Zwei Schülerinnen sitzen in einem Klassenzimmer.
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Das Elly-Heuss-Gymnasium in Weiden hat 400 Schülerinnen.

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Mädchenschulen in Bayern: Zwischen Boom und Krise

In Großstädten sind Mädchenschulen gefragt, auf dem Land kämpfen sie um Schülerinnen. Insgesamt geht die Zahl der Mädchenschulen jedoch seit Jahren in Bayern zurück. Dabei zeigt die Forschung: Es gibt auch Vorteile, wenn Mädchen unter sich sind.

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Niederbayern und Oberpfalz am .

Die Zahl der Mädchenschulen ist in den vergangenen zehn Jahren in Bayern deutlich gesunken. Dabei zeigen Studien: Mädchen sind in naturwissenschaftlichen Fächern besser, wenn sie unter sich sind.

Wie gefragt Mädchenschulen heute sind, ist regional sehr unterschiedlich. Während in Regensburg das Mädchengymnasium boomt, wird in Weiden immer wieder darüber nachgedacht, sich für Buben zu öffnen. Und auch in Passau kämpft die Mädchenschule um Schülerinnen. 

Können sich Mädchen ohne Jungs besser entfalten?

Infoabend in einer Turnhalle in Passau. 50 Eltern gehen von Stand zu Stand, reden mit Lehrerinnen, Lehrern und Schülersprecherinnen. Sie denken darüber nach, ihre Töchter auf die Mädchen-Realschule oder das Mädchen-Gymnasium "Niedernburg" in Passau zu schicken. Sie fragen sich, wie es wohl so ist, wenn Mädchen unter sich sind, und hoffen auf eine Antwort. Denn in wenigen Wochen müssen sie ihre Kinder für eine weiterführende Schule anmelden.

"Ich will für meine Tochter die beste Schule finden. Und vielleicht können sich Mädchen untereinander besser entfalten, wenn Jungs nicht anwesend sind", sagt ein Vater. Schulleiter Markus Eberhardt nickt. "Mädchen können unter sich ihre Persönlichkeit besser entwickeln", sagt er. Er will an diesem Abend mit dem angestaubten Image ehemaliger Klosterschulen aufräumen. "Es geht nicht darum, Mädchen zu Nonnen auszubilden und sie von Jungs fernzuhalten, was ohnehin nicht funktioniert." Eberhardt wirbt für die Schule – und muss es auch. Denn Mädchenschulen sind keine Selbstläufer.

25 Prozent weniger Mädchenschulen

Zahlen aus dem Bayerischen Kultusministerium zeigen: Gab es im Schuljahr 2010/2011 in Bayern noch 93 Mädchenschulen, waren es im Schuljahr 2021/2022 nur noch 69. Wie gefragt Mädchenschulen sind, ist regional aber sehr unterschiedlich. "In München boomen Mädchenschulen", erzählt Rektor Eberhardt. Und auch in Regensburg ist das Gymnasium der "Englischen Fräulein" seit Jahren gefragt. Es gibt Wartelisten, und es werden Vorstellungsgespräche mit den Mädchen geführt.

Anders sieht es hingegen in Deggendorf und Kaufbeuren aus. Dort haben in den vergangenen Jahren die Maria-Ward-Realschule und das Marien-Gymnasium bekannt gegeben, sich für Buben zu öffnen. "Darüber haben wir auch immer wieder nachgedacht", sagt Harald Pröm, Schulleiter in Weiden. Das Elly-Heuss-Gymnasium hat 400 Schülerinnen, das sind 600 weniger als zu den besten Zeiten.

Mädchen unter sich in Naturwissenschaften besser

Dabei gibt es Studien, die zeigen: Mädchen sind in Naturwissenschaften besser, wenn sie unter sich sind. Ihr Interesse an Fächern wie Physik steigt. Das bestätigt auch Rektor Pröm: "Die Aufmerksamkeit wird oft auf Jungs gelenkt, die die Klappe weit aufmachen und forsch sind, auch wenn das die Lehrkraft gar nicht will. Mädchen sind häufiger zurückhaltend. Wenn keine Jungs da sind, haben die Mädchen keine Wahl. Sie können sich nicht verstecken, bekommen die volle Aufmerksamkeit und können sich entfalten." Mathematik-Preise, die die Mädchen in den vergangenen Jahren bei Wettbewerben geholt hatten, seien der beste Beleg, sagen die Schulleiter aus Weiden und Passau.

Mädchen empfinden Schule als entspannt und ruhig

Und die Mädchen selbst? Die Achtklässlerinnen in Weiden sagen durch die Bank: "Es ist viel entspannter und ruhiger, wir sind untereinander offener. Es gibt mehr Gekicher, aber nicht so viel Streit." Auch die Schülersprecherinnen aus Passau, die beim Info-Abend die Fragen der Eltern beantworten, sagen: "Das Klischee vom Zickenkrieg ist nur ein Klischee. Es ist das Gegenteil."

Viele Faktoren für regionale Unterschiede

Warum die Schulen in Passau und Weiden mehr um Mädchen werben müssen als die in München und Regensburg? Die eine Antwort gibt es nicht, sagen die Rektoren Eberhardt und Pröm. "Vielleicht sind in Großstädten Eltern näher dran an der modernen Pädagogik und experimentierfreudiger. Vielleicht sind aber auch die Schulplätze rarer", mutmaßt Eberhardt.

Die Gisela-Schulen in Passau seien Traditionsschulen. Häufig kämen Mädchen in der zweiten oder dritten Familiengeneration. Harald Pröm glaubt, dass es auch an den Übertrittsquoten liegt. In Weiden gehen laut Pröm 30 Prozent der Kinder nach der Grundschule aufs Gymnasium. In München seien es mehr als 50. "Uns stehen also gar nicht so viele Kinder zur Verfügung." Was ihn hoffen lässt: Der Anteil muslimischer Mädchen ist derzeit bei gut zehn Prozent, Tendenz steigend. Pröm sieht große Chancen für die Integration, wenn Eltern die Mädchen zum "Schutz" auf Mädchenschulen schicken, und die Mädchen dort europäische Werte mitbekommen.

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Wie gefragt Mädchenschulen sind, ist regional sehr unterschiedlich, insgesamt aber ist ihre Zahl in den vergangenen Jahren deutlich gesunken.

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