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Hat der lange Winterlockdown der Natur im Bayerischen Wald gut getan? Ausflügler und Einheimische waren ja trotzdem unterwegs - und das zum Teil querfeldein.

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Langer Winterlockdown - gut oder schlecht für die Natur?

Die Natur im Bayerischen Wald hat fast sechs Monate ohne Touristen hinter sich. Weihnachts-, Winter- und Ostersaison sind ausgefallen, alle Skipisten waren geschlossen. Aber Natur und Wildtiere hatten trotzdem weniger Ruhe als vermutet.

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Von
  • Renate Roßberger
  • BR24 Redaktion

Die Natur im Bayerischen Wald hatte den ganzen Winter über Ruhe - möchte man meinen - denn fast ein halbes Jahr blieben die Touristen wegen Corona fern. Allerdings haben Tagesausflügler und Einheimische dennoch ihre Freizeit dort verbracht und der Natur damit möglicherweise geschadet.

In den Wald zum Frustabbau

Baptist Koller ist selbstständiger Reiseveranstalter für internationale Outdoor- und Skireisen. Wegen Corona hat er seit mehr als einem Jahr Zwangspause und weder Kunden noch Einnahmen. Zum Frustabbau hat der Bayerwäldler das Skitourengehen in der Heimat für sich entdeckt. Er war diesen Winter rund 60 Male am Arber. Immer ging es auf den verschneiten Wanderwegen hinauf und über die geschlossene Piste herab, wie er sagt.

"Nach der Phase, wie es überhaupt weiter geht mit mir und wirtschaftlich, musst du ja irgendwann wieder positiv nach vorne schauen. Da ist natürlich das Draußensein eine ganz gute Medikation. Und wenn ich bei uns in der Region herumlaufen kann, ist das ein Traum, weil man alles wieder ganz anders kennenlernt. Das hat man auch gebraucht." Baptist Koller, Skitourengeher

Der 59-Jährige, der von seinen Touren viele Fotos auf Facebook gepostet hat, betont aber, dass er immer auf den markierten Wegen geblieben ist, aus Rücksicht auf Wildtiere, vor allem Auerhühner, die im Arbergebiet noch leben. "Ich habe so viele Auerhühner und Spuren gesehen wie noch nie zuvor. Es ist verwunderlich, wieviel Auerhähne unaufgeregt sitzenbleiben bis man dort ist, und dann schön langsam verschwinden. Nicht so, wie man es früher hatte, dass die nervös abhauen."

Er glaubt, dass Wildtiere und Natur nicht gelitten haben, obwohl in den Wäldern deutlich mehr Skitourengeher, Schneeschuh- und Winterwanderer unterwegs waren, eben weil die Skipisten geschlossen waren.

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Skitourengeher Baptist Koller mit Begleitung im Winter auf dem Arber

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Tourenski auf einer Skipiste beim Sonnenuntergang

Studie: Wieviel Stress hatten Auerhühner im Corona-Winter?

Der Arbergebietsbetreuer Johannes Matt hat Kotproben von Auerhühnern gesammelt und an das Bayerische Landesamt für Umwelt geschickt. Auch die Nationalparks Bayerischer Wald und Berchtesgaden beteiligen sich an dieser Studie. Im Labor werden die Proben in den nächsten Wochen auf Stresshormone untersucht. Grund für die Initiative, so das Landesamt für Umwelt, "ist das erhöhte Aufkommen an Tourengehern im deutschen Alpenraum und im Bayerischen Wald, welches durch die geschlossenen Skigebiete zu Pandemiezeiten verstärkt wird".

Auerwild etwa reagiert besonders empfindlich auf Störungen und gilt deshalb als Indikator auch für den Zustand anderer Tiere: Wenn es nicht gestresst ist, weiß man, dass auch das restliche Wild nicht zu stark gestört wurde. Problematisch seien vor allem Menschen, die quer durch den Wald laufen:

"Das Auerhuhn kann einschätzen, wenn ein Wintersportler auf dem Weg oder auf der Loipe unterwegs ist, dann geht davon keine Gefahr aus. Aber wenn sie urplötzlich aufgeschreckt werden, zum Beispiel durch einen abfahrenden Skifahrer, dann flüchten die extrem weit. Das kostet sie viel Energie und daran können sie in der nahrungsarmen Zeit im Winter sogar sterben." Johannes Matt, Arbergebietsbetreuer des Naturparkvereins Bayerischer Wald
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Arbergebietsbetreuer Johannes Matt schaut an einer geschlossenen Skipiste nach Wildtieren

Mehr Menschen als Tiere auf Wildkameras

Mehr Winterwanderer, Schneeschuh- und Skitourengeher als Rehe, Hirsche und Wildschweine - das hatte heuer zum Beispiel der Jäger Max Wurzer aus Schweinhütt auf den Aufnahmen seiner automatisch auslösenden Wildkameras festgehalten. Dabei liegt sein Revier nicht einmal in einem Besucher-Hotspot, sondern in der Nähe der Stadt Regen. Sein Fazit zum Corona-Winter: Die Einheimischen sind wegen des Lockdowns viel im Wald unterwegs, oft abseits: "Manche sagen mir, auf dem markierten Weg ist mir zu viel los. Ich will lieber abseits gehen, damit ich alleine bin. Wenn Feriengäste da sind, ist das bei Weitem nicht so schlimm wie jetzt mit den Einheimischen."

Waldtiere durch Hund und Mensch gestört

Viele haben sich außerdem in Coronazeiten einen Hund angeschafft und lassen ihn im Wald frei laufen - ein weiteres Problem Wildtiere, sagt Wurzer. Er hat schon Mensch und Hund durch Reheinstände laufen sehen, also Bereiche, in die die Tiere sich zurückziehen. Rehe zum Beispiel trauen sich dann nur noch nachts aus der Deckung hinaus zum Äsen.

Wenn jetzt im Frühjahr noch Fahrradfahrer, Wanderer und Jogger hinzukommen, schlimmstenfalls mit Stirnlampe abends, werde die Lage noch schlechter. Denn dann würden Wildtiere auch in der Balz-und Brutzeit gestört, sagt der Jäger. Verschreckte Vögel verlassen dann oft ihre Gelege, die Brut stirbt.

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Hasenspur an einer geschlossenen Skipiste im Bayerwald

Ähnliches hört man aus dem Nationalpark, wo auch immer mehr Einheimische und Tagesausflügler abseits der Wege unterwegs sind, was dort sogar verboten ist. Im Coronajahr 2020 gab es im Nationalpark 224 Anzeigen wegen Verstößen gegen das Wegegebot. Das sind zehn Mal mehr als 2019.

Lösungsvorschlag: mehr Besucherlenkung

Wenn die Studie zum Auerwild ergeben sollte, dass die Tiere gestresster waren als sonst, will der Naturparkverein sich zum Beispiel noch mehr Möglichkeiten für Aufklärung und Besucherlenkung überlegen. Schilder gibt es zwar jetzt schon, aber das reicht offenbar nicht. Im Landkreis Cham hängen Jäger jetzt schon Schilder aufgestellt mit einem "Gebet des Wildes". Es soll für mehr Rücksicht von Freizeitnutzern und Hundebesitzern auf Wildtiere sensibilisieren.

Mehr Besucherlenkung hätte sich sogar der Freizeitsportler Baptist Koller schon für diesen Winter gewünscht, auch von Seiten der Bergbahnen: "Es reicht nicht, eine Tafel hinzustellen, dass die Piste gesperrt ist. Das war natürlich richtig. Aber wenn man die Skitourengeher los marschieren lässt, dann wäre eine gewisse Anleitung, zum Beispiel zur Wegeführung, welche Routen es gibt, wo man oben rauskommt, viel besser."

Sommer wird Probleme nicht lösen

Vor allem ortsunkundige Tagesausflügler seien da allein gelassen worden. Positives Beispiel sei der Urlaubsort Bodenmais, so Koller, der den ganzen Winter seine Langlaufloipen am Bretterschachten aufwendig für Tagesausflügler und Einheimische gespurt hat, obwohl es keine Einnahmen durch Touristen gab. Der Sommer wird die Probleme im Wald nicht lösen. Denn der Lockdown und der Inlandstourismus, wenn er denn wieder anläuft, werden auch 2021 für mehr Andrang als sonst sorgen.

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