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Luftqualitätsmessung

Seit Monaten wird in Deutschland über Grenzwerte, Feinstaub, Stickoxide und Ozon diskutiert. Wer ist Schuld, der Verkehr oder die Landwirtschaft, oder beide? Was ist noch gesund? Ab wann sollte man in der Stadt doch lieber einen Mundschutz tragen? Und so weiter.

Der Streit um die Grenzwerte

Vor einigen Wochen sagten über hundert Lungenärzte: Die Grenzwerte sind so, wie sie momentan aufgestellt werden, wissenschaftlich nicht belastbar. Diese Woche tagt die Deutsche Gesellschaft der Pulmologen, also der Lungenärzte, in München. Was sagen sie dort zur Debatte? Rund dreitausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden erwartet beim diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin in München.

Viele Themen auf dem Kongress

Wenn man am Mittwochmorgen das Messegebäude betritt, nimmt man nicht wahr, dass es in Deutschland momentan eine große Debatte über Luftschadstoffe gibt, bei der auch Lungenärzte mitmischen. Viele Themen werden hier auf dem Kongress besprochen: Palliativmedizin, Beatmungstechniken, das Transplantationsgesetz – alles, was Experten, die mit der Lunge zu tun haben, eben so interessieren kann. Doch vor wenigen Wochen ging eine Gruppe von rund 100 Lungenärzten mit einem brisanten Papier an die Öffentlichkeit: Sie zweifelten die momentanen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide an, sie finden sie nämlich zu hoch und vertrauen der Datenlage nicht. Doch sie sind in der Unterzahl, sagt Dennis Nowak. Er ist Professor und leitet an der Uni München das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin.

"Interessanterweise gibt es in Fachkreisen gar keine Streitigkeit. Die Streitigkeit wird in der Öffentlichkeit ausgetragen, von politisch interessierten Gruppen, aber in der echten Wissenschaft, wenn Sie in die Literatur schauen, wenn Sie auf die internationalen Kongresse gehen, dort ist die Frage überhaupt nicht strittig." Dennis Nowak, Uni München

Eine Studie nach der anderen

Am Dienstag erst haben Kardiologen aus Mainz eine neue Studie veröffentlicht, die das Krankheitsrisiko durch Feinstaub und Stickoxide sogar noch höher einschätzt, als alle bisherigen. Laut ihrer Auffassung ist Luftverschmutzung noch gefährlicher als Rauchen und verkürzt das Leben der Europäer um rund zwei Jahre. Auch diese Studie blieb nicht ohne Widerspruch, aber einig sind sich die Experten: Es gibt einen Zusammenhang.

"Partikel gehen über die Atemluft ins Blutsystem, in die Zirkulation, in den Kreislauf hinein, verursachen Entzündungseffekte und über diese Entzündungseffekte kommt es zu Herzinfarkt, Schlaganfall und den genannten Gefäßerkrankungen." Dennis Nowak, Uni München

Diskussion um Grenzwerte

So stand es auch in einem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin im November letzten Jahres. Das fand damals aber nur wenig Widerhall in Politik und Medien. Die Diskussion ging im Gegenteil sogar wieder eher in Richtung höherer Grenzwerte. Professor Michael Pfeiffer ist Vizepräsident der Gesellschaft und lehrt in Regensburg. Er geht davon aus, dass sich das wieder ändern wird:

"Die WHO wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die Grenzwerte nach unten setzen. In wie weit dann die europäische und auch die deutsche Politik dem folgt, das bleibt dann in der Diskussion." Michael Pfeiffer, Vizepräsident Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin

Die Befürworter strengerer Grenzwerte betonen, dass damit nicht nur das Risiko auf einen früheren Tod oder eine Krankheit gesenkt werden kann. Wenn weniger Feinstaub, Stickoxide und andere Gase in unsere Luft gelangen, wäre das indirekt auch gut fürs Klima, es gäbe weniger Landverbrauch und auch weniger Lärm. Wie sehr die Grenzwerte verringert werden sollen, lässt sich so eindeutig aber nicht sagen. Einerseits liegt das daran, dass diese Schadstoffe in der Luft immer gesundheitsschädlich sind. Es gibt keinen Wert, der grundsätzlich ungefährlich ist. Darüber hinaus lässt sich bei einem Herzinfarkt die Ursache "das war der Feinstaub" nicht so einfach festmachen, sagt Arbeitsmediziner Dennis Nowak.

"Das ist aber mit anderen Risikofaktoren auch so. Es gibt auch keine einzelnen Cholesterin-Toten, die man sehen oder zählen kann, sondern es gibt eine Risikoerhöhung, die sich in einer Lebenszeitverkürzung abbildet."Dennis Nowak, Uni München

Keine genaue Feststellung für Krankheitsursache

Darum müsse man sich auf statistische Modelle verlassen, die für bestimmte Regionen oder Bevölkerungsgruppen ein erhöhtes Risiko voraussagen, so die Experten. Dabei darf auch nicht vergessen werden, im öffentlichen Raum bewegen sich auch Menschen, die besonders empfindlich sind. Zum Beispiel Kinder mit Asthma. Die reagieren stärker auf Feinstaub und Stickoxide. Sie kann man nur schützen, indem die Luft noch sauberer wird.

"Ich glaube schon, dass durch diese Diskussion diese Sensibilisierung für die möglichen gesundheitlichen Schäden von Umweltstoffen nochmals deutlich verstärkt wurde." Michael Pfeiffer, Vizepräsident Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin

Durch eine Gesetzesänderung sollen Diesel-Fahrverbote leichter vermieden werden können.

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