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Viel Arbeit, schlechte Bezahlung und körperliche Belastung scheinen viele angehende Veterinäre vor der Nutztierpraxis abzuschrecken. Junge Großtierärztinnen wie Corinna Drexler im niederbayerischen Deggendorf sind rar.

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Ärztemangel im Kuhstall: Feierabend? Gibt's nicht!

Auf dem Land werden Veterinäre knapp, die auf Nutztiere spezialisiert sind. Viele junge Tierärzte wollen offenbar die harte Arbeit mit Großtieren bei vergleichsweise geringer Bezahlung nicht mehr leisten. Katzen und Hunde machen wohl weniger Mühe.

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Von
  • Christian Riedl

Viele Landwirte machen sich Sorgen: Wer soll ihre Rinder künftig noch medizinisch betreuen? In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Mediziner, die sich auf die Behandlung von Nutztieren spezialisiert haben massiv geschrumpft. Viele sind jetzt bereits älter als 60. Zwar ist die Nachfrage nach einem Tiermedizin-Studium an einer der fünf dafür in Deutschland ausgelegten Universitäten ungebrochen groß - viel Arbeit, schlechte Bezahlung und körperliche Belastung scheinen aber viele angehende Veterinäre vor der Nutztierpraxis abzuschrecken. Junge Großtierärztinnen wie Corinna Drexler im niederbayerischen Deggendorf sind rar.

"Feierabend ist, wenn das Telefon nicht klingelt"

Morgens, kurz nach acht Uhr. Corinna Drexler zieht einen langen Plastikhandschuh über ihren linken Arm und holt mit Stickstoff tiefgefrorenes Bullensperma aus einem Spezialbehälter in ihrem Auto. Eine Kuh besamen - Routinetermin. Bereits viereinhalb Stunden zuvor wurde die junge Tierärztin aus dem Bett geklingelt. Es gab auf einem Bauernhof Probleme bei einer Kälbergeburt. Auch das gehört zur Routine von Corinna Drexler: "Feierabend ist, wenn das Telefon nicht klingelt", lacht sie.

"Auszeit" nur jedes zweite Wochenende

Nur alle zwei Wochen hat sie von Samstagnachmittag bis Montagmittag ihr Telefon auf einen Kollegen umgestellt. Die beiden vertreten sich gegenseitig. An den anderen Tagen ist die junge Mutter für ihre Landwirte, ihre Kunden, immer erreichbar. "Die Corinna gehört schon fast zur Familie", lacht Landwirt Josef Duschl. Bei ihm ist heute keine Kuh krank, trotzdem kommt Corinna Drexler auch so mal vorbei. "Corinna kommt immer, egal welcher Tag, welche Uhrzeit" sagt Duschl. Was würde er machen, wenn die Tierärztin aufhören würde? "Tja, ich habe keine Ahnung", schüttelt Duschl, Herr über mehr als 300 Rinder auf seinem Hof, den Kopf.

Ohne Veterinär sind Landwirte "aufgeschmissen"

Alle Landwirte, die Corinna Drexler an diesem Vormittag besucht, antworten auf die Frage, was sie ohne ihre Tierärztin machen würden, mit Achselzucken: "Keine Ahnung" oder "da wären wir aufgeschmissen". Drexler hat vor sechs Jahren in Deggendorf eine Landtierarztpraxis übernommen. Trotz aller Belastungen, sagt sie, habe sie das nie bereut. Ihre Selbstständigkeit könne sie mit Unterstützung ihres Ehemanns gut organisieren. Der organisiere den Praxisbetrieb, führe die Bücher und den Terminkalender. Wobei: Termine verschieben sich ständig. Auch an diesem Vormittag. Ein Landwirt bittet Corinna Drexler, sich um ein krankes Kalb zu kümmern.

Blaue Flecken gehören dazu

Die kleinen Tiere lassen sich gut in den Griff bekommen. Schwerer wird es bei den erwachsenen Rindern. Vor denen muss man Respekt haben, warnt Corinna Drexler. Tritte sind schmerzhaft, ein Kuhschweif im Gesicht ist alles andere als angenehm. Und der plastikbehandschuhte Arm im Rektum einer Kuh? "Wird dann schwer, wenn die Dame rumzappelt. Dann weiß man nie, in welche Richtung sich der Ellbogen dreht", lacht sie. Der eine oder andere blaue Fleck gehört dazu - ebenso der Muskelkater. "Aber das gibt sich mit der Zeit", meint die Tierärztin.

Studienplätze für Tiermedizin begehrt - aber nicht für Nutztiere

An den fünf deutschen Universitäten, die ein Tiermedizin-Studium anbieten, ist die Nachfrage nach Plätzen weiter groß, die Einstiegshürde mit numerus clausus hoch. Ebenso der Anteil der Frauen bei diesem Studium. Die Absolventen aber kommen kaum in die Nutztierpraxis. "Aus meiner Examens-Lerngruppe bin ich die Einzige, die das gewagt hat", sagt Corinna Drexler. Es hat auch niemand probiert. Viele junge Veterinäre zieht es in die Pharmabranche, zu Forschungsprojekten oder auch in Amtszimmer. In Pferde-, Schweine- oder Rinderställe dagegen kaum.

Bezahlung als Veterinär für Nutztiere ist mau

Vielleicht ist es die Scheu vor den großen Tieren, vor Mist und Gestank. Aber auch die Bezahlung ist mau. Angestellte Berufseinsteiger in Tierarztpraxen bekommen weniger als 3.000 Euro brutto pro Monat. Ständevertretungen weichen in ihren Empfehlungen stark voneinander ab. Widrigkeiten, denen Corinna Drexler getrotzt hat. Jetzt sagt sie, die Entscheidung, selbstständige Landtierärztin zu werden, habe sie nie bereut. Und, sie liebt Kühe: "Die sind so neugierig und am Ende auch wunderschöne Mädls".

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Tierärztin Corinna Drexler mit plastikbehandschuhtem Arm im Rektum einer Kuh.

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