Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

Legasthenie - wenn Lesen zur Last wird | BR24

© BR / Caroline von Eichhorn

Robert (9 Jahre) bei der Lerntherapie.

3
Per Mail sharen
Teilen

    Legasthenie - wenn Lesen zur Last wird

    In jeder Grundschulklasse sitzen im Schnitt ein bis drei Schüler mit Lese- und Rechtschreibstörungen. Für sie wird der Unterricht oft zum Albtraum. Doch wenn die Eltern etwas dagegen tun wollen, drehen sie sich bei der Suche nach Therapien im Kreis.

    3
    Per Mail sharen
    Teilen

    Früher haben die Geschwister Astrid (10) und Robert (9) gern vorm Einschlafen vorgelesen bekommen, aber heute wählen sie lieber den Fernseher. Selbst lesen? Nein, danke. Zu viel Negatives assoziieren sie damit. Die Geschwister haben beide eine Lese- und Rechtschreibstörung (LRS), auch genannt: Legasthenie.

    Bei Astrid ist das Lesen das größere Problem. Texte verstehen fällt ihr nicht leicht. Lesen geht nur ganz langsam, mit Fehlern. Ihrem Bruder fällt die Rechtschreibung enorm schwer: Er verwechselt D und T, G und K, kommt mit Wort-Endungen nicht klar. Die Diagnose war für beide schwer zu verkraften, die Schule wurde zum Kraftakt, mit Bauchweh und Weinen an den Abenden. "Ich komme einfach nicht hinterher, ich brauche zu lange”, sagt Robert. Astrid sagt eigentlich fast gar nichts mehr.

    Therapiemöglichkeiten eine Frage der sozialen Gerechtigkeit

    Für die Tochter bekommt die Familie eine Lerntherapie vom Jugendamt bezahlt, für den Sohn nicht. Dabei leide Robert genauso unter der Diagnose, sagt Mutter Anja. "Wir zahlen momentan die Therapie selbst, aber es gibt viele Familien, die sich das nicht leisten können, da bleiben die Kinder auf der Strecke. Es ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit."

    © BR / Caroline von Eichhorn

    Astrid, Robert und ihre Mutter Anja

    Das Landesjugendamt erklärt, dass bei Legasthenie erst einmal das Elternhaus, die Schulen und Krankenkassen am Zug seien. In den bayerischen Schulen gibt es zudem einen Nachteilsausgleich und Notenschutz: Vorlesen und Rechtschreibung werden bei Legasthenikern anders oder nicht bewertet.

    Doch selten leisten Schulen darüber hinaus konkrete Hilfen, um die Störung zu verbessern. Auch wenn in Grundschulklassen meist zwischen einem und drei Legastheniker sitzen, sind viele Lehrer nicht dafür geschult. "Die Schulen versagen", sagt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). "Fast die Hälfte der Fälle, die bei mir landen, sind LRS-Fälle", sagt eine Münchner Grundschulpsychologin.

    Und die Krankenkassen? Deren Vertreter sagen: Lerntherapie sei eine pädagogische Maßnahme und damit Aufgabe von Schule und Jugendamt. Letztes Mittel bleibt meist nur die Rehabilitationshilfe der Jugendämter - und um diese müssen Eltern kämpfen.

    Jugendamt zahlt nur bei psychischer Auffälligkeit

    Denn das Jugendamt zahlt nur, wenn die Kinder psychisch auffällig sind und die gesellschaftliche Teilhabe bedroht ist (Paragraph 35A Eingliederungshilfe der Kinder- und Jugendhilfe), was bei Robert laut Jugendamt nicht der Fall war.

    Für diese Eingliederungshilfe würden die Jugendämter übrigens immer mehr Geld ausgeben, sagt Harald Britze, der stellvertretende Leiter des Landesjugendamtes. Wenn es tatsächlich einen therapeutisch notwendigen Bedarf gibt, hat jedes Kind einen Rechtsanspruch, betont er. "Dass wir aber auch oft einen überzogenen Leistungsanspruch bei Eltern erleben, das berichten uns die Jugendämter vor Ort. Dass sich Eltern über so einen Weg für ihre Kinder Unterstützung zukommen lassen, das kann‘s nicht sein." Annette Höinghaus vom BVL räumt ein: "Eigentlich wird der Paragraph in der Praxis etwas verbogen."

    So drehen sich die Eltern im Kreis, wenn sie nach Unterstützung für ihre Kinder suchen. Die Online-Foren sind voller verzweifelter Hilferufe. Lerntherapeutin Barbara Steinl erlebt, dass es den Betroffenen schon sehr schlecht geht, wenn sie endlich eine Therapie bekommen.

    "Die Kinder kommen meistens mit Mehrfachdiagnosen zu mir. Sie haben Legasthenie, Dyskalkulie, ADS, ADHS, Angststörungen, psychosomatische Störungen, depressive Episoden und so weiter."

    Kostenübernahme regional sehr unterschiedlich

    Wird das Bildungssystem Schülern mit LRS gerecht? Nein, findet Barbara Steinl. Die Situation verschlechtert sich sogar, so erlebt sie es. "Es werden immer seltener Lerntherapien vom Jugendamt bewilligt, und wenn, dann weniger Stunden." Ungerecht finden viele, dass die Kostenübernahme regional sehr unterschiedlich ist. In Großstädten, so kursiert es in Eltern- und Therapeutenkreisen, wird weniger genehmigt als auf dem Land, jedes Bundesland hat seine eigenen Regelungen.

    "Die Kinder haben eine sehr schwache Lobby. Mit was wollen sie gegen die Politik vorgehen? Man fühlt sich sehr oft als Bittsteller. Es ist frustrierend und traurig." Mutter Chrissi Rösch

    Egal wer letztlich bezahlt - Lerntherapeuten, Verbände und Eltern fordern seit mittlerweile fast drei Jahrzehnten, dass alle Schüler mit LRS frühzeitig eine Lerntherapie bekommen. "Wenn ein Kind stottert oder lispelt, bekommt es auch eine Therapie finanziert. Beim Kind mit Legasthenie muss es erst gehänselt werden oder gemobbt, bevor ihm jemand hilft", sagt Lerntherapeutin Barbara Steinl.

    © BR / Caroline von Eichhorn

    Lerntherapeutin Barbara Steinl.

    Ursachen noch unbekannt

    Woher die Lese- und Rechtschreibstörungen kommen, weiß man bis heute nicht genau, auch wenn weltweit Forscher seit Jahrzehnten daran arbeiten. Klar ist mittlerweile, dass es nicht die eine Legasthenie gibt, sondern unterschiedliche Varianten, und dass es auf einer Störung in den fürs Lesen und Schreiben zuständigen Hirnarealen basiert.

    Bekannt ist: LRS trifft zwischen acht und 13 Prozent der Bevölkerung und hat nichts mit der allgemeinen Intelligenz zu tun - auch Hochbegabte können an Lese-Rechtschreib-Schwäche leiden. Sie tritt familiär gehäuft auf, die Chance, dass sie vererbt wird, liege bei 50 Prozent, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Gerd Schulte-Körne.

    Therapie möglichst frühzeitig

    Was kann man daraus ableiten für konkrete Therapien? Es zeigt sich, so Schulte-Körne, dass vor allem einfache Buchstaben- und Lautübungen zum Erfolg führen – und möglichst frühzeitiges, regelmäßiges und langfristiges Training. "Viele moderne Schulbücher arbeiten mit Wortbildern, doch die können Legastheniker schwer abspeichern", sagt Annette Höinghaus vom BVL. Hilfreich sei statt der "Lesen durch Schreiben"-Methode der klassische Fibel-Ansatz, bei dem Buchstaben und Wörter schrittweise und nach festen Vorgaben eingeführt werden. Schüler, Lehrer und Eltern sind gefragt, dabei zu bleiben und nicht zu resignieren. "Motivation ist extrem wichtig", sagt Schulte-Körne. Sonst landen die Kinder womöglich im funktionalen Anaphabetismus.

    LRS komplett abzulegen, ist die Ausnahme, aber trotzdem gehen viele Menschen einen erfolgreichen Lebensweg. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ist Legastheniker, angeblich auch die Krimi-Autorin Agatha Christie sowie der Physiker Albert Einstein.

    Bei den Geschwistern Astrid und Robert sind es Sprachspiele auf dem Laptop, die sie motivieren. Dort üben sie viel lieber als mit einem Buch in der Hand. Einigen anderen helfen Hörbücher. Sie erweitern damit ihren Wortschatz, lernen Literatur kennen und erfahren, dass Sprache etwas sehr Positives sein kann.

    Sendung

    Rundschau Magazin

    Von
    • Caroline von Eichhorn
    Schlagwörter