BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: dpa/pa, Gaetan Bally

Bis der Impfstoff verfügbar ist, müssen vor allem die Menschen geschützt werden, für die das Virus tödlich sein könnte - etwa in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Vor drei Wochen erließ die Bundesregierung eine Testverordnung.

7
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Lieferengpass bei Schnelltests in Bayern

Die bayerische Gesundheitsministerin setzt auf Schnelltests. Sie sollen in Altenheimen, Krankenhäusern und Arztpraxen Klarheit über eine Corona-Infektion bringen. Die Einrichtungen sollen die Tests selbst kaufen. Doch daran hakt es.

7
Per Mail sharen
Von
  • Claudia Grimmer

Es klingt nach einer Erfolgsbilanz: Das bayerische Gesundheitsministerium vermeldet, das insgesamt 10,5 Millionen der sogenannten Antigen-Schnelltests durch die Staatsregierung geordert wurden. Diese sind eigentlich als Reserve gedacht. Doch schon jetzt muss sie angebrochen werden, denn Test sind nur noch schwer auf dem Markt zu bekommen.

Das Gesundheitsministerium will bis Ende der Woche 625.000 an die Kreisverwaltungsämter in ganz Bayern ausgeben, denn die Krankenhäuser, Altenheime oder Arztpraxen bekommen keine Tests mehr. Es herrscht ein Lieferengpass.

Testverordnung auf dem Tisch, aber keine Test-Kits

Vor zwei Wochen erst hat die Bundesregierung die Umstellung der nationalen Teststrategie verkündet. Antigentests sollen dabei in Ergänzung zu den PCR-Tests massenweise genutzt werden, um Klinikpersonal, medizinische Fachangestellte oder Bewohner in Pflegeeinrichtungen und deren Besucher testen zu können.

Die Krankenhausapotheke des Nürnberger Klinikums bemüht sich seit Wochen Antigen-Schnelltests zu bekommen. Den Engpass hätte auch die Politik verursacht, die mit den Vorratsbestellungen, die durch den aktuellen Hype ausgelösten Lieferengpässe verschärft habe, so Dr. Annette Sattler, Leiterin der Apotheke des Klinikums Nürnberg.

"Renommierte Hersteller, die diese Schnelltests vertreiben, liefern nur Kleinstmengen über den Großhandel oder sind ausverkauft", so Sattler. "Ein Liefertermin für unsere Bestellung bei einem anderen Händler konnte uns nicht genannt werden. Bei einem weiteren Vertriebshändler wurde uns eine Lieferung zugesagt, aber der Termin dafür wieder verschoben."

Zudem äußert Sattler Bedenken, was die Sensitivität und damit die Treffsicherheit der Tests anbelangt. Ein negativer Antigentest bei jemandem, der sich vielleicht angesteckt haben könnte, dürfe ihrer Meinung nach nicht dazu verleiten, Hygieneregeln nicht mehr 100 Prozent ernst zu nehmen. "Mit diesen Schnelltests kann man nur Patienten mit einer relativ hohen Viruslast erkennen. Wir stehen am Anfang der Sensitivitätsuntersuchung dieser Tests."

Lieferengpass bei BfArM nicht angezeigt

In bayerischen Krankenhäusern werden die Schnelltest derzeit neben den PCR-Tests, die sich bereits seit längerer Zeit in Bayern etabliert haben, schrittweise eingeführt, berichtet die Bayerische Krankenhausgesellschaft.

Auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wurde eine Liste mit den zugelassenen Antigen-Tests (Schnelltests) veröffentlicht. "Diese Liste sagt aber zum Beispiel nichts über die tatsächliche Lieferfähigkeit der Antigen-Tests aus", so der BKG-Geschäftsführer Siegfried Hasenbein.

Gibt es einen Lieferengpass bei Medikamenten, so sollte er in der Regel auf der Seite des BfArMs gelistet sein. Meldungen über Lieferschwierigkeiten bei Schnelltests sind dort aber keine zu finden, denn sie werden von der Behörde nicht erfasst. Das BfArM listet lediglich zugelassene Schnelltests auf und prüft sie auf vom RKI festgelegte Mindestkriterien, so ein Sprecher der Behörde gegenüber dem BR. "Vor dem Hintergrund dieser Aufgaben des BfArM im Zusammenhang mit Medizinprodukten kann das BfArM keine Aussagen zu möglichen Lieferengpässen bei Medizinprodukten treffen."

Testverordnung des Bundes und des Landes

"Pflegeheime und Krankenhäuser können Antigen-Schnelltests großzügig nutzen, um Personal, Besucher sowie Patienten und Bewohner regelmäßig auf das Coronavirus zu testen. Das ist Ziel der Testverordnung, die am 15. Oktober 2020 in Kraft getreten ist", so steht es auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums.

Die Einrichtungen müssen Schnelltests verwenden, die auf der Liste des BfArMs stehen, nur dann werden die Kosten durch den Bund erstattet. Nach dieser Verordnung können die Testungen "für jeden Einzelfall einmal pro Woche wiederholt werden", heißt es dort weiter.

Einrichtungen müssen Testkonzept vorlegen

Bevor es jedoch so weit ist und die Tests verwendet werden können, müssen die Einrichtungen für ältere Menschen oder auch Reha-Kliniken ein Testkonzept erstellen und es bei ihrem zuständigen Gesundheitsamt einreichen - die sind aber jetzt schon durch die Nachverfolgung von Infektionsketten überfordert. Wird das Konzept dann genehmigt, werden die Schnelltests bezahlt. Die Kosten für solche Tests liegen mittlerweile bei bis zu zwölf Euro pro Einheit, denn auch hier haben sich die Preise angesichts der hohen Nachfrage erhöht.

Die TestV (Testverordnung des Bundes) sieht aber nur eine Kostenerstattung von sieben Euro pro Test vor. Den Differenzbetrag muss damit die Einrichtung selbst tragen. "Auf fünf Euro pro Test bleib ich sitzen", erklärt Kristine Lütke, Geschäftsführerin des Altenheims "bei St. Otto" in Lauf an der Pegnitz. "Wenn man sich das dann mal summiert, das ist natürlich eine Menge Geld, das sich im Monat dann ansammelt."

Schon jetzt wird die Reserve gebraucht

Das Testkonzept hat auch die Pflegeeinrichtung "bei St. Otto" in Lauf an der Pegnitz erstellt und beim Gesundheitsamt eingereicht. Darin ist vorgesehen, dass die 60 Bewohner und 50 Beschäftigten in der Pflege einmal pro Woche getestet werden sollen. Dazu kommen Schnelltests für externes Personal, das die Senioren regelmäßig betreut, wie Ergo- und Physiotherapeuten, Frisöre oder medizinische Fußpfleger. Hier hat die Leitung noch einmal 50 Testungen pro Monat eingeplant.

Weiterhin sollen auch Besucher der Senioren aus Sicherheitsgründen regelmäßig getestet werden. Insgesamt wurde durch die Einrichtung ein monatlicher Bedarf von rund 800 Tests errechnet. Das Altenheim in Lauf ist dabei eine eher kleine Einrichtung. "Üblicherweise ist es so, dass die Seniorenheime beispielsweise diese Tests selber beschaffen über die Apotheken", erklärt die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). "Das hat die letzten Wochen auch ganz gut funktioniert. Wenn ein Engpass eintritt, dann ist es so, dass auf die Tests vom Freistaat Bayern zurückgegriffen werden kann, wie es jetzt der Fall ist."

Tests innerhalb eines Monats aufgebraucht?

Nach Angaben des Landesamtes für Statistik gab es in Bayern im Jahr 2018 rund 1.360 Einrichtungen für ältere Menschen. Nimmt man nur die Anzahl der bayerischen Altenheime und veranschlagt dafür durchschnittlich nur 500 Tests pro Monat, dann sind die jetzt bereitgestellten 625.000 Schnelltests durch das bayerische Gesundheitsministerium in einem Monat aufgebraucht. Aber auch Krankenhäuser und andere Einrichtungen sowie Arztpraxen sollen testen.

Auch Kristine Lütke und ihre Mitarbeiter warten auf die Lieferung der bestellten Tests. Bereits Mitte Oktober hat sie eine erste Bestellung aufgegeben. Angekündigter Lieferzeitraum ist die dritte Novemberwoche. Bei einer weiteren Bestellung von Anfang November wird gar kein Lieferdatum mehr genannt.

Für Tests fehlt Personal und Zeit

Der Schnelltest darf nur von ausgebildetem Personal durchgeführt werden. Schulungen werden angeboten. Doch auch hier stellt sich die Frage - angesichts des Personalmangels und der Arbeitsverdichtung in den Einrichtungen, Krankenhäusern und Arztpraxen - wie diese regelmäßigen Tests bewältigen werden sollen. Gerade Pflegeeinrichtungen stellt das vor eine enorme Herausforderung.

"Laut Testverordnung müssen wir zur Umsetzung unseres Konzeptes Fachpersonal bereitstellen, auch im Dienstplan muss das erkennbar sein", so Lütke. "Rechne ich nur 20 Minuten pro Schnelltest, so brauche ich etwa 1,9 weitere Fachkräfte um die Teststrategie umzusetzen. Diese zu finden ist nahezu unmöglich." Hausärzte sollen die Tests in den Einrichtungen übernehmen, so der Vorschlag der Gesundheitsministerin.

Roche: Weltweite Nachfrage kaum zu decken

Alleine Roche, einer von vielen Herstellern der Schnelltests, will die Produktion verdoppeln. Aktuell plant das Schweizer Unternehmen monatlich 40 Millionen Einheiten des Antigen-Tests herzustellen. Doch das reiche nicht aus, um die weltweite Nachfrage zu decken, deshalb soll die Produktion des Pharmaunternehmens in den nächsten Monaten weiter massiv gesteigert werden.

Erst vor kurzem erklärte der Chef des Pharmakonzerns Roche gegenüber dem Handelsblatt, dass "Antigentests derzeit bei allen Herstellern ausverkauft" wären. Mittlerweile würde Roche "Zuteilungsstrategien" entwickeln, heißt es.

Schnelltest wird zum lukrativen Geschäft

Die deutschen Apotheken versuchen Rechtssicherheit zu erlangen, ob sie Probeentnahmesets zum Nachweis von Antikörpern auch an nichtmedizinisches Fachpersonal abgeben dürfen oder nicht. Der Antikörpertest ist eine weitere Form der Testung neben dem Schnelltest und der PCR-Analyse.

Die Drogeriemarktkette dm bietet solche Antikörpertests schon mal auf ihrer Website für jedermann an. Für rund 60 Euro ist das Test-Kit zu bekommen. Enthalten ist alles, was für eine Blutentnahme wichtig sei, einschließlich der Analyseleistung in einem Partner-Labor. Nach Angaben der Drogeriemarktkette liege ein Ergebnis zwölf bis 48 Stunden nach Probeneingang im Labor vor. Bestellt werden kann der Test nur online.

Welche Tests umfasst die Medizin-Abgabeverordnung?

Nach Rechtsauffassung des baden-württembergischen Sozialministeriums ist eine Abgabe nur an Fachpersonal zulässig. Ein Streitpunkt, denn das Bundesgesundheitsministerium hat beispielsweise die Abgabe von HIV-Selbsttests an Privatpersonen durch eine Änderung der Medizinprodukte-Abgabeverordnung zugelassen. Gleichzeitig ist auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums jedoch vermerkt: "Alle zurzeit auf dem Markt befindlichen Antigen-Schnelltests müssen von medizinischem Personal durchgeführt werden".

Doch der Kunde nimmt sich beim dm-Test lediglich selbst zu Hause Blut ab, analysiert wird die Probe im Labor. Die Streitfrage ist nun, ob die Medizin-Abgabeverordnung demnach auch solche Tests umfasst. In Österreich wird von dm auch ein Gurgeltest für zuhause vertrieben, der ebenfalls in einem Partner-Labor analysiert wird. Das ist dort zulässig. In Deutschland sollen sich mit der Klärung jetzt die Juristen befassen.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!