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Der Gang ins Seniorenheim war für viele Menschen noch nie leicht Seit Beginn der Corona-Pandemie ist er aber ganz offensichtlich noch schwerer geworden: Aktuell sind in vielen Heimen deutlich mehr Plätze frei, als vor Corona. Woran liegt das?

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Leere Zimmer und Betten: Was ist los in Altenheimen?

In den Landkreisen Tirschenreuth und Wunsiedel sind im Moment ungewöhnlich viele Seniorenheim-Plätze frei. Zahlen der Pflegekassen zeigen: Diese Entwicklung gibt es in ganz Bayern. Woran liegt das und welche Folgen hat der Leerstand?

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Von
  • Christoph Röder
  • BR24 Redaktion

Wer im Landkreis Tirschenreuth vor der Corona-Pandemie für sich selbst oder einen Angehörigen einen Platz in einem Pflegeheim suchte, wurde oft vertröstet. Mit hoher Wahrscheinlichkeit musste er mehrere Häuser durchtelefonieren, bis er ein freies Bett fand - nicht selten war es sogar nötig, den Suchradius auszuweiten. Seit einiger Zeit hat sich das geändert.

Alle vier Häuser des örtlichen Kreisverbands des Roten Kreuzes könnten aktuell neue Patienten aufnehmen. Im Nachbarlandkreis Wunsiedel sieht es nicht anders aus: Auch hier gibt es signifikant mehr freie Betten in den Heimen, als das üblicherweise der Fall ist.

Mehr Pflegebedürftige, aber weniger vollstationär Gepflegte

Zahlen der AOK Bayern, der größten gesetzlichen Kranken- und Pflegekasse im Freistaat, zeigen, dass das Phänomen kein lokales in Tirschenreuth und Wunsiedel ist. Zwischen Juli 2020 und Juli 2021 ist dort die Zahl der Leistungsempfänger in der Pflege um gut 11.400 angestiegen (von 237.141 auf 248.554), also knapp fünf Prozent. Die Zahl der vollstationären Pflegefälle ist aber im gleichen Zeitraum um ziemlich genau 2.000 gesunken (von 48.673 auf 46.686).

Übersterblichkeit kann nicht die einzige Ursache sein

Für diese Entwicklung sehen Pflegeanbieter mehrere Gründe. Zur Wahrheit gehört zunächst, dass die Pandemie eine deutlich erhöhte Sterblichkeit in Deutschlands Pflegeheimen zur Folge hatte - dahingehend waren die Zahlen des Pflege-Reports 2021 eindeutig. Auch außerhalb der Heime gehört die große Mehrheit der Covid-19-Todesfälle zur Altersklasse der über 65-Jährigen und damit zu denjenigen, die im vergangenen Jahr möglicherweise in ein Pflegeheim umgezogen wären. Das allein kann die freien Betten aber nicht erklären, weil die Zahl der pflegebedürftigen Menschen während der Pandemie trotzdem zugenommen hat, wie die AOK-Bayern-Statistik zeigt.

Wenig Angst vor Covid-19, viel Angst vor neuem Lockdown

Durch das Fortschreiten der Impfkampagne haben die Bewohner eher weniger Angst vor einer Infektion, sagt Sven Lehner, stellvertretender Kreisgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes in Tirschenreuth, als vor einem möglichen neuen Lockdown. Auch die Bewohner selbst bestätigen das: Möglicherweise nicht mehr uneingeschränkt von ihren Verwandten besucht werden zu können, das ist eine ihrer größten Sorgen. Eine Angst, die auch zum Teil mögliche neue Heimbewohner abschreckt, auch wenn sich die Gefahr einer weitreichenden Besuchssperre wie zu Beginn der Pandemie durch die 3G-Regeln in Grenzen halten dürfte.

Deutlicher mehr Anfragen bei ambulanten Pflegediensten

Die Konsequenzen der Entwicklung spüren die ambulanten Pflegedienste schon seit einigen Monaten. Alle, die für diese Recherche angefragt wurden, geben an, dass die Anfragen an sie deutlich zugenommen haben. Beratungsstellen wie LEBENplus in Tirschenreuth nehmen das ebenso wahr: Die Menschen scheinen noch mehr als zuvor nach Lösungen zu suchen, um die Pflege in den eigenen vier Wänden zu realisieren. Auch die vermehrte Arbeit im Homeoffice macht es offenbar mehr Menschen möglich, in Zusammenarbeit mit einem Pflegedienst selbst die Betreuung von Angehörigen zu übernehmen. Die Zahlen der AOK Bayern bestätigen auch das: Der Anteil der Pflegebedürftigen in vollstationärer Pflege ist zwischen dem Juli 2020 und Juli 2021 von 20,52 Prozent auf 18,78 Prozent gesunken.

Mögliche negative Konsequenz: Ein Preiskampf

Eine negative Folge dieser Entwicklung könnte ein Preiskampf auf dem Pflegeheim-Markt sein. Das befürchten vor allem Träger, die eher im hochpreisigen Segment zu finden sind. Der Grund für die höheren Preise sind dort häufig Tarifverträge und ein guter Personalschlüssel. Wenn es wieder die Möglichkeit gibt, könnten sich viele Menschen eher für günstigere Einrichtungen entscheiden, befürchtet zum Beispiel das BRK in Tirschenreuth. Das könnte dazu führen, dass dieser Preiskampf auch auf dem Rücken der Pflegekräfte ausgetragen wird – eine Entwicklung, die nicht gut sein kann, wenn dieser Beruf angesichts des Pflegenotstandes doch eigentlich wieder attraktiver gemacht werden soll.

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