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Lebensmittelrückrufe: Eigenmarken machen es Verbrauchern schwer | BR24

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Eigenmarken von Discountern

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    Lebensmittelrückrufe: Eigenmarken machen es Verbrauchern schwer

    Der Rückruf von Wilke-Wurst und DMK-Milch hat ein Problem offenbart: Die verunreinigten Lebensmittel wurden auch als Eigenmarken der Einzelhändler verkauft. Unter anderem Namen. Für Verbraucher ist betroffene Ware dann schwer zu erkennen.

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    Schimmel, Gestank, Dreck: Solche Zustände haben Kontrolleure beim Wursthersteller Wilke in Hessen vorgefunden. Vor gut zwei Wochen musste der Betrieb schließen, weil die Wurstwaren mit lebensgefährlichen Listerien-Keimen verseucht sind. Vorige Woche dann die Nachricht, dass Milch der norddeutschen Großmolkerei DMK mit dem Bakterium Aeromonas hydrophila/caviae belastet ist.

    Wilke-Wurst unter anderem Namen vertrieben

    Die mit Bakterien verseuchten Waren wurden zurückgerufen und aus den Regalen genommen. Aber: Beide Lebensmittelhersteller beliefern auch Lebensmittelketten, die die Produkte unter anderem Namen als Eigenmarken vertreiben. Verbraucher sehen also nicht auf den ersten Blick, ob sie Wilke-Wurst und DMK-Milch im Kühlschrank haben.

    Wer auf Nummer sicher gehen will, muss sich mühsam durch Onlineseiten und QR-Codes arbeiten. Produktlisten finden sich zum Beispiel auf der Seite lebensmittelwarnung.de oder direkt beim Hersteller.

    Eine Verbraucherzentrale Bundesverband beklagt schon länger, dass Hersteller und Herkunft der Lebensmittel nicht auf der Verpackung angegeben werden müssen. Laut Gesetz reicht auch der Händler.

    Welche Wurst ist auf der Pizza?

    Verbraucherschützer wünschen sich nicht nur mehr Transparenz bei Eigenmarken, sondern auch bei verarbeiteten Lebensmitteln und Fertiggerichten.

    „Welche Wurst ist im Wurstsalat, welche Wurst ist auf der Pizza? Das ist für viele Verbraucher erst jetzt ein Thema geworden.“ Jutta Jaksche, Verbraucherzentrale Bundesverband

    Haben Eigenmarken ein Transparenzproblem?

    Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels sieht dagegen kein Transparenzproblem bei Eigenmarken.

    „Wichtig ist, dass Verbraucher und Behörden einen klaren Ansprechpartner haben. Das ist auch bei Angabe des Handelsunternehmens gewährleistet.“ Christian Böttcher, Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels

    Der Rückruf der belasteten DMK-Milch – sie wurde etwa unter den Handelsnamen „Milfina“, „Milbona“, „Gut und Günstig“ und „Ja“ vertrieben – ist Christian Böttcher zufolge „allgemeinverständlich und transparent“ abgelaufen. Die Verbraucher hätten alle Informationen bekommen, um die betroffenen Produkte „eindeutig identifizieren“ zu können, argumentiert der Pressesprecher.

    Und Böttcher weist darauf hin, dass auch auf Eigenmarken häufig der Hersteller genannt werde.

    Wo Verbraucher informiert werden und wo nicht

    Tatsächlich müssen Verbraucher nicht mehr bei jedem Eigenprodukt eines Discounters auf speziellen Seiten im Internet suchen, welcher Hersteller sich dahinter verbirgt. Der Wunsch nach mehr Transparenz stößt offenbar zunehmend auf Resonanz, hat eine Anfrage des BR unter Lebensmittelketten ergeben.

    Der Discounter Lidl, der 75 Prozent seines Sortiments über Eigenmarken vertreibt, hat nach eigenen Angaben bereits umgestellt und nennt die Herstellernamen auf der Verpackung. Ebenso Aldi-Süd, der 90 Prozent seines Sortiments über 100 eigene Handelsmarken vertreibt. Auch Rewe nennt auf seinen acht Food-Eigenmarken Herstellernamen und Kaufland, das zehn Hausmarken hat, schreibt, man stelle derzeit „sukzessive auf Herstellernennung um“.

    Netto: QR Code für mehr Informationen

    Netto geht einen anderen Weg. Der Lebensmitteldiscounter vertreibt die Hälfte seines aus 5000 Artikeln bestehenden Sortiments über Eigenmarken. Auf den Wunsch der Verbraucher, „sich genauer über die Herkunft der Produkte zu informieren“ reagiert Netto mit der Einführung von QR-Codes auf ausgewählten Artikeln. Man muss also den Code mit dem Smartphone scannen, um zu erfahren welcher Hersteller sich hinter dem Produkt verbirgt.

    Edeka dagegen bleibt dabei: Auf den rund 4000 Eigenmarken-Artikeln wird nur Edeka genannt, kein Hersteller. Der Lebensmittelhändler sieht darin kein Problem und verweist auf hohe Qualitätsansprüche und Kontrollen. Jedes Jahr würden rund 35.000 Produktproben mikrobiologisch und sensorisch getestet.

    „Grundsätzlich gilt, dass die Qualität der Lebensmittel in Deutschland heute so hoch wie noch nie ist.“ Edeka-Stellungnahme

    Auch die anderen Lebensmittelketten, die der BR angefragt hat, betonen, dass ihre Eigenmarken qualitativ mit Markenprodukten mithalten können und streng geprüft würden.

    Gute Noten der Warentester für Hausmarken

    Die Stiftung Warentest hat Eigenmarken im August 2018 bestätigt: „Preiswert ist im Schnitt genauso gut." Auch beim Thema Keimbelastung schnitten Markenprodukte und Eigenmarken im Test fast gleich gut ab. Mehr Transparenz begrüßt grundsätzlich auch die Stiftung Warentest.

    Wenn der Discounter auf die Verpackung den Hersteller der Ware druckt, dann sei das auch ein Zeichen für eine jahrelange und gute Geschäftsbeziehung, sagt Janine Schlenker von Stiftung Warentest. Umgekehrt hat sie Verständnis dafür, dass bei verarbeiteten Produkten wie der Fertigpizza nicht alle Zulieferer aufgelistet werden. Zumal bei jeder Änderung die Verpackung neu gedruckt werden müsste.

    "Gerade im Wurst- und Fleischwarenbereich ist es so, dass die großen Player regional beziehen. Produktabhängig können es deutschlandweit vier bis fünf Zulieferer sein. Aber man möchte nur ungern fünf verschiedene Verpackungen bereithalten." Janine Schlenker, Stiftung Warentest

    Kaum mehr Warnhinweise im Handel

    Der Krisenfall ist es, der Verbraucherschützern wie Jutta Jaksche dennoch Sorgen bereitet. Sie appelliert an den Handel, bei Rückrufen besonders offensiv zu informieren.

    „Was Verbraucherverbände sich hier wünschen ist, dass der Handel im Krisenfall sehr schnell und transparent über die Rücknahmen informiert und Warnhinweise im Laden gut sichtbar macht.“ Jutta Jaksche, Verbraucherzentrale Bundesverband

    Warnhinweise an den Regalen sind vor allem für Kunden wichtig, die den Rückruf nicht mitbekommen haben und noch keimbelastete Ware im Kühlschrank lagern. Allerdings: Zwei Wochen nach Bekanntwerden des Wilke-Wurst-Skandals und gerade mal eine Woche nach dem Rückruf der DMK-Milch sind bei Stichproben des BR in verschiedenen Supermärkten kaum noch Warnhinweise zu finden.