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Lehrermangel an Grundschulen: "Die Leidtragenden sind Kinder" | BR24

© dpa/Armin Weigel

Leere Stühle in einem Klassenzimmer einer Grundschule.

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    Lehrermangel an Grundschulen: "Die Leidtragenden sind Kinder"

    Die Situation an Bayerns Grundschulen ist alarmierend. Im nächsten Schuljahr fehlen laut Kultusministerium 1.400 Lehrkräfte. Um das abzufangen, müssen Lehrer bald mehr unterrichten. Die "rote Linie" sei überschritten, so Verbände und Gewerkschaften.

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    Wenn Eva-Maria Wimmer morgens vor acht Uhr die Freisinger Paul-Gerhard-Schule betritt, dann hat sie oft ein mulmiges Gefühl. Nicht, weil die Kinder zu anstrengend wären - sondern weil ihr der bange Blick ins Lehrerzimmer bevorsteht. Denn: Ist nur eine Lehrkraft krank, dann dreht sich das Personalkarussell. Können alle Stunden gehalten werden? Müssen sie Klassen zusammenlegen? Die Arbeitsbelastung macht den Lehrern sowieso schon zu schaffen:

    "Wir haben sehr viele Proben, Korrekturarbeiten, Vorbereiten der Stunden, Nachbereitung der Stunden, Konzipierung von individuellem Material und so weiter und so fort. Und ich würde schon sagen, da ist noch lange nicht alles dabei." Eva-Maria Wimmer, Lehrerin

    Personalknappheit an Bayerns Grund- und Mittelschulen

    Kein Einzelfall. An Bayerns Grund- und Mittelschulen herrscht landesweit Personalknappheit und es wird immer enger. Oder, wie es Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (FW) Anfang Januar ausdrückte: "In den nächsten Jahren steigt auch in Bayern der Lehrerbedarf an Grund-und Mittelschulen sichtbar weiter. Dies führt dazu, dass die vorhandenen Bewerberinnen und Bewerber in den kommenden Jahren nicht mehr ausreichen, um die Personalbedarfe an den Grund- und Mittelschulen zu decken." Das bedeutet: Der aktuelle Personalmangel wird sich noch verschärfen.

    Kultusminister Piazolo bittet um Verständnis

    Um dem beizukommen, hatte sich das Kulturministerium "Maßnahmen zur Sicherung der Unterrichtsversorgung" ausgedacht, die am 7. Januar dieses Jahres veröffentlicht wurden, und die für landesweiten Unmut in der Lehrerschaft sorgen. Vier Punkte umfasst das Programm im Wesentlichen.

    1. An Grundschulen werden Arbeitszeitkonten eingeführt. Grund: Die wöchentliche Arbeitszeit wird vorübergehend um eine Stunde von 28 auf 29 erhöht. Diese zusätzliche Unterrichtsstunde wird angespart und soll später wieder ausgeglichen werden.
    2. Bei Teilzeitarbeit müssen mindestens 24 Wochenstunden gearbeitet werden.
    3. In der Regel können Lehrer ab dem Schuljahr 2020/21 nicht mehr vor dem 65. Lebensjahr in Rente gehen.
    4. Ab dann werden auch keine "Sabbatjahre" mehr genehmigt. Bereits ausgestellte Genehmigungen bleiben bestehen.

    Michael Piazolo betont, dass diese Maßnahmen nur "vorübergehend" seien. Wie lange dies sein mag, weiß er auch nicht, geht aber davon aus, "dass der Lehrerbedarf in der Grundschule 2027 deutlich entspannter sein wird." Eine Berechnung, die mancher Schulleiter als "arg optimistisch" bezeichnet. Zudem: Sieben Jahre als "vorübergehend" zu bezeichnen sei "Schönfärberei."

    Der Lehrermangel kam nicht überraschend

    Die klamme Situation an den Grund- und Mittelschulen kommt nicht von gestern auf heute. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnen-Verband (BLLV) hat ausgerechnet, dass es in Bayern bis 2025 rund 77.000 Grundschüler mehr geben werde als heute. Somit bräuchte man gut 4.500 Vollzeitstellen zusätzlich. In der Koalitionsvereinbarung von CSU und FW werden bis 2023 zwar 5.000 Stellen mehr ausgewiesen, doch bis die Lehrkräfte alle in den Schulen ankommen, kann es noch dauern.

    Besonders an den Grund- und Mittelschulen ist die Lage brisant. Es sind nicht allein die steigenden Schülerzahlen - der Beruf wird immer unattraktiver. Besonders im Vergleich zu den Kollegen an Gymnasien. Die werden wesentlich besser bezahlt. Statt bis zur Pensionierung in der Gehaltsgruppe A12 zu verharren, steigen diese von A13 bis A16 (Schuldirektor) auf.

    Gewerkschaften und Lehrkräfte kündigen Proteste an

    "Die Hütte brennt", sagt Simone Fleischmann, Vorsitzende des BLLV. Sie ist genervt: "Wenn jemand sagt, wir Lehrer wollen einfach nicht arbeiten. Das ist purer Unsinn." Ihrer Ansicht nach fehle aber "seit Jahren die Wertschätzung" für Lehrer, ständig hätten sie in den vergangenen Jahren immer mehr Aufgaben "on top" bekommen, also zusätzlich übernehmen müssen.

    Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) protestiert: "So geht man mit seinen Beschäftigten nicht um, auch nicht in Zeiten der akuten Gefährdung des Schulbetriebs. Die Lehrkräfte an den Schulen sind nicht mehr in der Lage, noch weitere Belastungen zu tragen. Sie benötigen dringend Arbeitsentlastung und keine Arbeitsverdichtung."

    Steigende Arbeitsbelastung für Lehrerinnen und Lehrer

    Eine zusätzliche Stunde mache nämlich mehr aus als nur 45 Minuten pro Woche länger vor der Klasse zu stehen, sagt die Grundschullehrerin Sonja Kafko: "Bei mir wäre das schon heftig, denn jede Unterrichtstunde pro Woche mehr bedeutet: mehr Korrektur, mehr Vorbereitung, selbstverständlich mindestens eine Stunde pro Nachmittag Mehrarbeit und meistens reicht das auch gar nicht."

    "Die Leidtragenden sind die Kinder, weil ich dann nicht mehr so viel Zeit habe und auch die Kraft dann nicht mehr habe, dass ich den Unterricht aufwändig und mit viel Material anschaulich vorbereite." Sabine Kirnberger, Freisinger Grundschullehrerin

    Der Protest der Lehrer wird sich noch ausweiten. Für den 7. Februar hat der BLLV zum "Aktionstag Lehrermangel: So nicht!" aufgerufen. Auch eine Demonstration ist geplant.

    Das alles und noch viel mehr ist auch Thema bei "jetzt red i", am Mittwoch 22. Januar um 20.15 Uhr live im BR Fernsehen.

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