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Symbolbild: Stapel Zeitungen

Bayern hat noch immer eine vielfältige Presselandschaft - es gib aber Entwicklungen, die von Fachleuten kritisch beäugt werden.

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Sven Hoppe
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    Lokalzeitungen in Bayern: Wie viele sind es und wem gehören sie?

    Weil sich immer mehr Verlage zusammenschließen, sinkt die Pressevielfalt. Dabei sind Zeitungen oft die wichtigste Quelle, wenn es um unabhängige Lokalnachrichten geht. Wie steht es um die Pressevielfalt in Bayern?

    Von
    Claudia KohlerClaudia KohlerDaniela OlivaresDaniela Olivares
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    Noch keine weißen Flecken: Das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis, die aus der Analyse der Lokalzeitungen in den bayerischen Landkreisen hervorgeht. Laut dem Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) gibt es noch in jeder Region mindestens eine Lokalredaktion, die über das Geschehen vor Ort berichtet. Der Freistaat, so der Verlegerverband, habe mit 260 einzelnen lokalen Zeitungstiteln eine der vielfältigsten Presselandschaften unter den deutschen Bundesländern. Laut Kommunikationswissenschaftler Klaus Meier von der Universität Eichstätt ist diese Konkurrenz vor Ort ein Motor für guten Lokaljournalismus. "Der Vorteil, wenn man zwei gut arbeitende Redaktionen vor Ort hat, ist der, dass man sich Konkurrenz macht um Themen und Geschichten, um Recherchen – man kann sich nicht bequem zurücklehnen."

    In 60 Prozent der Landkreise nur eine lokale Tageszeitung

    Und obwohl die Anzahl der Lokalzeitungen in den vergangenen Jahren laut VBZV stabil geblieben ist: Die Zahlen zeigen auch, dass es in den meisten bayerischen Kreisen doch nur eine davon gibt. Nur knapp 40 Prozent haben mehr. Die Vertretung der Verleger sieht darin kein großes Problem. So erklärt der VBZV auf Anfrage des BR: Bei der Berichterstattung durch die Zeitungen handele es sich immer um einen unabhängigen und kritischen Journalismus – auch da, wo nur ein Titel erscheine. Und ein regionales Pressemonopol, wie es in der "analogen" Zeit bisweilen befürchtet wurde, sei im digitalen Zeitalter, in dem man sich zusätzlich zu seiner Heimatzeitung aus beliebig vielen anderen Quellen informieren könne, ohnehin eine Furcht von gestern.

    Klaus Meier betont, dass man sich auf diesem Argument nicht ausruhen sollte. "Selbst wenn in einer kleinen Gemeinde viele Menschen online mitreden über das, was im Ort passiert, so haben doch alle ihre eigene Position", sagt der Kommunikationswissenschaftler. Was fehle, wenn es keinen Lokaljournalismus mehr gäbe, sei eine neutrale Stimme, die abwägt, beide Seiten zu Wort kommen lässt und so auch einen Diskurs fördert – die eine Grundlage schafft, über die man miteinander ins Gespräch kommen könnte.

    Lokaljournalismus ist ein wichtiges Werkzeug der Demokratie

    All diese Funktionen machen laut Meier gerade den Lokaljournalismus wichtig für die Demokratie. In den USA könne man bereits sehen, was passiert, wenn er wegfällt: In Regionen, in denen keine Lokaljournalisten mehr vor Ort berichten, gebe es mehr Wirtschaftskriminalität und mehr Polarisation in öffentlichen Debatten.

    Für den Forscher ist es ganz natürlich, im Gespräch über Lokaljournalismus vornehmlich von den Lokalredaktionen der gedruckten Zeitungen zu sprechen – denn hier gibt es die gewachsenen Strukturen und die Reporter und Reporterinnen, die tatsächlich noch vor Ort sind.

    Weniger Vielfalt durch Zusammenschlüsse von Verlagen?

    Diese Art der lokalen Berichterstattung ist in den vergangenen Jahrzehnten für kleine Verlage aber zum finanziellen Risiko geworden. Sinkende Auflagen und steigende Produktions- und Zustellungskosten kosten führten dazu, dass sich immer mehr Zusammenschlüsse bildeten und große Verlagsgruppen immer mehr kleine Häuser vereinnahmten.

    Im Gegensatz zu den 260 einzelnen Lokalzeitungstiteln sieht die Lage ein bis zwei Ebenen darüber schon deutlich weniger divers aus. Einige große Verlagsgruppen dominieren den lokalen Tageszeitungsmarkt in Bayern. Darunter die Verlagsgruppe der Augsburger Allgemeinen, die Verlagsgruppe Passau, die Ippen-Gruppe aus München, der Verlag Nürnberger Presse, die Mediengruppen Attenkofer (Straubinger Tagblatt, Landshuter Zeitung u.a.) und Oberfranken (Fränkischer Tag u.a.) und die Verlagsgruppe der Süddeutschen Zeitung

    Mehr Zeitungszusammenschlüsse in Bayern

    In Bayern gab es hier in den vergangenen Jahren zahlreiche Beispiele für Zusammenschlüsse und Konzentration: So hatte etwa die Verlagsgruppe Passau 2017 zuerst den Donaukurier und nun im vergangenen Jahr die Mittelbayerische Zeitung übernommen. Die Rhön- und Saalepost und der Rhön- und Streubote sind in 2022 Teil der Mediengruppe Main-Post geworden, die wiederum zur Verlagsgruppe der Augsburger Allgemeinen gehört.

    Die Frage ist: Geht dadurch tatsächlich Vielfalt in der Berichterstattung verloren? Immerhin handelt es sich zumindest bei den genannten Beispielen um den Zusammenschluss von Zeitungen, die nicht in Konkurrenz zueinander standen oder bereits zuvor jahrelang zusammengearbeitet haben. Das betonen besonders die Verleger immer wieder.

    Journalistenverband: Vorsicht vor schleichender Entwicklung

    Im aktuellsten Bericht des Dortmunder Formatt Instituts (erschienen 2020) zur Konzentration auf dem Markt der Tageszeitungen wird das deutlich kritischer betrachtet. Verfasser Horst Röper beschreibt etwa, dass Lokalausgaben nach Übernahmen zwar weitergeführt werden, die Redaktionen aber oftmals ausgedünnt oder zusammengezogen werden. Nicht selten komme es dann vor, dass die Berichterstattung von ehemaligen Konkurrenten zugekauft werden müsse oder Artikel in unterschiedlichen Lokalausgaben einer Dachmarke herumgereicht würden.

    Auch der Bayerische Journalisten Verband (BJV) stuft große Übernahmen, wie sie etwa die Passauer Verlagsgruppe unternommen hat, als eher bedenklich ein. Zum Beispiel, was die Haltung in der Berichterstattung angeht. "Ich kann noch nicht so ganz glauben, dass nach einer solchen regelrechten Einkaufstour in einer der Zeitungen eine vielleicht konträre Tendenz zum Ursprungshaus tatsächlich akzeptiert werden sollte", sagt BJV-Vorsitzender Michael Busch dem BR.

    Und selbst wenn die vereinten Häuser nicht in Konkurrenz standen und Lokalredaktionen möglichst selbstständig weiterarbeiten könnten – mehr Pressevielfalt werde durch Übernahmen sicher nicht geschaffen. Noch sei der Ist-Zustand nicht besorgniserregend, meint Michael Busch. "Aber die Entwicklung ist schleichend, und ich glaube, da müssen wir schon darauf achten, dass wir diese Medienvielfalt, die Bayern bisher ausgezeichnet hat, erhalten."

    Kommunikationswissenschaftler Klaus Meier plädiert für eine differenzierte Betrachtung der Übernahmen: "Ein großer Verlag hat ökonomische Power, kann mehr schaffen, könnte auch mehr investieren in den lokalen Journalismus und in die Lokalredaktionen. Ob dieser Verlag dann das de facto auch tut, da stehen viele, viele Fragezeichen dahinter."

    Lösungsansätze: Eigenverantwortung der Verleger oder neue Modelle für den Journalismus?

    Aber wie kann wirtschaftliche Stabilität im Lokaljournalismus gesichert werden, während gleichzeitig die Vielfalt erhalten bleibt? BJV-Vorsitzender Michael Busch hat keine Patentlösung parat. Daher würde er sich wünschen, dass die verschiedenen Beteiligten sich an einem Tisch zusammenfinden und zumindest einmal ein Gespräch über die unterschiedlichen Perspektiven begonnen wird. "Aber der Tageszeitungsverband und auch der Zeitschriftenverband haben in den letzten Jahren gezeigt, dass das Interesse an der Stelle eher übersichtlich ist."

    Klaus Meier sieht die Lösung eher in neuen Modellen, lokalen Journalismus zu finanzieren. Zum Beispiel könne über Subventionen nachgedacht werden, aber auch über sogenannten gemeinnützigen Journalismus, der sich etwa über Spenden finanziert. Als Beispiel nennt er die Relevanzreporter aus Nürnberg: Eine kleine Gruppe von Journalistinnen und Journalisten, die sich zusammengeschlossen haben und hier ein rein digitales Angebot für zahlende Kundschaft machen. "Man sieht die Menschen, die bereit sind, für den Lokaljournalismus zu bezahlen, hier eher als Mitglieder, weniger als Abonnenten", beschreibt der Experte das Modell. "Dadurch bezieht man sie auch praktisch stärker mit ein: In Redaktionskonferenzen, über Themenvorschläge, im Austausch." Deshalb sei dieses Modell auch Demokratie-technisch ein echter Gewinn.

    +++ Korrektur: Unschärfe in der Karte zu den Landkreisen

    (17. Mai 2022) - In einer früheren Version dieses Artikels war nach dem ersten Absatz eine Karte zu sehen, die zeigte, wie viele Lokalzeitungen in den bayerischen Landkreisen jeweils berichten. Aufgrund einiger Unschärfen in den Daten wurde diese aus dem Artikel entfernt.

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