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Immer mehr Schulen haben sie schon, andere planen noch nicht einmal die Anschaffung mobiler Luftfilteranlagen. Sie können das Coronavirus aus der Raumluft im Klassenzimmer filtern. Doch: Sind sie in allen Klassenräumen nötig?

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Luftfilteranlagen in Schulen: Keine einheitliche Aufrüstung

Immer mehr Schulen haben sie schon, andere planen noch nicht einmal die Anschaffung mobiler Luftfilteranlagen. Sie können das Coronavirus aus der Raumluft im Klassenzimmer filtern. Doch: Sind sie in allen Klassenräumen nötig?

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Von
  • Monika Haas

Mit dem Start in den Wechselunterricht geht die Diskussion bei Eltern, Schulleitern und Schulträgern weiter: Filteranlagen oder doch Lüften in den Klassenzimmern?

27 Millionen Euro hat das die bayerische Staatsregierung für die technische Ausrüstung mit Luftfiltern und CO2-Meldern versprochen. Bis Ende März sind noch rund vier Millionen Euro abrufbar, doch längst nicht alle Schülerinnen und Schüler profitieren von der neuen Technik im Klassenzimmer.

Noch nicht alle Mittel abgerufen

Seit Oktober 2020 fördert das bayerische Kultusministerium die Anschaffung der sogenannten mobilen Luftfiltergeräte. Sie können flexibel in Klassenzimmern aufgestellt werden. Dort sollen sie die Raumluft von Aerosolen reinigen, Tröpfchen in der Luft, die das Corona-Virus verbreiten. Bis Ende März können Schulträger noch vier Millionen Euro für die Investition in Lufthygienetechnik beim Kultusministerium abrufen.

Viele Familien fordern den flächendeckenden Einsatz der Technik, wie Henrike Paede vom Bayerischen Elternverband erklärt. Zum einen gebe es die Proteste von Schülern, die sich in der Schule nicht sicher fühlten. Zum anderen sagten viele besorgte Eltern: "Schule muss sicher sein, sonst will ich nicht, dass mein Kind da hin muss."

Notwendigkeit von Luftfilteranlagen umstritten

Der Bayerische Elternverband ist überzeugt: Kombiniert mit CO2-Meldern, die an das regelmäßige Lüften erinnern, kann mit Luftfilteranlagen der größtmögliche Coronaschutz im Klassenraum gewährleistet werden. Doch eine komplette Aufrüstung der Schulen ist nicht in Sicht, auch weil die Notwendigkeit seit einem halben Jahr wissenschaftlich umstritten ist. Das Bundesumweltamt empfiehlt trotz neuer Studien nach wie vor den Einsatz von Luftfiltergeräten nur im Ausnahmefall - also wenn Räume nicht gut gelüftet werden können. An dieser Richtlinie orientieren sich viele Entscheidungsträger.

Kein Ersatz für Corona-Hygiene

Fakt ist: Weil die Filtergeräte keine Frischluft zuführen, können sie das Virus nicht so effektiv aus dem Raum entfernen wie gutes Durchlüften alle 20 Minuten. Die Technik ersetzt deshalb auch nicht andere Corona-Schutzmaßnahmen wie Abstandsregeln und Maskenpflicht. Walter Baier, Vorsitzender der Vereinigung der bayerischen Gymnasialdirektoren fürchtet momentan keine erhöhte Ansteckungsgefahr in Klassenzimmern ohne solche Anlagen. Er leitet das Gymnasium Bruckmühl im Landkreis Rosenheim, eine Patentlösung sieht er nicht.

"Wir haben große Fensterfronten, die wir breit öffnen können. Wie es mit Durchlüftung im Sommer ist, bei heißen Temperaturen, da bin ich schon skeptisch. Da gibt es auch bei geöffneten Fenstern kaum einen Luftzug. Aber es war nie davon die Rede, dass jetzt alle Schulen, alle Klassen, diese Luftfilteranlagen bekommen sollen. Da gab es auch keine Diskussion darüber bei uns im Landkreis." Walter Baier, Direktor Gymnasium Bruckmühl

Finanzlage der Schulen sind entscheidend

Die rund 2.500 Schulträger, die die Kosten für Sachaufwand übernehmen müssen, reagieren sehr unterschiedlich auf das staatliche Förderangebot. Ob sie investieren wollen oder auch die Vorfinanzierung stemmen können, entscheidet neben der Überzeugung, ob eine Anschaffung tatsächlich mehr Gesundheitsschutz bringt, vor allem auch die Finanzlage. Privatschulen hatten beispielsweise bereits bis Februar ihren Fördertopf voll ausgeschöpft. Städtische Träger entscheiden ganz unterschiedlich. So hat Forchheim bereits alle Schulen mit mobilen Luftfiltergeräten ausgestattet, die Landeshauptstadt München dagegen hat sich bisher nicht für den breiten Einsatz mobiler Luftfilteranlagen entschieden.

Stadtkasse entscheidet über Investitionswillen

Andere Schulträger, vor allem kleinere Gemeinden, kritisieren, das Kultusministerium wecke die Vorstellung, in Kürze könne in jedem Klassenzimmer ein Corona-Luftfilter stehen. Aber nur die Hälfte der Kosten wird vom Staat übernommen. Dabei kostet allein ein hochwertiges Gerät oft mehr als 1.500 Euro, wie Bernd Buckenhofer vom Bayerischen Städtetag betont.

"Die staatliche Förderung ist zum einen viel zu niedrig. Das heißt, die Städte und Gemeinden müssten selber den Großteil der Beschaffungskosten tragen. Und es ist keinerlei Förderung für die Folgekosten des Betriebs vorgesehen." Bernd Buckenhofer, Bayerischer Städtetag

Filterwechsel kostet mehre hundert Euro

Gemeinden in schwieriger finanzieller Lage können solche Eigeninvestitionen und die Vorkasse gar nicht stemmen. Allein schon die jährlich fälligen Filterwechsel kosten mehrere hundert Euro. Dazu kommt, Schulleitungen und -träger überfordert leicht die Fülle an Modellen. Viele sind teuer, einige günstiger.

Auch wenn der Mindeststandard für den Coronaschutz vorgeschrieben ist, die Preisunterschiede könnten möglicherweise dazu verleiten, in Einzelfällen auch ungeeignete Luftfilteranlagen zu kaufen, erklärt das Fachunternehmen Wolf GmbH aus Mainburg. Das Unternehmen hat mittlerweile rund 1.000 Räume in Bildungseinrichtungen ausgestattet, dabei sind nicht alle Bestellungen für bewilligte Förderungen bisher getätigt worden. Gerade bei steigender Nachfrage könne es zu Fehlkäufen kommen, sagt Cäcilia Mischko vom Bayerischen Schulleiterverband. "Luftfiltergeräte ja, aber nur qualitativ wertvolle, das ist uns wichtig", betont sie.

1.750 Euro pro Zimmer

Vor allem anfangs wurden die Fördergelder nur zögerlich beantragt. Die Skepsis gegenüber zu lauten oder zu klobigen Geräten wuchs, zudem kamen Hersteller der Geräte in Lieferverzug. In der ersten Förderrunde wurde die Unterstützungssumme von rund 27 Millionen Euro etwa zur Hälfte (13,9 Millionen Euro) ausgeschöpft. Der Rest ist in die zweite Förderrunde seit Januar miteingeflossen. Damit können jetzt auch Anlagen in Klassenräumen gefördert werden, die nicht das Kriterium "schlecht zu lüften" erfüllen. Dafür hat sich die Fördersumme verringert: Der Freistaat gibt maximal 1.750 Euro pro Zimmer.

Luft nach oben bei der Lufthygiene

Die Zwischenbilanz: 65 Prozent der Schulträger haben in der ersten Runde 1.600 Anträge gestellt und für rund 4.700 Unterrichtsräume Luftfilteranlagen und CO2-Melder beschafft. In der zweiten Runde sind nochmals Anträge für knapp 7.500 Klassenzimmer dazugekommen. Ein Erfolg - doch viele Eltern wünschen sich mehr. Henrike Paede vom Bayerische Elternverband fordert Nachbesserungen seitens der Bildungspolitik: "Wir wünschen uns eine volle Kostenübernahme durch den Freistaat. Es kann nicht sein, dass es vom Standort abhängt, wie oft Präsenzunterricht stattfindet."

Gerade für schwächere Schülerinnen und Schüler bleibt der Präsenzunterricht, auch im Wechselmodell, unverzichtbar, um in der Schule den Lernrückstand durch das monatelange Homeschooling wieder aufzuholen. Immerhin: Über 10.000 bayerische Klassenzimmer konnten bis Anfang März mit CO2-Meldern und Luftfilteranlagen aufgerüstet werden.

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