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Lieferengpässe bei Arzneimitteln: Politik will Notfallapotheke | BR24

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Die Zahl der Lieferengpässe bei Arzneimitteln hat sich 2019 verdoppelt. Die Corona-Epidemie könnte die Situation noch verschärfen. Die Politik will Lehren daraus ziehen. "So kann es nicht mehr bleiben", sagt Bayerns Ministerpräsident Söder.

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Lieferengpässe bei Arzneimitteln: Politik will Notfallapotheke

Die Zahl der Lieferengpässe bei Arzneimitteln hat sich 2019 verdoppelt. Die Corona-Pandemie droht die Situation zu verschärfen. Die Politik kündigt Konsequenzen an. "So kann es nicht mehr bleiben“, sagt Bayerns Ministerpräsident Söder.

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Von
  • Nikolaus Nützel
  • Carola Brand

Wenn der Vorsitzende des Bayerischen Apothekerverbandes, Hans-Peter Hubmann, durchgeht, wo es derzeit Lieferengpässe für Arzneien gibt, kann er viele Bereiche aufzählen.

„Das geht von Antibiotika über Antidepressiva zu Bluthochdruckmitteln, zu Herzmitteln, zu Krebsmitteln. Also da haben wir wirklich alles, was man sich vorstellen kann.“ Hans-Peter Hubmann, Bayerischer Apothekerverband

Für 295 Medikamente sind derzeit (Stand 17.3.) beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Lieferengpässe gemeldet.

Corona-Krise könnte Lage auf Arzneimittelmarkt verschärfen

Die Zahl der betroffenen Packungen summierte sich nach Berechnungen des Apotheker-Dachverbandes ABDA vergangenes Jahr auf 18 Millionen – das ist eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr.

Die Lage könnte sich durch die Corona-Epidemie noch verschärfen, befürchten Fachleute wie der Chef des Bayerischen Apothekerverbands, Hans-Peter Hubmann, obwohl es derzeit noch keine starke Zunahme der Probleme durch die Krise gebe.

Wirkstoffproduktion: Große Abhängigkeit von China

Ein großer Teil der Arzneiwirkstoffe, die Patienten auf der ganzen Welt einnehmen oder gespritzt bekommen, stammt inzwischen aus China. Bei Arzneien mit Patentschutz nutzt die Pharmaindustrie ihre jeweiligen Monopole oft, um ausgesprochen hohe Preise zu verlangen – bei den Wirkstoffen, bei denen der Patentschutz abgelaufen ist, herrscht hingegen ein scharfer Preiswettbewerb, bei dem China damit punkten kann, dass dort die Produktion sehr billig ist.

Wie sehr nun aber die Probleme durch die Corona-Pandemie auch auf die chinesische Pharmaindustrie - und in der Folge auf die Arzneiversorgung weltweit - durchschlagen, lässt sich nach Ansicht von Morris Hosseini noch nicht abschätzen, er ist Seniorpartner bei der Beratungsgesellschaft Roland Berger und beobachtet den internationalen Arzneimittel-Markt.

„Das kann Monate dauern. Wir können noch nicht sagen, wann das ist, und ob es ist, aber nur, weil wir jetzt noch keinen Versorgungsengpass haben, ist das kein Indiz dafür, dass wir ihn auch nicht haben werden.“ Morris Hosseini, Beratungsgesellschaft Roland Berger

Aber nicht nur mögliche Beeinträchtigungen der Produktion in China oder Indien durch die Coronakrise verschärfen Arznei-Lieferengpässe in Deutschland.

Hohe Nachfrage: Wichtiger Impfstoff wird knapp

Vergangene Woche wurde bekannt, dass Impfstoffe gegen Pneumokokken knapp geworden sind. Das sind Bakterien, die schwere Lungenentzündungen auslösen können. Gerade älteren Patienten wird seit Ausbruch der Corona-Pandemie von Ärzten empfohlen, sich gegen Pneumokokken impfen zu lassen – weil diese Bakterien eine mögliche Corona-Infektion zusätzlich verschlimmern können.

Doch die hohe Nachfrage hat die Produktionsplanung des Impfstoffherstellers überrollt und für leere Regale gesorgt, berichtet der Vorsitzende des Bayerischen Apothekerverbandes, Hans-Peter Hubmann.

„Deswegen haben wir jetzt den tatsächlichen Engpass und es ist am Markt überhaupt nichts zu erhalten. Also da ist derzeit nichts, da ist einfach Ebbe.“ Hans-Peter Hubmann, Bayerischer Apothekerverband

Ärzte müssen Priorisieren: Welcher Patient wird versorgt?

Wenn Menschen in Deutschland eine potenziell lebensrettende Impfung nicht mehr bekommen können, erreichen die Lieferengpässe bei Arzneien und Impfstoffen eine neue Qualität.

Das führe dazu, dass Ärzte vor Entscheidungen stehen, die sie in Deutschland in den vergangenen Jahren selten treffen mussten: Die Entscheidung, wer einen Impfstoff oder ein Medikament bekommt, weil nicht genug für alle da ist.

Politik will Lehren aus der Krise ziehen

Auch die Politik ist besorgt. Bundesgesundheitsminister Spahn und der bayerische Ministerpräsident Söder sagten am Dienstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in München, man müsse Lehren aus der Corona-Krise ziehen und darüber nachdenken, Produktionskapazitäten auch im eigenen Land vorzuhalten.

„Was wir alle spüren in diesen Tagen und Wochen ist, dass wir nicht in diesem Umfang gerade bei solchen sensiblen Produkten, Arzneimitteln, auch Masken, abhängig sein sollten, auch in den Lieferketten vor allem einem großen Land, nämlich China. Und das ist, denke ich, die Lehre aus diesen Wochen, auch dort die Abhängigkeit zu reduzieren für Europa.“ Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ergänzte, man brauche künftig eine Notfallapotheke im Land und eine Infrastruktur, die das, was gebraucht wird, herstellen kann, wenn es ernst wird. „So kann es nicht mehr bleiben“, stellte Söder fest.

Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml hat bereits angekündigt, sie wolle sich gemeinsam mit der Bundesregierung dafür stark machen, dass europäische Pharma-Standorte von den Krankenkassen bevorzugt werden sollten gegenüber ausländischen Produzenten, die keine europäischen Sozial- und Umweltstandards einhalten.

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Die Zahl der Lieferengpässe bei Arzneimitteln hat sich 2019 verdoppelt. Die Corona-Pandemie droht die Situation zu verschärfen. Die Politik kündigt Konsequenzen an. "So kann es nicht mehr bleiben", sagt Bayerns Ministerpräsident Söder.