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Das Virus ist in Abwasserproben früher nachweisbar als durch PCR-Tests. Daher fordern viele nun regelmäßige flächendeckende Untersuchungen.

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Landtags-Opposition will Abwassertests zur Corona-Früherkennung

Landtags-Opposition will Abwassertests zur Corona-Früherkennung

Der Opposition geht es nicht schnell genug beim Testen auf Corona im Abwasser. Laut Studien ist das Virus hier sieben bis zehn Tage früher nachweisbar als durch Abstriche beim Menschen. Doch die Einführung eines Frühwarnsystems ist nicht in Sicht.

Eine Dunkelziffer an Corona-Infektionen gibt es im Abwasser nicht. Die Viruslast aller Menschen, die an einem Tag in einem abgrenzbaren Wohnviertel zur Toilette gegangen sind, wird erfasst. Denn das Virus zerfällt im Abwasser nur langsam, man könne es im Labor gut nachweisen, wie der Virologe Andreas Wieser sagt. Er untersucht mit seinem Team von der Ludwig-Maximilians-Universität München in Kooperation mit den Klärwerken der Landeshauptstadt schon seit anderthalb Jahren das Abwasser auf Corona.

Damit habe man eine andere Erfassungstechnik, erklärt Wieser. Es würden so auch alle Fälle in die Berechnung der Verbreitung einfließen, die sich wegen geringer oder fehlender Symptome erst gar nicht auf Corona testen ließen. Steige in einem Stadtviertel der Virus-Anteil im Abwasser, könne man gezielt mit PCR-Tests Infektionsketten früher unterbrechen.

Infektionsschutz könnte früher beginnen

Und das heißt: Corona-Maßnahmen könnten eher beginnen. Man bräuchte dann nicht zu warten, bis die Inzidenzzahlen durch PCR-Tests steigen. Eine Infektionswelle könnte so womöglich eher gebrochen werden.

Doch obwohl Landtag und EU auf die flächendeckende Einführung des Frühwarnsystems Abwasser dringen, obwohl auch mit öffentlichen Geldern geförderte Monitoring-Projekte in einigen Kommunen Bayerns schon länger laufen, will die Staatsregierung erst weitere Pilotprojekte in ganz Deutschland abwarten.

Bayern will erst einheitliche Standards abwarten

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek sagte dem BR: "Das Thema Abwasser ist ja in jeder Kommune ein Stück weit anders – mit Kläranlage auch und diesen Systemen. Ich denke, da ist auch der Bund noch einmal gefordert, das RKI, die Dinge zusammenzuführen, einheitliche Standards zu entwickeln."

Das dürfte neben Art und Ort der Probenentnahme auch die Software für die Auswertung betreffen. Hier haben die beiden Münchner Unis wie auch Privatfirmen längst praxisnahe Anwendungen entwickelt. Die Niederlande haben ein flächendeckendes Abwasser-Monitoring bereits eingeführt.

Kritik von der Opposition: Jetzt handeln

Dass der Freistaat noch abwarten will, kritisiert die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Ruth Waldmann: "Das dauert viel zu lange und das versteht man auch nicht." Bereits letzten Sommer hatten auch die Regierungsfraktionen im Landtag einem Beschluss zugestimmt, der die Regierung aufforderte: "Corona-Prävention stärken, Abwasser-Monitoring ausbauen." Ein Bericht des Gesundheitsministeriums dazu lässt aber weiter auf sich warten.

Waldmann sagt klar: "Dieses Abwasser-Monitoring hilft uns wirklich – und da muss man nicht erst abwarten, bis alle Modellprojekte ausgewertet sind." Wenn Bayern wolle, könne es für sich selbst sehr schnell ein Corona-Frühwarnsystem im Abwasser aufbauen, meinen auch FDP und Grüne. "Was wir in einer Pandemie nie haben, ist Zeit. Wir hätten das Abwasser-Monitoring längst in allen bayerischen Städten mit mehr als 150.000 Einwohnern installieren können", kritisiert Christina Haubrich von den Grünen. Von einer ignorierten Chance spricht Dominik Spitzer (FDP).

TU München hält Kosten für überschaubar

So laufen zum Beispiel im Berchtesgadener Land die Analysedaten schon seit dem vergangenen Frühjahr in einem Dashboard zusammen, das die TU München entwickelt hat. Dieses Verfahren sei ohne Weiteres auf andere Landkreise übertragbar, sagt Forschungsleiter Jörg Drewes. Die Kosten seien überschaubar.

Seinem LMU-Kollegen Wieser dauert es ebenfalls zu lange, dass Klaus Holetschek erst auf Entscheidungen in Berlin warten will: "Es ist sicherlich sinnvoll, einheitliche Standards zu entwickeln, allerdings muss man auch die Zeit im Auge behalten. Wir sind jetzt doch schon fast zwei Jahre in unserer Pandemie. Und wenn wir qualitativ gute Daten erheben können, dann macht es Sinn, die auch zu nutzen - auch wenn sie vielleicht nicht mit allen anderen standardisiert vergleichbar sind."

Entscheidung erst 2023?

Inwieweit konkrete Corona-Maßnahmen dann vom Abwasser-Nachweis abhängen sollen, ist aber noch unklar. Maßnahmen künftig allein auf dieser Basis zu beschließen, sei aus jetziger Sicht zu unsicher, bremst Holetscheks Ministerium und verweist auf den Bund. Die hier jüngst ausgeschriebenen, EU-geförderten Pilotprojekte laufen jetzt erst an. Ergebnisse werden dann für nächstes Jahr erwartet.

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