Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

Lebensmittelverschwendung: Nur die äußeren Werte zählen | BR24

© BR

Fließbänder im Kartoffelpackbetrieb Agropa

Per Mail sharen

    Lebensmittelverschwendung: Nur die äußeren Werte zählen

    In den Supermarkt dürfen nur perfekt aussehende Lebensmittel – das gilt auch bei Kartoffeln: Alle anderen werden vorher aussortiert. Doch was passiert mit den knubbligen, den Mängelexemplaren? Ein Beispiel aus Bayern.

    Per Mail sharen

    Zu groß dürfen sie nicht sein und nicht zu klein, eine schöne Form sollen sie haben und eine makellose Schale. Nur perfekte Kartoffeln landen am Ende auch im Supermarkt. Der WWF schätzt, dass in Deutschland vom Acker bis zum Teller etwa 35 Prozent der Speisekartoffelernte verloren geht. Denn was wir beim Menschen auf keinen Fall machen sollten, ist bei Obst und Gemüse in Ordnung. Wir bewerten nach dem Äußeren. Nur schönes Obst und Gemüse wandert in den Einkaufskorb. Dabei liegt dort eh nur die perfekte, vorsortierte Ware. Auch bei Kartoffeln herrschen strenge Auswahlkriterien.

    Der Dreck muss weg

    Ein Kartoffelpackbetrieb, wie die Agropa im oberbayerischen Brunnen, muss diese Vorgaben umsetzen. Die Landwirte liefern die Kartoffeln so zu ihnen, wie sie vom Feld kommen: Schwarz und voller Erde. Auf Förderbändern laufen sie durch den ganzen Betrieb. Zuerst durch eine große Waschmaschine, dann durch einen Polierer. Danach haben sie auch den letzten Brösel Acker verloren, die Knollen sind hell, die Schale glänzt.

    "Das ist der Wunsch der Supermarktketten", sagt Johann Dittenhauser. Er ist Junior-Chef des Kartoffelpackbetriebs. "Sonst würde die Erde an den Kartoffeln die Läden und Scannerkassen verdrecken." Außerdem sei es der Verbraucher in der Gemüseabteilung gewöhnt, dass alles sauber ist.

    Schalenfehler sind unerwünscht

    Dank der Poliermaschine werden auch die ganz schwarzen Kartoffeln aus dem Donaumoos sauber und können gut vermarktet werden. Die Technik gibt es erst seit 10 Jahren. Einen Nachteil hat das Ganze aber auch. Jeder noch so kleine Schorf wird so sichtbar - und die Kartoffel deshalb später aussortiert. Dabei ist Schorf für den Menschen ungefährlich. Wegschneiden genügt. "Der Verbraucher würde sich aber auch ärgern, wenn er 2,5 Kilo Kartoffeln kauft und ein Kilo davon wegschälen muss", sagt Dittenhauser.

    (K)ein Herz für Charakterknollen

    Doch nicht nur Mängel an der Schale sind ein Grund zum Aussortieren. Auch Verformungen, zum Beispiel kleine Nasen. Bio-Landwirt Christoph Reiner nennt das eine "Charakterknolle". Solche Nasen bilden sich, wenn die Kartoffeln nicht gleichmäßig wachsen, wie zum Beispiel diesen Sommer aufgrund der extremen Trockenheit. Ihn ärgert es, dass solche Kartoffeln bei Packbetrieben aussortiert werden müssen. "Die innere Qualität ist top. Die Kartoffel kann man ohne Probleme essen." Er liefert nur einen kleinen Teil seiner Kartoffeln an einen Packbetrieb, das meiste verkauft er auf Wochenmärkten. Hier landet auch die Charakterknolle im Einkaufskorb.

    Was will der Verbraucher wirklich?

    Für Bio-Landwirte wie Christoph Reiner ist es noch schwieriger, perfekte Kartoffeln zu produzieren. Ohne chemische Pflanzenschutzmittel sind die Kartoffeln anfälliger. "Da schmerzt es noch mehr, wenn dann eigentlich gute Kartoffeln als minderwertige Ware aussortiert werden." Seine Kunden auf dem Wochenmarkt, zum Beispiel mittwochs in Bad Tölz, kaufen die Kartoffeln vor allem wegen des Geschmacks und weil sie wissen, wo sie herkommen. Das bisschen Erde stört sie nicht. "Eine Kartoffel ist ein Naturprodukt, das darf man auch sehen", sagt eine Käuferin. Bei Reiner laufen die Kartoffeln zu Hause in Petersdorf bei Aichach nur durch eine Bürstmaschine, eine leichte Staubschicht bleibt. Diese Schicht schützt die Kartoffel aber auch, sie hält länger.

    Die Größe entscheidet

    Im Packbetrieb rattern die blankpolierten Superkartoffeln währenddessen durch ein weiteres Auswahlverfahren: Die Größe. Nur die mittlere Sortierung zwischen 40 und 70 mm landet im Discounter. Junior-Chef Dittenhauser erklärt: "Der Verbraucher will einheitliche Kartoffeln und ärgert sich, wenn er kleine und ganz große im Beutel hat, man kann sie nicht miteinander kochen, die werden unterschiedlich fertig." Die Verbraucher kaufen heute bedarfsgerecht. Bei der Agropa ist das 2,5 Kilo Gebinde am beliebtesten.

    Diesen Wandel kann Bio-Landwirt Christoph Reiner bestätigen: "Früher kauften sich die Leute 12-oder 25-Kilo Säcke und stellten sie in den Keller, dann hat man sich eben die Kartoffeln rausgesucht, die man gerade braucht." Heute hat kaum mehr jemand einen Keller, alles ist temperiert und warm.

    Packbetriebe wollen jede Kartoffel verwerten

    Deshalb fallen beim Packbetrieb die zu kleinen und zu großen Knollen weg. "Weggeschmissen wird aber keine einzige Kartoffel", betont Junior-Chef Johann Dittenhauser, "nur unterschiedlichen Verwertungsrichtungen zugeführt". Die Agropa stellte dafür vor 10 Jahren ihre Anlagen um. Denn früher nahm der Landwirt die Ausschusskartoffeln einfach wieder mit nach Hause und verfütterte sie an die Tiere. Weil heute längst nicht mehr alle Kartoffelbauern auch einen Viehbetrieb haben, musste umgedacht werden.

    Die großen Kartoffeln beispielsweise kommen in den Großmarkt, nach München oder Stuttgart. "Die Gastronomie, besonders die ausländische Kundschaft, will sehr große Kartoffeln", so Dittenhauser. Die kleinen Kartoffeln zwischen 28 und 40 mm, die sogenannten Drillinge, wurden früher meist an Weiterverarbeitungsbetriebe verkauft, dort geschält, gegart und ab ins Glas.

    Laut WWF werden alle kleineren Kartoffeln bei der Ernte sofort untergepflügt. Das kann Landwirt Christoph Reiner nicht bestätigen. "Keine Kartoffel soll auf dem Feld bleiben, das ist schlecht für die Bodengesundheit, Krankheiten könnten im Feld bleiben oder die Kartoffel im nächsten Jahr wieder austreiben." Außerdem sei das ja alles sein Geld.

    Heute erleben die kleinen Kartoffeln sogar einen Trend und liegen inzwischen immer öfter im Supermarkt, beobachtet Johann Dittenhauser von der Agropa: "Sie gelten als Delikatesse, als besonders geschmackvoll und werden gerne mit Schale gegessen."

    Preisunterschiede bleiben

    Übrig bleiben die Mängelexemplare, die Grünen, die Schorfigen, die Pusteligen, die am Ende meist zu Fertigprodukten, zu Kloßteig, Bratkartoffeln oder Kartoffelsalat weiterverarbeitet werden. Die Minderheit taugt nur noch für Tierfutter oder die Biogasanlage. Pro Jahr laufen 80.000 Tonnen Speisekartoffeln durch den Kartoffelpackbetrieb Agropa, rund 70 % gehen davon später weiter in die Supermärkte. Den besten Preis bekommen die Landwirte aber natürlich nur für die Kartoffeln, die im Supermarkt landen.