BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: BR/Herz

Für viele geht eine Covid-Erkrankung nicht so schnell zu Ende: Wohl jeder zehnte Infizierte entwickelt Long-Covid-Symptome. Allein in Bayern wären das 60.000 Betroffene. Und jeden Tag werden es mehr. Die Grünen fordern nun mehr Hilfe für Betroffene.

33
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Grüne fordern Long-Covid-Ambulanzen für ganz Bayern

Wenn Covid nicht endet: Wohl jeder zehnte Infizierte entwickelt Long-Covid-Symptome. Allein in Bayern wären das 60.000 Betroffene. Und jeden Tag werden es mehr. Die Grünen fordern nun eine Ambulanz pro Regierungsbezirk. Ähnlich äußert sich die AfD.

33
Per Mail sharen
Von
  • Andreas Herz

Auf den ersten Blick wirkt Angela Vogl ganz gesund. Keinem würde etwas besonderes an ihr auffallen. Ihre Schritte auf dem Weg zum Hausarzt sind zügig, mit freundlicher Stimme meldet sich die 40-Jährige an der Rezeption der Praxis. Doch dieser Eindruck täuscht. Der Alltag ist für die Kita-Leiterin noch immer ein Kampf, seit sie sich im Dezember mit Corona infiziert hat. Sie ist eine von Zehnttausenden Long-Covid-Patienten.

"Ich habe keine Anrufe mehr entgegengenommen, weil ich schlicht nicht mit dem Anrufer hätte sprechen können. Mir sind einfach nicht die Worte eingefallen", schildert Vogl ihren Leidensweg. "Ich habe da tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben die Hoffnung verloren." Ihr machten vor allem Vergesslichkeit und schwere Erschöpfung zu schaffen. "Ich habe dann leider feststellen müssen, dass es für Menschen wie mich wenig Hilfsangebote gibt."

Rund 60.000 Long-Covid-Patienten allein in Bayern

Fatal, wenn – wie vermutet – jeder zehnte Infizierte Long-Covid-Symptome entwickelt. Allein in Bayern wären das 60.000 Betroffene. Und jeden Tag werden es mehr. Zum Vergleich: In ganz Deutschland gibt es für die Reha von Atemwegserkrankungen nur rund 3.500 Plätze.

Christina Haubrich, gesundheitspolitische Sprecherin der Landtags-Grünen, fordert deshalb Long-Covid-Ambulanzen - eine pro Regierungsbezirk, in der alle wichtigen Fachrichtungen gebündelt und wo "ganz wertvolles Wissen gewonnen werden kann, aus dem man dann wieder Rückschlüsse für die Behandlung ziehen kann."

Was eine Ambulanz den Betroffenen bringt

Andreas Schittko, Vogls Hausarzt, findet die Idee gut. "Bei unseren Long-Covid-Patienten ist es so, dass wir sie zuerst zum Radiologen schicken und dann zum Kardiologen." Bei manchen kommt noch der Neurologe dazu. "Wenn man das bündeln könnte, wäre das gut", meint Schittko. Vogl nickt zustimmend. "So ein Ärzte-Hopping hätte ich gar nicht geschafft. Ich war froh, wenn ich es geschafft habe, mir ein Glas Wasser zu holen."

Die Ambulanzen könnten auch helfen, die Behandlung zu strukturieren, glaubt Hausarzt Schittko: "Dass ein standardisierter Fragebogen für die Symptome rausgebracht wird, dass wir unsere Post-Corona-Patienten zentral melden, dass erfasst wird, was wir gemacht haben und was unserer Meinung nach den größten Erfolg gebracht hat."

Ambulanzen: Das meint Bayerns Gesundheitsminister

Die Weichen seien schon gestellt, sagt Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU): "In den meisten Unikliniken gibt es solche Ambulanzen schon, in Augsburg wird gerade eine aufgebaut. Ich halte das für absolut notwendig und für ein wichtiges Thema. Ich bin da auch im Gespräch mit den Selbsthilfegruppen."

Tatsächlich sind die bestehenden fünf Ambulanzen jedoch teils überlastet. Die Ambulanz der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität besteht beispielsweise aus nur einer Ärztin. Und was die leistet, ist schwer mit den Kassen abzurechnen. Denn offiziell existiert die Krankheit "Long-Covid" noch gar nicht. "Wir müssen da sensibilisieren und dieses Krankheitsbild definieren, sagt Holetschek. "Wissenschaft, Ärzteschaft, Wirtschaft - da gehören alle dazu, um diesen Menschen zu helfen."

Grüne warnen vor Folgen für Psyche und Arbeitsmarkt

Die Folgen Zehntausender Langzeiterkrankter seien unabsehbar, warnt Grünen-Gesundheitspolitikerin Haubrich: "Es werden täglich mehr. Das hat auch für die Wirtschaft Folgen, das sind Arbeitskräfte, die wegfallen. Und wir müssen auch an die psychischen Folgen denken, die dieses Leid mit sich bringt. Wenn ein Vater oder eine Mutter nicht mehr für die Kinder da sein können wie vorher, dann macht das was mit der Familie und hat Auswirkungen auf die Kinder." Deshalb müsse man deutlich mehr in die Erforschung von Medikamenten gegen die Langzeitfolgen investieren, so Haubrich.

Wie sich Angela Vogl ins Leben zurückkämpft

Corona-Patientin Vogl, die zudem Mutter von drei Kindern ist, hat ihr Mann durch die schwersten Momente geholfen. Die Familie hat zusammengehalten. Da es in Augsburg noch keine Long-Covid-Ambulanz gibt, kämpft sie sich nun mit ihrem Hausarzt Schittko aus der Misere. Zusammen haben sie es mit einer Vitamin-Kur versucht, dann mit einer Cortison-Behandlung und zuletzt mit einer Impfung. "Studien haben gezeigt, dass eine Corona-Impfung bei manchen Langzeit-Patienten eine deutliche Besserung gebracht hat", erklärt Schittko.

An einigen Tagen schafft Vogl es nun wieder zur Arbeit. Zumindest bei ihr ist die Hoffnung zurückgekehrt.

© BR
Bildrechte: BR

Etwa jeder zehnte Corona-Genesene leidet am Post-Covid- oder Long-Covid-Syndrom. Die mehrere Uni-Kliniken haben bereits spezielle Ambulanzen eingerichtet. Die Grünen fordern eine flächendeckende Versorgung der Patienten.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!