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Lebensmittel: Jede dritte Routinekontrolle fällt aus | BR24

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Jede dritte Lebensmittelkontrolle in Restaurants, Betriebsküchen und bei Herstellern fällt aus. Es fehlen die öffentlich bestellten Kontrolleure. Das hat eine Studie der Organisation Foodwatch ergeben, die BR-Recherche vorliegt.

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Lebensmittel: Jede dritte Routinekontrolle fällt aus

In Gastronomie, Handel und Lebensmittelbetrieben findet etwa jede dritte geplante Routinekontrolle nicht statt. Überwachungsbehörden in ganz Deutschland sind überlastet - auch in Bayern. Das zeigt eine aktuelle Befragung, die BR und Welt vorliegt.

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9:00 Uhr morgens, ein Seniorenheim in Traunstein. Es ist die erste Station an diesem Dezembertag für Michael Förtsch, Lebensmittelkontrolleur des Landratsamts Traunstein. Er überprüft die Küche, Kühlräume und Dokumentation. Solche routinemäßigen "Plankontrollen" finden grundsätzlich unangekündigt statt, so Förtsch. Hinzu kommen außerplanmäßige Kontrollen, wenn etwas nicht in Ordnung ist.

Hohe Arbeitsbelastung für die Lebensmittelkontrolleure

Gaststätten, Bäckereien, Marktstände – gut 3.500 Betriebe im Landkreis Traunstein überwachen Michael Förtsch und seine Kollegen. Das Problem: Sie sind nur zu fünft. Von den vorgeschriebenen routinemäßigen Kontrollen haben sie im vergangenen Jahr rund ein Drittel nicht geschafft. Für Michael Förtsch, der auch im Bayerischen Landesverband der Lebensmittelkontrolleure aktiv ist, ist das ein unhaltbarer Zustand:

"Die Plankontrollen sind nicht zu schaffen. Ich finde das nicht in Ordnung, wir haben das bei verschiedensten Stellen angebracht, bei Ministerien, bei der Politik, aber es passiert nicht wirklich etwas." Michael Förtsch, Landesverband der Lebensmittelkontrolleure

Kontrollen fallen aus, weil Personal fehlt. Dieses Problem hat nicht nur der Landkreis Traunstein – es besteht bundesweit.

Foodwatch-Erhebung offenbart Lücken in der Lebensmittelüberwachung

Etwa jede dritte Routinekontrolle der Lebensmittelüberwachung in Deutschland entfällt. Das ergibt eine aktuelle Erhebung, die die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch durchgeführt hat und die BR Recherche und der Zeitung "Welt" vorab exklusiv vorliegt. Die gemeinnützige Organisation hatte bundesweit alle 394 zuständigen Behörden befragt.

Nach eigenen Angaben konnten die Lebensmittelkontrolleure der Behörden im Jahr 2018 rund 250.000 Kontrollen nicht wie geplant durchführen. Offenbar fehlt es flächendeckend an Personal. Nur 41 der befragten Behörden gaben an, alle vorgegebenen Plankontrollen geschafft zu haben.

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Die Länder müssen dringend mehr Lebensmittelkontrolleure einstellen. Das sagte der BR-Verbraucherschutzexperte Wolfram Schrag im Interview mit der Rundschau. Vor mehr als zehn Jahren habe man die Stellen reduziert.

Martin Rücker, Geschäftsführer von Foodwatch, fordert daher die Schaffung von deutlich mehr Stellen in der Lebensmittelüberwachung. "Ich halte die Ergebnisse wirklich für einen handfesten politischen Skandal", so Rücker im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. "Nicht die Kontrolleure und Kontrolleurinnen, die jeden Tag in den Betrieben sind, machen ihren Job nicht, sondern die politisch Verantwortlichen machen ihren Job nicht."

Weniger Routinekontrollen – weniger Verbraucherschutz

Erst Ende November war bekannt geworden, dass das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft trotz Bedenken von Verbraucherschützern und dem Bundesverband der Lebensmittelkontrolleure die Vorgaben für Plankontrollen neu regeln will. Bislang unauffällige Unternehmen müssten demnach seltener mit unangekündigten Kontrollbesuchen rechnen, auffälligere Betriebe hingegen öfter. Die Zahl der vorgegebenen routinemäßigen Kontrollen könnte sinken – und damit auch die Zahl der Planstellen. BR und Welt berichteten.

Lebensgefährlicher Personalmangel

Ein Personalmangel, der Menschenleben gefährden kann. Drei Menschen sind an keimbelasteter Wurst der Firma Wilke gestorben. Im hessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg, wo auch die Firma ihren Sitz hat, gab es 2018 gerade mal 3,15 Stellen für Kontrolleure – die für 2895 Betriebe zuständig waren. Sie haben nur knapp 50 Prozent der vorgeschriebenen Kontrollen geschafft.

Auch in Bayern fehlt Personal. Zwar wurde nach dem Bayern Ei-Skandal mit der bayerischen KBLV (Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen) eine neue Zentralbehörde für Großbetriebe geschaffen, doch die Probleme in der Fläche bestehen weiter, so schildern es mehrere Behördenmitarbeiter. Besonders überfordert ist die Lebensmittelüberwachung im Landkreis Deggendorf, dort findet nur die Hälfte der routinemäßigen Kontrollen statt; und auch in den Landkreisen Freyung-Grafenau und Regen sind die Beamten weit davon entfernt, die Vorgaben zu erfüllen. 18 der 96 angefragten bayerischen Behörden erteilten den Verbraucherschützern keine Auskunft.

1.500 Kontrolleure fehlen

Zuständig für die Personalausstattung der Behörden zur Lebensmittelüberwachung sind letztendlich die Landesregierungen. Darauf verweist das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf Anfrage des BR und der "Welt". Das Ministerium in Berlin geht davon aus, dass bundesweit 1.500 Lebensmittelkontrolleure fehlen und erklärt, es habe an die Länder appelliert, für eine angemessene Personalausstattung zu sorgen.

Der bayerische Umwelt- und Verbraucherschutzminister Thorsten Glauber verweist im BR Interview darauf, dass der Verbraucherschutz in Bayern an oberster Stelle stehe. Konkrete Pläne zu einer Aufstockung der Stellen für Lebensmittelkontrolleure an den Landratsämtern gibt es aktuell aber offenbar nicht – lediglich im Bereich der Amtsveterinäre, die zum Teil auch in der Lebensmittelüberwachung eingesetzt werden, z.B. in Schlachthöfen, sollen neue Stellen geschaffen werden.

Steigende Zahl offizieller Rückrufe und lebensmittelbedingter Erkrankungen

Wie wichtig Kontrollen der Lebensmittelüberwachung sind, zeigen die aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Die Produktrückrufe von Lebensmitteln steigen seit Jahren kontinuierlich. In diesem Jahr gab es bis Ende November 183 Lebensmittelwarnungen (2015 insgesamt 100). Das BVL verzeichnet außerdem im Jahr 2018 in Deutschland 416 gemeldete lebensmittelbedingte Krankheitsausbrüche – ein Anstieg um acht Prozent gegenüber 2015.

"Tricksen, täuschen, betrügen"

Lebensmittelkontrolleur Michael Förtsch aus dem Landkreis Traunstein hat am diesem Tag noch vier weitere Stationen auf seinem Tagesplan – einen Supermarkt wegen eines Rückrufs, einen Imbiss, einen Backshop und ein Restaurant. Fast überall findet er kleinere Mängel, bei einem Betrieb stößt er auf größere vernachlässigte Reinigung und verdorbene Lebensmittel. Hier wird voraussichtlich ein Bußgeld von rund 1.000 Euro fällig. Michael Förtsch ist es wichtig zu betonen, meistens seien unsere Lebensmittel sicher, doch es gebe eben auch Unternehmen, die tricksen, täuschen und betrügen.

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In Gastronomie, Handel und Lebensmittelbetrieben findet etwa jede dritte geplante Routinekontrolle nicht statt. Überwachungsbehörden in ganz Deutschland sind überlastet - auch in Bayern. Das zeigt eine aktuelle Befragung, die BR und Welt vorliegt.

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Immer wieder Lebensmittelskandale, immer mehr Rückrufe. Wie steht es um die Lebensmittelkontrolle in Deutschland? Neue Recherchen von BR und Welt zeigen: Die Lebensmittelkontrolleure sind am Limit.