1)

Bayern im Frühling 1945: Während mancherorts schon Ende März die US-Armee paradiert, wütet nebenan noch die SS, verbreiten sich in Ostbayern Falschmeldungen über einen Einmarsch der Russen. Das Drama in historischen Bildern.

5
Per Mail sharen
Von
  • Michael Kubitza

Bayern im Corona-Jahr 2020: Für viele von uns die tiefgehendste Umwälzung unseres Alltags, die wir je erlebt haben. Nicht aber für jene, die durch Covid-19 besonders bedroht sind: Menschen, die das Ende des Zweiten Weltkriegs noch bewusst miterlebt haben.

Krieg und Kriegsende sind Erfahrungen, die für uns Nachgeborene kaum nachzuvollziehen sind, was dem Wendepunkt 8. Mai 1945 den in vieler Hinsicht zweifelhaften Namen "Stunde Null" eingetragen hat. Eine Stunde, die Wochen und Monate dauert und für viele zu spät kommt.

In Unterfranken sind die Amerikaner schon am 25. März zur Stelle; hundert Kilometer weiter dauert die Einnahme Nürnbergs, wo die letzten Reste des "Volkssturms" die Eroberer in einen zähen Ruinenkampf verwickeln, fast einen Monat länger. Symbolträchtig am "Führergeburtstag" sprengen die alliierten Truppen hier bei herrlichem Frühlingswetter das Hakenkreuz auf dem Parteitagsgelände. In Passau fällt Schnee, als US-Panzer die Stadt Anfang Mai - Hitler ist gerade 24 Stunden tot - als eine der letzten erobern.

Unser "Bildticker" mit Originalfotografien und Videomaterial zeigt die letzten acht Wochen des Weltkriegs in Bayern. Teil 1 führt uns nach Franken - vom zerstörten Würzburg über das überfüllte Bamberg in die Schlosskirche Ellingen, die Anfang 1945 noch mehr Kunstschätze als sonst birgt ...

+++ WÜRZBURG +++ 16. MÄRZ 1945 +++

© BR Mainfranken / Geschichtswerkstatt
Bildrechte: BR Mainfranken / Geschichtswerkstatt

Würzburgs Altstadt kurz vor dem Kriegsende: Zu 95 Prozent zerstört.

Drei Jahre und 300 Sirenennächte lang war der Bombenkrieg hier vor allem ein Nervenkrieg gewesen. Am Ende glauben viele, die Stadt käme glimpflich davon, weil Winston Churchill hier studiert hätte - beides ist falsch. Das britische Bombardement vom 16. März 1945 äschert das Zentrum und 5.000 seiner Bewohner regelrecht ein. Die Hitze verbindet die einzelnen Brandherde zu einer 2.000 Grad heißen Feuerwalze, die gerade mal sieben Häuser unversehrt lässt.

Interview: "Die Menschen hatten einen eisernen Willen"

+++ WÜRZBURG +++ 6. APRIL 1945 +++

© Stadtarchiv Würzburg
Bildrechte: Stadtarchiv Würzburg

Der Einmarsch der Amerikaner

Drei Wochen später ist der Krieg zu Ende. Anfang April beschießt von Frankfurt her anrückende US-Artillerie vom Nikolausberg aus eine Ruinenlandschaft, in der nur noch die drei Mainbrücken intakt sind. Die erledigt am 2. April allesamt die Wehrmacht unter Oberst Richard Wolf, der bei sinnlosen Abwehrscharmützeln weitere Menschenleben "verheizt".

Am 6. April ist Würzburg besetzt. Der Chef der amerikanischen Militärregierung, Murray D. van Wagoner, empfiehlt, die Stadt an anderer Stelle neu zu errichten. Die Würzburger entscheiden sich dagegen.

Würzburg nach Kriegsende: Zeitzeuge Hannes Heer im Gespräch.

© BR
Bildrechte: BR

Video: Würzburg bei Kriegsende

+++ ASCHAFFENBURG +++ 3. APRIL 1945 +++

© dpa
Bildrechte: dpa

Aschaffenburg: Luftbild vom 3. April

Bereits am 25. März strömen erste Truppen der 3. US-Armee über Mainbrücken nördlich von Aschaffenburg nach Bayern. Die Nazis erklären die Stadt zur Festung und verhängen ein "Schlafverbot". Es nützt nichts. Am 3. April - einen Tag nach Ostermontag - nehmen die Amerikaner Aschaffenburg ein.

Seit dem November herrscht in der zerbombten Stadt Ausnahmezustand. Das von Bombenkratern gesprenkelte Luftbild dokumentiert die Verwüstung der ganzen Region. Der Machtwechsel vollzieht sich zügig: Am 14. April hat Aschaffenburg mit Jean Stock einen neuen Oberbürgermeister. 1946 wird er Regierungspräsident von Unterfranken.

+++ UNTERFRANKEN (OHNE ORTSANGABE) +++ ANFANG APRIL 1945 +++

© BR / National Archives Washington
Bildrechte: BR / National Archives Washington

Hände hoch statt Sieg Heil: Die Amerikaner in Unterfranken

Nicht nur in Unterfranken, dort aber besonders heftig, wüten die Nazis gegen den unabwendbaren Untergang an. Seit dem 20. Februar töten Sonderstandgerichte auf Befehl von Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel "Fahnenflüchtige" wie den Leutnant Friedel Heymann (26), der kurz vor seiner Handamputation aus dem Lazarett gezerrt und am 28. März öffentlich gehenkt wird. Der Tote hängt bis zum Einmarsch der Amerikaner sieben Tage später am Galgen. Weitere Opfer sind Zwangsarbeiter und Menschen, die zu früh die weiße Fahne gehisst haben.

+++ BAYREUTH +++ 5.-11. April +++

© BR
Bildrechte: BR

Fast den ganzen Krieg lang blieb die Wagnerstadt Bayreuth von Fliegerangriffen und Bomben verschont. Vom 5. bis 11. April 1945 erlebt die Stadt doch noch drei schwere Luftangriffe. 1.000 Menschen sterben.

+++ KRONACH, OBERFRANKEN +++ 12. April +++

© PD / National Archives 111 SC-206235
Bildrechte: PD / National Archives 111 SC-206235

Das Kriegsende in Kronach

Am 12. April treffen die Panzer, vom thüringischen Sonneberg kommend, in Kronach ein. Auch hier kommt es zu Scharmützeln. Der Gasthof "Goldener Wagen" wird, obwohl er als Lazarett gekennzeichnet ist, Opfer von Brandbomben. Auch weitere Anwesen, etwa in der Schwedenstraße, stehen in Flammen. Das Foto der US-Armee zeigt zwei US-Infanteristen, die sich vor einer Explosion in Sicherheit bringen.

+++ BAMBERG +++ 14. APRIL +++

© Stadtarchiv Bamberg
Bildrechte: Stadtarchiv Bamberg

Bamberg: Die Obere Brücke im April 1945

Am 14. April erreichen die Befreier das vergleichsweise unzerstörte Bamberg. Der Krieg ist damit noch nicht zu Ende: Fünf Tage später explodiert am Bahnhof ein verwaister Munitionszug und reißt weitere 17 Menschen in den Tod.

In den folgenden Monaten wird Bamberg von Flüchtlingen buchstäblich überrannt. Die Einwohnerzahl springt auf 77.000; noch 1949 sind in einem Zimmer durchschnittlich 2,8 Menschen untergebracht, was die Stadt zu einer der dichtestbesiedelten in Bayern macht.

+++ NÜRNBERG ++++ 20. APRIL +++++

© BR
Bildrechte: mauritius-images.com

Vor 70 Jahren haben US-Soldaten die Stadt erobert. Die radioWelt schaut zurück - im Interview mit dem Historiker Alexander Schmidt vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.

Stadt für Stadt, Dorf für Dorf kämpfen sich die Amerikaner nach Süden vor. Der Fall Nürnbergs hat Symbolwert: Am "Führergeburtstag" marschieren US-Truppen in der zerstörten "Stadt der Reichsparteitage" ein. Am nächsten Tag zelebrieren sie den Sieg auf dem "Adolf-Hitler-Platz", der ab sofort wieder Hauptmarkt heißt.

+++ OBERFRANKEN ++++ ENDE APRIL +++++

© Washington Archive / BR
Bildrechte: Washington Archive / BR

Warten auf die Amerikaner

Danach werden die Amerikaner von der Bevölkerung immer öfter mit wehenden weißen Fahnen begrüßt - oft aber auch von Heckenschützen. Sind die Fensterläden offen und die Bettlaken gehisst, geht es meist schnell und kampflos ab. Mitunter aber sitzen völlig verwirrte 13-Jährige mit Panzerfäusten im Gebüsch. Das übliche Prozedere der Besatzer schildert James R. Pettus von der 42. Infanteriedivision so:

"Den Ort umzingeln, Truppen reinschicken, den Feind rausholen, gefangen nehmen und hinter die Frontlinie schicken."

+++ ELLINGEN, MITTELFRANKEN ++++ 24. APRIL +++++

© PD National Archives 575187
Bildrechte: PD National Archives 575187

Beutekunst in der Schlosskirche Ellingen

Dass die Schlosskirche der Stadt - anders als viele Altstadthäuser und der Schlossgarten - unbeschädigt geblieben ist, ist ein doppeltes Glück: Die Nazis haben hier Raubkunst gebunkert, die im Bild ein Offizier der 3. US-Armee bewacht.

+++ FRIEDBERG IN SCHWABEN +++ 27. APRIL 1945 +++

In Friedberg geschieht Bemerkenswertes: Mutige Frauen räumen mithilfe von Kühen zwei Panzersperren weg, die SS-Leute und der Volkssturm zuvor errichtetet hatten. Die Frauen wollen die Amerikaner friedlich einziehen lassen und ein Blutvergießen verhindern.

Für eine zweite Panzersperre am anderen Ende der Stadt haben die Nazis in den letzten Kriegstagen sogar die Bäume der Allee zur Wallfahrtskirche Hergottsruh gefällt. Den Abbau dieser Sperre erlebte Jakob Huber als kleiner Junge:

"Meine Mutter und ich wir sind hier vorbeigekommen, da waren vielleicht fünf, sechs Frauen am Arbeiten. Meine Mutter hat sich sofort dazugesellt und hat mitgearbeitet. Ich war dann als Zuschauer dabei und konnte sehen, wie auf der Gegenseite SS-Leute mit Maschinengewehren standen und die Leute bedroht hatten, auch die Frauen: sie sollen weggehen, sollen des aufhören und nicht weitermachen. Sie haben aber dann nicht eingegriffen.“ Jakob Huber, Zeitzeuge

Mehr zu den dramatischen Ereignissen in Friedberg lesen Sie hier.

© BR
Bildrechte: Bayerischer Rundfunk

Die letzten Kriegstage 1945 in Friedberg bei Augsburg: Bürgermeister und SS rüsten sich mit Panzersperren für den letzten Kampf. Die Amis rücken an und drohen mit Zerstörung, doch dann greifen die Frauen von Friedberg ein. Zeitzeugen erinnern sich.

Von Ende April bis Mitte Mai rücken die Amerikaner weiter nach Süden voran - Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern. Und fast mit jedem Vorstoß tritt die unfassbare Brutalität des NS-Regimes deutlicher zutage. Für die Menschen in den Konzentrationslager kommt es jetzt auf jeden Tag an. Es geht um Befreiung oder Vernichtung. Noch immer fordert der "Endkampf" der Nazis zahllose Opfer.

Mehr dazu in Teil 2 unseres historischen Bildtickers.