Der bayerische Landtag (Archivbild)
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Das Maximilianeum, Sitz des Bayerischen Landtags

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Bayerns Landtag: Bisher kaum Spiegelbild der Bevölkerung

Ende der Woche wählt Bayern einen neuen Landtag. Die BR24 Datenanalyse zeigt: In Sachen Repräsentation ist noch Luft nach oben. Das bisherige Parlament war in vielen Bereichen kein Abbild der bayerischen Gesellschaft.

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Am 8. Oktober wählt Bayern einen neuen Landtag. Zeit für einen Rückblick auf die Menschen, die den Freistaat in den vergangenen fünf Jahren regiert haben. Wen hätten Sie sich vorgestellt, wenn es geheißen hätte: Heute treffen Sie ein Mitglied des Bayerischen Landtags?

In drei von vier Fällen wäre dieses Mitglied ein Mann – die Chancen stehen gut, dass er Martin oder Markus heißt. Hätte sich Martin vorgestellt, hätte er vielleicht von seinem Wohnort erzählt: Eine kleine Stadt mit rund 25.000 Einwohnern. Oder von seinem Studium, das er mit einem Staatsexamen oder Diplom abgeschlossen hat.

Diese Durchschnittswerte lassen schon erahnen: Die Gewählten des bayerischen Landesparlaments von 2018 bis 2023 waren weit weniger divers als die gut 13 Millionen Menschen, die sie vertreten haben. Die folgende Analyse zeigt, wie groß der Unterschied zum Teil war.

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In der Grafik: Deutlich weniger Frauen unter den Abgeordneten

Die größte Diskrepanz zuerst: In Bayern leben nahezu gleich viele Frauen wie Männer. Damit sollte auch die Verteilung der Geschlechter im Parlament klar sein, doch anders als in der Bevölkerung wurde nicht jeder zweite, sondern nur jeder vierte Platz im Landtag von einer Frau eingenommen. Die Geschlechtsidentität "divers" wird in der Bevölkerungsstatistik nicht angezeigt und auch kein Mitglied des bisherigen Landtags hatte diese Identität angegeben.

Schaut man sich die Direktkandidaten- und kandidatinnen an, die die Parteien am kommenden Wochenende ins Rennen schicken, dann könnte das Verhältnis im nächsten Landtag etwas korrigiert werden: Unter ihnen sind rund 66 Prozent männlich.

Den höchsten Frauenanteil im bisherigen Landtag hatte die SPD-Fraktion mit 50 Prozent – den niedrigsten die AfD-Fraktion mit neun Prozent.

In der Grafik: Nur ein Abgeordneter unter 30 Jahren

Knapp ein Fünftel der volljährigen Bayern ist unter 30. Im Parlament, das den Freistaat in den vergangenen fünf Jahren lenkte, war der Anteil jüngerer Menschen zuletzt aber verschwindend gering:

Als der Landtag 2018 gewählt wurde, waren immerhin acht Abgeordnete noch unter 30 – damit machten sie zumindest vier Prozent der Mitglieder des Parlaments aus. Zum Ende der Regierungsperiode in 2023 war Florian Siekmann von den Grünen der Einzige, der diese jüngere Altersgruppe repräsentierte. Er war bei der Wahl 2018 erst 23 Jahre alt.

Auch hier gibt die Kandidatenliste Anlass zur Hoffnung, dass das neue Parlament repräsentativer wird: Das Durchschnittsalter beträgt nicht wie im bisherigen Landtag 56, sondern 48 Jahre.

In der Grafik: Wohnorte stimmen überein

Wie rund die Hälfte der Menschen in Bayern lebten auch 50 Prozent der Abgeordneten in kleinen bis mittelgroßen Städten, mit nicht mehr als 100.000 Einwohnern. 27 Prozent hatten ihr Zuhause in ländlichen Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern – auch das entspricht den Verhältnissen in der Bevölkerung. 24 der insgesamt 205 Parlamentarier wohnten in München. Von den Vertretern aus der CSU kamen 38 Prozent aus einer ländlichen Region – der höchste Anteil unter den vertretenen Parteien. Die FDP dagegen hatte die urbansten Abgeordneten: Keiner der elf Landtagsmitglieder wohnte auf dem Land, dafür fast die Hälfte in einer Großstadt.

In der Grafik: Drei Viertel der Landtagsabgeordneten Akademiker

Einer der deutlichsten Unterschiede zwischen dem Durchschnittsbayern und seinen Landtagsabgeordneten ist der berufliche Abschluss. Während in der Bevölkerung eine Ausbildung oder der direkte Berufseinstieg nach dem Schulabschluss weit verbreitet sind, absolviert man für den Landtag wohl besser ein Studium:

Aber nicht nur Diplome, Staatsexamen und Mastertitel waren unter den Mitgliedern des Landtags überdurchschnittlich oft vorhanden: Während gerade einmal ein Prozent der Über-15-jährigen Bayern eine Promotion abgeschlossen hat, trug fast jeder sechste der nun scheidenden Volksvertreter einen Doktortitel. Bei den Abgeordneten der FDP sogar jeder Vierte. Am geringsten war der Akademikeranteil bei der SPD: Von den 22 Gewählten hatten acht keinen Hochschulabschluss.

Der am häufigsten ausgeübte Beruf unter den bayerischen Parlamentariern von 2018 bis 2023 war Rechtsanwalt beziehungsweise Jurist, gefolgt von Land- oder Forstwirt.

In der Grafik: Wenige Abgeordnete mit Migrationshintergrund

Eine deutliche Lücke gab es auch beim Thema Migrationshintergrund. Damit ist gemeint: Eine Person selbst oder mindestens ein Elternteil wurde nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren. In Bayern trifft das auf elf Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung zu – unter den gewählten Volksvertretern von 2018 bis 2023 gerade einmal auf 3,9 Prozent:

Im Parlament, das Bayern in den vergangenen fünf Jahren vertrat, saßen also nur acht Personen mit Migrationshintergrund. Eine eigene Einwanderungserfahrung ist noch seltener: Lediglich vier der nun scheidenden Abgeordneten sind nicht in Deutschland geboren worden.

Laut dem Mediendienst Integration war der Anteil im Freistaat deutlich kleiner, als in vielen anderen Bundesländern. In Baden-Württemberg hatten 2021 beispielsweise 11,7 Prozent der Abgeordneten im Landtag einen Migrationshintergrund – der Durchschnitt aller Landtage lag bei 7,2 Prozent. Der große Unterschied zwischen den Ländern lasse sich vor allem auf unterschiedliche Bevölkerungsanteile zurückführen: "In Bundesländern mit hohen Anteilen von Menschen – und Wahlberechtigten – mit Migrationshintergrund ist der Anteil der Abgeordneten mit Migrationshintergrund höher, auch wenn für einige Länder dieser Zusammenhang schwächer ausfällt." Bayern war – neben dem Saarland, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen – eines der Länder, in denen dieser Zusammenhang besonders schwach und die Repräsentationslücke damit besonders groß war.

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Über die Daten

Für alle gezeigten und besprochenen Parameter wurde jeweils der jüngste verfügbare Datenstand verwendet.

Ein großer Teil der Daten zu den Mitgliedern des Landtags (Namen, Alter, Geschlecht, Wohnort etc.) stammt aus einer Liste, die der Bayerische Landtag und das bayerische Landesamt für Statistik zur Verfügung stellen. Sie wurde am 30. Mai 2022 veröffentlicht – seitdem gab es keine Veränderungen mehr im Landtag. Die Einwohnerzahlen der Wohnorte stammen vom Statistischen Bundesamt (Stand: 31. Dezember 2022).

Die Daten zum Migrationshintergrund stammen aus einer Expertise des Mediendienstes Integration (Datenstand: 2021), die zu den beruflichen Bildungsabschlüssen der Abgeordneten aus dem Volkshandbuch des Bayerischen Landtags (Datenstand: April 2019). Änderungen, die sich danach im Landtag ergaben, wurden eigens recherchiert und eingepflegt.

Die Vergleichsdaten für die Bevölkerung Bayerns kommen aus den folgenden Quellen:

Altersstruktur (31. Dezember 2022): Bayerisches Landesamt für Statistik

Grundlage ist die Bevölkerung Bayerns ab 18 Jahren.

Geschlechterverteilung (31. Dezember 2022): Bayerisches Landesamt für Statistik

Hinweis: Der Geschlechtseintrag "divers" wird in der Bevölkerungsstatistik noch nicht dargestellt. Dennoch gibt es in den Erhebungen die Möglichkeit, die Ausprägung “divers” zu wählen. Diese Fälle werden über ein Umschlüsselungsverfahren auf "männlich" und "weiblich" verteilt.

Bildungsabschluss (31. Dezember 2019): Statistisches Bundesamt

Grundlage ist die Bevölkerung Bayerns ab 15 Jahren. Diese Auswahl und die Einteilung der Abschlüsse erfolgt nach den Vorgaben des Statistischen Bundesamtes.

Migrationshintergrund (31. Dezember 2022): Statistisches Bundesamt

Grundlage ist die wahlberechtigte Bevölkerung Bayerns.

Verteilung der Bevölkerung nach Wohnortgröße (31. Dezember 2022): Bayerisches Landesamt für Statistik

Einteilung der Wohnorte nach den Vorgaben des Bundesinstituts für Bau,- Stadt- und Raumforschung.

Dieser Artikel ist erstmals am 02. Oktober 2023 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.

Im Video: Bayern wählt anders - Erst- und Zweitstimme

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