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Lernen am Limit: Corona, die Schule und ich | BR24

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Von heute auf morgen hieß es Mitte März: Schule findet jetzt zu Hause statt. Das sogenannte Homeschooling war für alle Beteiligten eine Herausforderung. Wir haben Schülerinnen und Schüler gefragt, wie sie die Zeit erlebt haben.

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  • Artikel mit Video-Inhalten

Lernen am Limit: Corona, die Schule und ich

Noch knapp eine Woche, dann sind Sommerferien. Ein verrücktes Corona-Schulhalbjahr geht zu Ende. Eltern, Schüler und Lehrer wurden in der Krise oft nicht gehört. Der BR gibt ihnen eine Stimme. Corona und Schule: Wie war's, wie geht es weiter?

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Von
  • Katrin Bohlmann

Der Rücklauf ist zwar nicht repräsentativ, aber enorm: Mehr als tausend Lehrkräfte, Eltern, Schüler und Schülerinnen haben sich innerhalb weniger Tage per Video, Facebook-Post und Online-Kommentar auf unseren Aufruf gemeldet und über ihre Erfahrungen gesprochen.

Kein Unterricht an Schulen, geschlossene Nachmittagsbetreuungen und Kitas: Am 16. März hat Bayern die Maßnahmen gegen die Coronavirus-Ausbreitung verschärft und vorerst dichtgemacht. Erst seit dem Ende der Osterferien dürfen Schülerinnen und Schüler wieder schrittweise zurück in den Unterricht. Homeschooling beschäftigt Schüler, Lehrer und Eltern - eine Belastung für alle. In der letzten Woche dieses besonderen Schulhalbjahres fragen sich viele, wie es nach den Sommerferien weitergeht.

Die Erfahrungen, Sorgen und Wünsche von Schülern, Eltern und Lehrern stehen im Mittelpunkt des dreitägigen BR-Themenschwerpunkts "Lernen am Limit: Corona, die Schule und ich!" von Montag, 20. Juli, bis Mittwoch, 22. Juli 2020, im Bayerischen Rundfunk.

Normalität. Unterricht haben wie zu Zeiten vor Corona. Einfach zur Schule gehen ohne Maskenpflicht, Abstand halten und andere Hygieneregeln. Das ist der Wunsch, der am häufigsten von den Kindern und Jugendlichen genannt wurde, die sich beim BR via Handyvideo, Facebook und BR24 gemeldet haben.

Auch wenn wieder Unterricht mit Einschränkungen stattfindet, haben die meisten Schülerinnen und Schüler das Lernen zu Hause satt. Ihnen fehlt die Gemeinschaft, die Struktur der Schulalltags. "Schule ist doof!" - das war einmal. Seit der Coronakrise wissen viele den normalen Präsenzunterricht mehr zu schätzen.

Schülern vermissen Schulalltag: "Mir fehlt die alte Welt!"

Das größte Problem von Gymnasialschülerin Adina (17) beim Homeschooling war, sich zu motivieren: "Nur Schule kann eine feste Struktur und räumliche Trennung zwischen Schule, Arbeit und Privatleben bieten."

Der 14-jährige Jonathan aus München stellt nach dem monatelangen Unterricht per Online-Plattform Mebis fest: "Videokonferenzen sind kein Ersatz für Schule." Und Antonia hat erkannt: "Schule bedeutet Zusammensein."

Die elfjährige Anna-Sophie aus München sagt: "Mir fehlt die Normalität." Ähnlich drückt es Grundschülerin Mathilda aus: "Mir fehlt die alte Welt!"

Lehrer vermissen Präsenzunterricht: "Schule ist menschliche Nähe."

Vergleichbar geht es den bayerischen Lehrerinnen und Lehrern, die sich gemeldet haben. Auch sie haben offenbar unter den coronabedingten Zuständen gelitten. Die einen kamen mit den technischen Anforderungen nicht klar, andere haben ihre Schüler und den ganz normalen Schulalltag vermisst.

Das größte Problem an der Situation sei, dass Schule nicht digital abgebildet werden könne, kritisiert Benedikt Karl, Gymnasiallehrer aus Memmingen. Denn zur Schule gehöre so viel mehr, sagt er.

"Schule ist Kommunikation, Beziehung. Schule ist menschliche Nähe, aber auch Lernen in der Gruppe. Schule ist Austausch mit den anderen Lehrern, mit den Eltern und den Schülern. Der funktioniert auch mal ganz informell, also über kurze Gespräche, manchmal nur über Blicke oder ein Lächeln." Benedikt Karl, Gymnasiallehrer aus Memmingen

Kritik am Kultusministerium: "Wie lange nutzen Sie uns noch aus?"

Auffällig: Insgesamt sind nur sehr wenige Lehrerinnen und Lehrer dem BR-Aufruf gefolgt, sich zu melden. Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, dass sie Angst hätten, sich öffentlich zu den Missständen an Bayerns Schulen zu äußern.

Grund- und Mittelschullehrerin Martina aus Freising macht sich Luft und schreibt auf BR24 an Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (FW) gerichtet: "Wie lange bestrafen Sie unser Engagement noch mit mehr Stunden, weniger Gehalt, Zusatzbelastungen, zusätzlicher Ferienarbeit, fehlender Wertschätzung und ohne Nachwuchs?! Nur weil Sie wissen: Wir nehmen auch noch die letzte Kraft, weil uns unsere Schüler so enorm wichtig sind. Wir lange nutzen Sie uns noch aus?"

Eltern sind sauer

Genervt und verärgert reagieren auch Eltern. Sie fühlen sich überfordert und im Homeschooling allein gelassen.

"Die Untätigkeit des Kultusministeriums macht mich sprachlos. Es gibt scheinbar keinerlei Standards oder Vorgaben. Seit Mitte März vollbringen berufstätige Eltern einen Spagat zwischen arbeiten und beschulen. Der Feierabend wird weit in die Nacht verlagert, um Urlaubstage auch für Herbst- und Weihnachtsferien und weitere Schulschließungen zu sparen." Katrin, Mutter aus Lauf

Außerdem sorgen sich die Eltern, dass ihre Kinder schulisch den Anschluss verpassen. Mutter Sonja aus Bad Kissingen befürchtet: "Unsere Kinder sind die ganz großen Verlierer dieser Pandemie."

Wie geht es nach den Sommerferien weiter?

Viele Eltern fragen sich, wie der Schulbetrieb ab September ablaufen soll. Inwieweit besteht Maskenpflicht für die Kinder? Dazu gibt es viele emotionale Kommentare bei Facebook.

"Mein Sohn geht in die 2. Klasse der St. Hedwig Grundschule Sulzfeld. Unsere Kids müssen im Freien Maske tragen! Nicht nur in den Pausen, sondern auf dem Weg zur Schule: beladen mit ihrer vollen Büchertasche, bei schwülen Sommertemperaturen, ca. 1 km bergauf! Das würde man keinem Erwachsenen zumuten. Was sind denn das für Zustände? Feiern mit 200 Personen im Freien ohne Maske ist erlaubt. Sollten nicht die gleichen Regeln für unsere Kinder gelten?" Cornelia, Mutter aus Sulzfeld

Elisabeth aus Bamberg fragt, wie die Klassenzimmer im Herbst und Winter durchlüftet werden sollen. "Wie sollen sich Schüler und Personal dann vor den Viren in Form von Aerolsolen schützen?" Da die Pandemie noch länger anhalten könnte, wundere sich sich außerdem, dass die Zeit bis zum Wiederbeginn der Schule nicht aktiv genutzt wird, um Probleme wie dieses anzugehen und Vorbereitungen zu treffen.

Schüler sorgen sich um schulische Zukunft und vor Corona-Ansteckung

Die Schüler selbst sorgen sich vor allem um ihre schulische und berufliche Zukunft. So merkt Schülerin Adina Rath, dass sie durch Homeschooling Lücken im Stoff hat. Auch der 14-jährige Jonathan findet es "dumm", sagt er, dass so viel Lernstoff verloren gegangen ist.

Andere Kinder und Jugendliche haben vor allem Angst vor einer zweiten Coronawelle. So sagt Schülerin Mela: "Meine größte Angst ist, dass es wieder einen Coronafall an der Schule gibt und die Schule deswegen wieder geschlossen wird." Die kleine Mathilda hat Angst, sich anzustecken, wenn sie mit einem Freund spielt. Anna-Sophie wiederum ist darüber besorgt, dass so viele Menschen auf der Welt am Coronavirus sterben.

Fazit: Egal ob Eltern, SchülerInnen oder Lehrkräfte: Alle kritisieren die noch immer mangelhafte technische Ausstattung vieler Schulen in Bayern und fordern, die Digitalisierung zügig voranzutreiben. Und sie erwarten klare und verbindliche Informationen von Bayerns Kultusminister Piazolo, wie es im nächsten Schuljahr weitergehen soll.

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