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Lockdown: Immense Belastung für Drogenabhängige | BR24

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Drogenabhängige haben es momentan besonders schwer. Die rund 150 Suchtberatungsstellen in Bayern können ihr übliches Hilfsangebot kaum mehr anbieten. Abhängige werden immer stärker in die Isolation gedrängt, Abhilfe sei schwer.

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Lockdown: Immense Belastung für Drogenabhängige

Drogen-Konsumenten haben oft ein geschwächtes Immunsystem und zählen so zur Risikogruppe. Ausgangsbeschränkungen stellen Abhängige vor große Probleme. Der "kalte Entzug" sei lebensgefährlich, heißt es von der Nürnberger Beratungsstelle Mudra.

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Von
  • Tobias Burkert

Patrick ist 27 Jahre alt und konsumiert seit vielen Jahren harte Drogen. In der Ausgabestelle der Nürnberger Drogenhilfe Mudra in der Ludwigstraße bekommt er kostenlos saubere Spritzen, Wasser und Nadeln. Das war bereits vor Corona so, durch die Pandemie aber ist der Alltag vieler Abhängiger noch schwieriger geworden.

Patrick ist regelmäßig hier, schätzt die Hilfe der Beratungsstelle. Corona nerve ihn zwar, er komme aber klar. Viele andere seiner drogenabhängigen Freunde litten zunehmend unter der wachsenden Isolation. Durch die Ausgangsbeschränkungen verschärfe sich die Lage jetzt erneut.

Mudra will weiter an Hilfsangeboten festhalten

Beratungsmöglichkeiten und die Ausgabestelle für "safer use-Artikel" wird es bei der Nürnberger Drogenberatungsstelle Mudra weiterhin geben. Geschlossen wird aufgrund der aktuellen Verschärfungen aber der sogenannte Kontaktladen, für viele Abhängige ein beliebter Treffpunkt zum Verschnaufen und Reden. Die "Mudra" bietet derzeit Proviantpakete zum Mitnehmen. Etwa 150 Suchtberatungsstellen gibt es im Freistaat, viele bieten ihre Dienste mittlerweile vor allem online an.

Der persönliche Kontakt sei aber enorm wichtig, sagt Christine Clemens. Die Sozialpädagogin arbeitet seit 19 Jahren bei der Mudra, kennt das Klientel gut. Viele ihrer Kunden seien durch Corona regelrecht vereinsamt, der Aufenthaltsort vieler Abhängiger sei vor allem der öffentliche Raum, gerade bei obdachlosen Konsumenten. Dieser Raum werde jetzt aber quasi geschlossen.

"Kalter Entzug" ist lebensgefährlich

Neben der psychischen Belastung und Einsamkeit im Lockdown verweist Norbert Wittmann von der Mudra auch auf ganz praktische Probleme: Durch den Lockdown und strikte Ausgangsbeschränkungen werde es für Drogenabhängige immer schwerer, an ihre benötigten Suchtmittel zu gelangen. Das klinge erstmal gar nicht so schlecht, sei aber eine Milchmädchenrechnung, denn ein kalter Entzug sei für viele Konsumenten lebensgefährlich. Vorerkrankungen, schwaches Immunsystem - viele Drogenabhänge zählen zur Risikogruppe und seien solchen akuten Strapazen nicht gewachsen.

Riskante Konsumformen nehmen zu

Durch den Lockdown verknappe sich laut Norbert Wittmann das Angebot an Drogen auf dem Markt, was zu riskanterem Konsumverhalten führe. Die vergangenen Jahre wären die Konsumenten in Nürnberg relativ einfach zum Beispiel an Heroin gelangt, hätten die Droge deshalb oft "nur" geraucht. Werde die Beschaffung aber immer schwieriger, werde Heroin wieder vermehrt gespritzt, um eine effektivere Wirkung zu erzielen. Heroin mit der Nadel zu injizieren sei gefährlicher als die Droge zu rauchen.

Durch den Lockdown fehlten vielen Drogenabhängigen zudem die Einnahmequellen. Keine Leute auf den Straßen Nürnbergs bedeutet auch, kaum eine Möglichkeit, Geld zu "schnorren", das könnte die Beschaffungskriminalität fördern.

Suchthilfe für Staatsregierung zentrales Anliegen

Auf BR-Anfrage teilt das Bayerische Gesundheitsministerium mit: Trotz aller Belastungen derzeit bleibe auch die Suchthilfe während der Corona-Krise ein zentrales Anliegen des Ministeriums. In einem Schreiben heißt es: "Seit Beginn der Corona-Pandemie haben viele Dienste in der Suchtberatung ihre Angebote aufrecht erhalten, beispielsweise Telefon- oder Online-Beratung, Chat oder Videokontakte und auch Beratung bei Außenkontakten." Die Nachfrage nach Hilfsangeboten sei leider groß, konstatiert Mudra-Vorstand Norbert Wittmann, man werde alles versuchen, um niemanden im Stich zu lassen.

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